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Island-Thriller

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Island-Thriller

By Bernhild Vögel

krimi2013_seelenGruseliger, härter, blutiger! – Nur so gelangen die als Thriller ausgewiesenen Bücher auf die besten Plätze in den Auslagen der Buchhandlungen. „Unbedingt lesen” empfiehlt ein schillernder Aufkleber auf dem Cover der Seelen im Eis.

Der Roman von Yrsa Sigurðardóttir ist 2012 unter dem Titel Kuldi (Kälte) in Island erschienen. Und dort ist Yrsa gerade mit ihrem brandneuen Roman Lygi auf Platz 1 der Verkaufsliste der Buchhandelskette Eymundsson gelandet – noch vor Arnaldur Indriðasons Skuggasund.

Bleiben wir bei Seelen im Eis. Der Verlag Fischer haut mächtig auf die Pauke: „Nichts für schwache Nerven” „Spannung garantiert”. Und zitiert den Daily Telegraph, der 2010 ein kurzes Interview mit: „Yrsa Sigurdardóttir – Islands Antwort auf Stieg Larsson” betitelte.

Diese Schlagzeile wurde fortan vom britischen Verlag Hodder im Werbefeldzug für die nächsten Yrsa-Krimis genutzt. Es entbehrt nicht der Komik, dass sich ausgerechnet Daily-Telegraph-Kommentator Mark Sanderson ein Jahr später über diesen und ähnlichen „einzigartigen Verkaufsanreiz” lustig macht: „Heutzutage findet man selten einen skandinavischen Krimi, der nicht Stig Larsson oder Jo Nesbø erwähnt. … Was Verbrechen anbelangt, wollen die Leser anscheinend immer mehr von derselben Sorte.” Nun ist Fischer dran mit der nicht besonders originellen Larsson-Nummer.

Anfang November las ich in Mobil, dem Magazin der Deutschen Bahn, ein Interview mit Yrsa und einen Auszug aus Seelen im Eis. Nein, nicht den Prolog, der Das Ende heißt und offensichtlich den Nerven des imaginierten Bahnkunden nicht zuzumuten war. Sondern das zweite Kapitel, das ins Jahr 1974 zurückführt und uns die knapp 22-jährige Asdís vorstellt, Hausangestellte in einem fiktiven Erziehungsheim.

Krókur, ein abgelegener Hof im Südwesten der Halbinsel Reykjanes, wird von dem Ehepaar Lilja und Veigar geleitet. Die Regeln für die Jugendlichen, die bereits mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren, sind streng – kein Kontakt mit Familie und Außenwelt, nachts Einschluss und harte, unbezahlte Arbeit auf dem Hof.

Das Heimleiterpaar ist „wie füreinander geschaffen: sie verbittert und er aggressiv gegen alles und alle”, so erlebt sie Aldís, besonders nachdem Lilja ein missgestaltetes Kind zur Welt gebracht hat, eine Totgeburt, die Veigar sofort wegschafft. Aldís muss das Blut aufwischen und der Geruch hängt ihr nach.

Auch leidet die junge Frau unter den Blicken der sieben Jungen im Alter von 13 bis 16 Jahren, und nun soll noch ein neuer hinzukommen, älter als die anderen und nicht auf dem üblichen Weg eingewiesen. Was hat dieser Einar verbrochen?

Im Jahre 2007 – und jetzt geht es zurück in die Realität – setzte das isländische Parlament Alþingi einen Ausschuss ein, der die Missstände in Kinder- und Erziehungsheimen untersuchen sollte. Anstoß gaben 15 ehemalige Zöglinge des Erziehungsheimes in Breiðavík in den Westfjorden, die über Vergewaltigungen und Misshandlungen in den Jahren 1950 bis 1970 berichtet hatten.

Der Abschlussbericht über neun Heime wurde Ende 2011 vorgelegt und die Missstände benannt: 43 Personen hatten ihre Leidenszeit geschildert: Man hatte sie in ihren Zimmern eingeschlossen, fixiert oder in Isolationshaft gehalten. In zwei Heimen wurden Jugendliche vergewaltigt und körperlich misshandelt. Kritisch wurde im Bericht vermerkt, dass die Entscheidung über die Heimunterbringung der Jugendlichen meist allein in Händen der Polizei gelegen habe.

Óðinn ist neben Aldís die zweite Hauptfigur in Seelen im Eis, eine Figur aus der Gegenwart. Wir werden gleich am Anfang, benannt Das Ende, mit dem Sterben dieses Mannes und seiner elfjährigen Tochter Rún konfrontiert. Er weiß nicht mehr, in welcher Garage sich sein Auto befindet, in dem sie beide sitzen und giftige Motorabgase einatmen.

Óðinn ist bzw. war Mitarbeiter der Staatlichen Kontrollbehörde und sollte die Untersuchung des Heimes Krókur abschließen, da die damit befasste Sachbearbeiterin Róberta verstorben ist. „Es sollte untersucht werden, ob die Jungen durch schlechte Behandlung oder Gewaltanwendung bleibende Schäden davongetragen und möglicherweise ein Anrecht auf Entschädigung hatten. Um das Heim war es bisher ungewöhnlich still geblieben, noch hatte niemand eine Entschädigung gefordert oder sich in den Medien dazu geäußert.”

Yrsa erzählt von dem Erziehungsheim aus der Perspektive des Ermittlers Óðinn, der einen Haufen privater Probleme hat, und aus der ca. 35 Jahre zurückliegenden Sicht von Aldís, die sich – schon allein aus Mangel an anderen Gesprächspartnern – mit dem Neuankömmling Einar beschäftigt. Wir lernen die Nöte der Heranwachsenden nicht direkt kennen, aber Aldís wird nicht viel besser behandelt und gerät in Situationen, bei denen deutlich wird, in welch verzweifelter und isolierter Lage sich auch die Jungen befunden haben müssen.

Allein solche Kapitel machen die Lektüre des Romans, mit dem Yrsa den Zyklus der Krimis um die Rechtsanwältin Þóra (Dóra) unterbricht, lohnend, auch wenn mich der Schluss nicht überzeugt hat. Wenn Asdís von den Blicken des toten Neugeborenen oder ihren eigenen Ängsten verfolgt wird, wenn Óðinn auch tagsüber Albträume plagen, wenn sich das Grauen über eigene oder fremde Schuld materialisiert, sind das glaubwürdige Spannungselemente. Der Schluss des Romans aber überspannt meiner Meinung nach den Bogen, indem er ein ominöses „Böses” ins Spiel bringt, das sich bestimmter Personen bemächtigt – mehr darf ich nicht darüber ausplaudern. Macht Euch selbst ein Bild, liebe Leser!

krimi2013_todesnachtEin zweiter, ebenfalls als Island-Thriller beworbener Roman, trägt den Titel Todesnacht. Der Autor Ragnar Jónasson (Jahrgang 1976) ist Jurist und hat laut Klappentext 14 Agatha-Christie-Romane ins Isländische übersetzt. Nach Schneebraut (2011) ist Todesnacht sein zweiter Roman um den jungen Polizeibeamten Ari aus Siglufjörður. Mobbing, Menschenhandel und sexueller Missbrauch sind seine Themen.

Todesnacht ist ein einfach aufgebauter Krimi, der ganz sicher kein Thriller ist. Vor einem Hof im Skagafjörður findet ein Tourist einen erschlagenen Mann, den Bauunternehmer Elías, der auch am Bau des Héðinsfjarðargöng (dem 2006 bis 2010 gebauten Tunnel zwischen Ólafsfjörður und Siglufjörður) beteiligt war. Der Polizist Ari und die Reykjavíker Journalistin Ísrún nehmen unabhängig voneinander Recherchen auf.

Dass sich der Roman gemächlich entwickelt, stört mich nicht; ich vermisse Atmosphäre. Wenn Ari vor dem Bäckerladen in Siglufjörður steht und den Zimtschneckenduft einatmet, entsteht ein Bild im Kopf des Lesers. Doch solche Schilderungen sind allzu selten. Wer die Schauplätze nicht kennt, bekommt wenig Vorstellung von ihnen. Vielleicht muss man dazu den ersten Band kennen? Da ich Schneebraut nicht gelesen habe, verweise ich auf die kritisch-wohlmeinende Rezension auf Wortspiele, dem literarischen Blog von Wolfgang Schiffer.

Und schließe mit ein paar eigenen Winterimpressionen zu Siglufjörður und wünsche eine geruhsame Adventszeit.

Bernhild Vögel – [email protected] www.birdstage.net

Yrsa Sigurðardóttir Seelen im Eis Aus dem Isländischen von Tina Flecken Fischer Taschenbuch 368 Seiten,9,99 Euro

Ragnar Jónasson Todesnacht Aus dem Isländischen von Tina Flecken Fischer Scherz 336 Seiten, 14,99 Euro

Weitere Besprechungen von Romanen von Yrsa Sigurðardóttir: Todesschiff (2012) Die IQ-Kids und die geklaute Intelligenz (Kinder-Krimi, 2011)

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