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Hören Sie gut zu!

By Bernhild Vögel
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Photo: Other

Von diesem Buch habe ich schon vor Jahren geträumt. So nachzulesen in meinem Tagebuch von der sagenhaften Frankfurter Buchmesse 2011.

Da ich aber im Traum den hellblauen Einband mit einem Kartoffelschäler verunstaltet hatte, sind auf der Vorderseite nur einige blaue Buchstaben erhalten geblieben. Das J und das GNA in einem wilden blau-weißen Durcheinander nach dem Erfolgsrezept des Autors: „Wir wählten die hässlichste Typografie … die wir finden konnten“.

Jón Gnarr kam am vergangenen Freitag zur Weltpremiere seines Buches Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! nach Berlin in die Volksbühne.

Der derzeitige Bürgermeister von Reykjavík berichtet in dem Buch mit dem Untertitel Wie ich einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte, wie seine Eltern und seine Lehrer ihm eine trübe Zukunft als Müllmann prophezeit hatten, was ihm durchaus zusagte: „Die Müllmänner waren die Seeräuber der Neuzeit. Sie kamen im Morgengrauen, sprangen lässig hinten auf ihre Müllautos, waren frei und unabhängig.“

Er galt als verhaltensauffälliges Kind, das in der Schule den Pausenclown gab. Entdeckte für sich dann Punk, Anarchismus und Surrealismus, fand zum Dao und wurde überzeugter Pazifist. Hat auf dem Bau gearbeitet und als Pfleger in der Psychiatrie und, so schreibt er, auch im miesesten Job versucht, sein Bestes zu geben. Vergisst zu erwähnen, dass er, der Schulversager, mit 20 Jahren nicht nur den zweiten, sondern auch den ersten Preis eines Lyrik-Wettbewerbes gewann, was man, so des Isländischen mächtig, hier genüsslich nachlesen kann.

Neben dem Taxifahren begann Jón Anfang der 1990er Jahre mit Comedy – ein Hobby, das zur Berufung wurde. Auch wenn er als Komödiant so erfolgreich wurde, dass schließlich jeder in Island seine Sketsche (Fóstbræður), Comedie-Serien wie Næturvaktin (Die Nachwache) und Filme (Bjarnfreðarson) kannte, kultivierte er sein Außenseitertum.

Wie aber kommt so jemand dazu, in die Politik zu gehen? Im Buch beschreibt er, wie er nach dem Bankenzusammenbruch seinen Job in einer Werbeagentur verlor und berichtet von seiner Überlegung, die Bürger dürften die Demokratie nicht den Politikern überlassen.

Bei der Buchvorstellung in der Volksbühne erzählt er auch von seinem Vater, einem eingefleischten Kommunisten, der ihm die Kindheit nicht leicht gemacht und die Politik verleidet hatte, dessen verzweifelte letzte Bitte nach dem Bankencrash: Versprich mir, dass Ihr etwas gegen dieses Unrecht und die Wirtschaftsbosse unternehmt! aber auch Anstoß gab für Jóns Entscheidung: Die Politiker haben mich ein Leben lang gestört – jetzt störe ich sie. Hören Sie gut zu! signing

Foto: Rainer Ahrens

Auf dem Podium der Volksbühne saß auch Richard David Precht, dessen Buch Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Jón Gnarr beeinflusst hat. Die kommunistische Sozialisation (bei Precht ganz, beschrieben in Lenin kam nur bis Lüdenscheid, bei Jón halb, da seine Mutter Anhängerin der rechtskonservativen Sjálfstæðisflokkurinn war) haben beide gemeinsam und auch die Überzeugung, dass „Politiker“ eigentlich ein unmöglicher Beruf ist.

Der Politiker, so führt Precht aus, darf seine Meinung nicht frei äußern, ohne von der jeweiligen Partei abgestraft zu werden, Lügen gehört zu seiner Rolle, sein Arbeitsplatz ist vergiftet, seine Persönlichkeit wird deformiert.

„So eine Art Superhelden“ – so stellen wir uns den Politiker vor, schreibt Jón Gnarr. Bleibt immer cool, weiß alles, zweifelt nie, hat „aber leider auch kaum noch menschliche Züge. Wodurch sind unsere Politiker so geworden? Wer hat sie so gemacht? Die Antwort lautet: Wir. Wir alle.“

Und Richard David Precht erinnert daran, dass bisher das politische Handeln im Licht der Öffentlichkeit stand. Jetzt aber wird das Privatleben der Politiker nicht mehr geschont. Früher saßen sie bis zum zweiten Schlaganfall im Parlament – heute versilbern sie lieber ihrer Kontakte und gehen in die Wirtschaft.

Doch in Island wurde ein Clown Politiker. Anfang Juni 2010, kurz nach dem Wahlsieg der von ihm ins Leben gerufenen Besten Partei fragten wir in der Iceland Review: „Was wissen wir über den neuen Bürgermeister von Reykjavík?" Will der Komödiant „ernsthaft die Rolle des Bürgermeisters von Reykjavík spielen? Niemand weiß es, einige spekulieren, alles sei Teil eines grossen Schauspiels, das der Künstler verfasst habe.“

gnarr02_r_ahrensDie Bärenbändigerin übereignet dem Reykjavíker Bürgermeister zwei Bären und bittet um ein Beweisfoto fürs Morgunblaðið. Foto: Rainer Ahrens.

Auf der Leinwand in der Volksbühne läuft noch einmal der Wahlfilm der Besti Flokkurinn, bei dem ich immer wieder Tränen lache, so oft ich ihn auch schon gesehen habe. Jón und seine Freunde stellen die Politik bloß und brechen den etablierten Diskurs auf. Sie versprechen das Blaue vom Himmel herunter und versprechen sogleich, ihre Versprechen brechen zu wollen.

Jón Gnarr kann dick auftragen, ob Rouge, wenn er als Drag Queen die Schwulen- und Lesbenparade in Reykjavík eröffnet, ob rethorisch, wenn er im Wahlfilm den Populisten gibt. In der Volksbühne aber erleben wir einen nachdenklichen, zurückhaltenden Jón.

Wenn Moderatorin Annette Brüggemann ihn fragt, was die Beste Partei denn nun alles von ihren Versprechen umgesetzt habe, kommt die Antwort notwendigerweise etwas verzögert. Denn leider hat die Moderatorin nur die Überschriften vorgelesen, so dass zum Beispiel hinter der Parole „Schluss mit der Korruption!“ der entscheidende satirische Nachsatz „Wir versprechen, jegliche Art von Korruption zu bekämpfen, indem wir sie öffentlich und vor aller Augen betreiben“ fehlt.

Von Jón kommt wieder erst einmal ein bedächtiges Já (gesprochen Jauu) mit Pause, in der das Publikum den Atem anhält.

Wir haben gezeigt, sagt Jón sinngemäß, dass Humor und Spaß den politischen Alltag beleben. Aufgaben wie die unpopuläre Zusammenlegung von Schulen und die Rettung des maroden Energieversorgers mussten angepackt werden, und wir haben ein Forum für Bürgerbeteiligung geschaffen.

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Jón Gnarr signalisiert: Ein Wahlversprechen der Besti Flokkurinn ist doppelt eingelöst. Zwei Eisbären für den Reykjavíker Haustiergarten! Foto: Rainer Ahrens.

Jón Gnarr hat sich geweigert, Offiziere deutscher Kriegsschiffe zu empfangen und möchte noch durchsetzen, dass Reyjavík zur militärfreien Zone erklärt wird. Er hat seinen Beitrag dazu geleistet, dass Reykjavík UNESCO-Literaturstadt geworden ist.

Auch seine Gegner müssen heute anerkennen, dass er sein Bestes gegeben hat, um die Hauptstadt Islands durch die schwierige Krisenzeit zu bringen. Zwischen 2003 und 2010 hatten sich sechs Politiker am Schleudersitz des Bürgermeisters versucht. Jón ist seitdem der erste, der die vierjährige Amtsperiode – die ihm zuvor wie „vier Jahre im Knast“ erschienen waren, durchsteht. Sie endet im Juni dieses Jahres.

Und das ist genug, hat er im Herbst 2013 in einem RÚV-Interview erklärt, und bekräftigt in Berlin zum Schluss der Buchvorstellung: Würde ich ein zweites Mal kandidieren, würde ich tatsächlich zum Politiker.

Das Schlusswort des eloquenten Gesprächspartners Precht ist kurz: Jón, der soll so bleiben wie er ist!

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Die Eisbären von Benten Clay präsentieren ihre Beute ... Foto: Rainer Ahrens.

Und doch hat das Amt den Künstler verändert und Spuren hinterlassen:

„Eine Schneeflocke war für mich immer etwas Wunderschönes. Ich habe den Schnee geliebt. Aber jetzt denke ich bei Schneefall nur, wie teuer es ist, die Straßen freizuhalten. Wir sehen die Dinge jetzt mit anderen Augen, und das macht Spaß und ist gesund.“

So kann man es in Hören Sie gut zu und wiederholen Sie nachlesen. Der Titel bezieht sich auf den nicht sehr erfolgreichen Versuch des Autors, auf Autofahrten mittels einer Sprachkassette deutsch zu lernen. Er möge uns aber auch daran erinnern, dass Jón Gnarr dieses lehrreiche und vergnügliche Buch exklusiv für die deutschsprachigen Leser geschrieben hat und damit auch für mich, die das erträumte Werk schon seit einigen Tagen in Händen hält.

Jón Gnarr stellt es heute um 19:00 Uhr im KörberForum Hamburg und am Mittwoch, 22. Januar, im King Georg in Köln vor. Am Freitag kommt es dann offiziell in den Buchhandel. Viel Spaß beim Zuhören und Lesen!

Bernhild Vögel (Bjarnatemjarin) [email protected] www.birdstage.net

Jón Gnarr: Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! Wie ich einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte Aus dem Isländischen von Betty Wahl Tropen Sachbuch, Klett-Cotta, 2014. 176 Seiten, 14,95 Euro.

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