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Der gestohlene Fluss

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Der gestohlene Fluss

By Bernhild Vögel

bc_fluss_2Eigentlich hätte ich diese Besprechung schon vor über einem Jahr schreiben können, aber dummerweise hatte ich die Einladung zur Finissage der Ausstellung The Surface of Displacement in Berlin, bei der das Hörbuch Der gestohlene Fluss vorgestellt wurde, übersehen.

Nun aber erhielt ich zum zweiten Mal eine Nachricht von einem gewissen Benten Clay:

„Sie müssen kein reicher Sammler sein, um sich zeitgenössische Kunst zu kaufen. BENTEN CLAY hat ein paar seiner Werke in limitierten Editionen aufgelegt ... Erhältlich sind das Hörbuch „Der gestohlene Fluss“, das Poster „Dyrfjöll“ mit isländischem Berg und Sonnengrafik ...“

Nun, unter einem gestohlenen Fluss, da konnte ich mir tatsächlich etwas vorstellen. Doch wer ist – seltsamer Name – Benten Clay?

„BENTEN CLAY ist ein weltweit agierendes Unternehmen und produziert medienübergreifend mit Fokus auf dem Langzeitprojekt Age of an End...“

Weiter lese ich auf der Internetseite dieses seltsamen Unternehmens, dass es im August 2011 in Dubai gegründet wurde, einen Monat später in Olkiluoto, Finnland, mit der Produktion begann, sein Headquarter aber in Berlin hat und sein größter Unternehmensbereich Forschung und Entwicklung ist.

Aha, da wird ordentlich geklotzt. Aber klar wird mir: Benten Clay ist keine Person, der Name entstammt dem ersten Projekt „über das weltweit erste nukleare Endlager in Finnland. Eins der wichtigsten Materialien, die darin verbaut werden, ist Bentonit, im englischen Bentonite Clay.“

Stellt sich dar wie ein Global Player in Sachen „Kunst, die verbindet – für eine nachhaltige Zukunft“. Und behauptet: „Eingehende Marktanalysen unserer Abteilung Communications and Appropriation haben ergeben, dass es keine präzisere Formulierung der Unternehmenspolitik von BENTEN CLAY gibt, als die der führenden Spitzenunternehmen Deutsche Bank und BASF.“

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Das sind die Spitzen von BENTEN CLAY. Foto: BentenClay.

Hinter dieser Unternehmensmaske verbergen sich zwei Berliner Künstlerinnen. Vera Hofmann hat 2009 ihren Abschluss in Foto-Design am Lette-Verein Berlin gemacht und bringt als diplomierte Betriebswirtin ihre Erfahrung als Beraterin in internationalen Werbeagenturen ins Projekt ein. Sabine Schründer hat ihr Diplom im Bereich Fotografie und Video an der FH Bielefeld gemacht und 2007 zusammen mit anderen Künstlern die Galerie Loris gegründet; ihre Installationen fanden auch international Beachtung, u.a. in Vilnius, Riga und Tokio.

„Inhaltlicher Fokus von BENTEN CLAY liegt auf dem Langzeitprojekt Age of an End, in dem Erscheinungen der Jetzt-Zeit wie die Limitation natürlicher Ressourcen, Ausformungen und Mechanismen von Macht und unkontrollierbare Faktoren des menschlichen Strebens mit künstlerischen Mitteln untersucht werden.“

Im Februar 2012 wurden die beiden von SÍM, der Vereinigung der bildenden Künstler Islands, eingeladen, um an einem neuen Kapitel von Age of an End zu arbeiten. Nach der Beschäftigung mit Onkalo, dem Endlager für hochradioaktiven Atommüll in Finnland, nun zur maßlosen Ausbeutung der Energieressourcen in Island:

„Das Spannungsfeld zwischen scheinbar unberührter Natur und dem menschlichen Übermaß prägt hierbei das Untersuchungsfeld von BENTEN CLAY.“

Der Schriftsteller Andri Snær Magnason hat 2006, als der Staudamms Kárahnjúkar in Ostisland trotz vieler Proteste fast schon fertiggestellt war, seine vielbeachtete Dokumentation Traumland veröffentlicht, die allerdings erst 2011 auf deutsch erschienen ist. Das Buch und der anschließend produzierte Film Draumalandið (mit englischen Untertiteln) dokumentieren, wie Politiker und die Agenten des Aluminiumkonzerns Alcoa der Bevölkerung Sand in die Augen gestreut, sie belogen und mit Versprechungen für das maßlose Projekt „Größter Staudamm Europas“ gewonnen haben und wie die Gegner ausgegrenzt und eingeschüchtert wurden. Mehr als hundert Kilometer vom Staudamm entfernt kämpfen Örn Þorleifsson und seine Familie auf dem Hof Húsey seit Jahren gegen die ökologischen Langzeitfolgen; ich habe schon des Öfteren darüber berichtet, zuletzt in Geschichten vom Mündungssand.

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Örn Þorleifsson, Juli 2013. Foto: F. Vögel.

Die Benten-Clay-Frauen hatten Örn im Winter 2012 besucht und ein über einstündiges Interview mit ihm geführt, das als Hörbuch vorliegt, schön gestaltet und schlicht verpackt. Es empfiehlt sich, den Text anfangs im Booklet mitzulesen, bis man sich in Sprachmelodie und Satzbau eingehört hat. Deutsch ist Örns Muttersprache; seine Mutter stammte aus Gmünd im österreichischen Waldviertel. Im Booklet sind die Texte redigiert, ich halte mich bei den nachfolgenden Zitaten mehr an das gesprochene Wort.

Örn spricht von „Drecksenergie“, denn es könne nicht sauber sein, „Land in Öde zu bringen und das Gold von dem Land an große ausländische - was sagt man? - kapitalistische Fabrikanten“ zu verschleudern. Er rechnet vor, wie die Vernachlässigung der Landwirtschaft und der Fischindustrie die Region veröden ließ. Das regionale Schlachthaus und die Molkerei wurden geschlossen, keine Krone mehr in die Fischindustrie investiert. Aluminium sollte die künstlich in Not versetzte Region retten.

Weil er sich nicht bestechen und betören ließ und nicht einsah, warum die Isländer Aluminium für die US-amerikanische Wegwerf-Coca-Cola-Dosen-Kultur „und für Panzer, damit die in Mittelasien uns Öl geben können“ produzieren sollten, war Örn Druck und Anfeindungen ausgesetzt: „Du willst keine Fortschritte, du willst nur bleiben in deinen Schafschuhen und mit Kerzenlicht in deinem Haus.“

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Am gestohlenen Fluss Jökulsá á Brú. Foto: B.Vögel.

Der damalige Außenminister Halldór Ásgrimsson und Premierminister David Oddson waren nach Örns Ansicht die Hauptschuldigen:

„.... dass zwei Politiker können einen Fluss stehlen einfach.“ Wer die komplizierten Vorgänge (ein Großteil des Wassers eines Gletscherflusses wurde in den anderen abgeleitet, sodass im Mündungsgebiet die Jökulsá á Brú kaum mehr Wasser führt und der Lagarfljót sich ausdehnt und das Land überschwemmt) nicht kennt, wird nicht sofort alles verstehen, was Örn berichtet – aber neugierig werden.

„Quatschköpfe“, die nie „die Hand in kaltes Wasser gesteckt“ haben, nennt er die Politiker, und: „Die sollte man anzeigen als Verbrecher“.

Örn schaut nicht nur vor die Haustür, er prangert all die Großprojekte an, die Politiker und staatlicher Energiekonzern Landsvirkjun unverdrossen weiterverfolgen (siehe Þjórsá-Stauwerk) und sorgt sich um das Mývatn-Gebiet, wo beim Geothermalkraftwerk Krafla der größte Teil der erzeugten Energie verpufft. „Da ist so viel Schmutz in dem Dampf, der aus der Erde kommt, Schwefel und Schwermetalle.“

Das ist keine saubere Energie, sagt er, das ist „eine große Schande“.

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„Das Einzige, was hier bleibt immer das Gleiche, kann ich euch sagen, in dem Türberg hier gegenüber, das ist eine riesige Tür.“ (Poster Dyrfjöll von Benten Clay)

„Die Erde läuft immer weiter. Das macht ihr gar nichts aus, die rollt. Und die Leute sagen immer: Wir wollen die Erde retten. Ha, das ist doch große Lüge! Die wollen seine eigene Haut retten! Ob wir machen CO² in die Luft oder Ozon, das stört die Erde nicht! Die läuft weiter. Aber wir sterben.“

Und weil es um das Leben geht, wollen sich die beiden Berliner Künstlerinnen Vera Hofmann und Sabine Schründer nicht in einer Kulturnische abstellen lassen und mischen sich ein: Mit der Produktion des Hörbuches und der Installation The Surface of Displacement (Die Oberfläche der Verdrängung), einer Auseinandersetzung mit dem Staudamm, mit Vermessung, Vermessenheit und Verdrängung. Die Verwirrung, in die sie die Betrachter ihre Internetseite stürzen, ist erklärte Absicht.

Bernhild Vögel – [email protected] www.birdstage.net

DER GESTOHLENE FLUSS Erzählung in dt. Sprache, 68' auf CD, Textheft, Poster, 2012 Verstrickungen, Hintergründe und Auswirkungen eines Großprojekts. Ein Hörbuch. Herausgeber: BENTEN CLAY Publishers Grafikdesign: Allan McEvoy Die CD kann bei hier für 20 Euro + Versandkosten bestellt werden.

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