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Jetzt geht's um die Wurst!

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Jetzt geht's um die Wurst!

Photo: Dagmar Trodler

Der isländische Hotdog hat ganz klar Konkurrenz bekommen und sollte sich warm anziehen.

Auch wenn man als resident nur wenig Veranlassung hat, ein Hotel in Reykjavík zu betreten, darf für das Restaurant “Pulsa” eine Ausnahme gelten, denn hier können selbst wursterfahrene Teutonen das Staunen lernen.

Eine unkonventionelle Mischung aus Spiegeln, Samt und pseudoaltem Küchenmobiliar sorgt für überraschende Gemütlichkeit in der ansonsten kühl und offen gehaltenen Lobby des Hotels Hlemmur Square. “Ich mochte immer schon Spiegel,” schwärmt der Besitzer Klaus Ortlieb. “und das Rot sollte Farbe bringen, Reykjavík ist so voller wunderbarer Farben!” Er nennt diese Kreuzung aus Biergarten und Salon sein “rustikales Boudoir”.

Das Restaurant schmiegt sich mit seiner tiefroten Samtwand in eine Ecke der Lobby, ohne optisch abgetrennt zu sein. Die Offenheit ist konsequente Weiterführung seiner Philosophie vom rezeptionsfreien Hotel, wo es kein Schlangestehen gibt, sondern genug Personal, welches dafür sorgen soll, dass der Gast sich wie zuhause fühlt.

Die von Ortlieb selbst liebevoll zusammengestellte Auswahl an Würsten ist international inspiriert, sie vermischt isländische Tradition mit “echter” Wurst. Neben einer wirklich guten Currywurst und hausgemachter Bratwurst, sowie guten alten Reibekuchen, alles aus dem Rezeptbuch von Ortliebs Mutter stammend, stehen auch nordafrikanische Merguez in einer saftig-scharfen Variante auf dem Speiseplan, eine isländisch inspirierte Blaubeerwurst mit Schweinefleisch und – exotisches Highlight der Karte – eine mit Schellfisch gefüllte Wurst nebst einer gebratenen isländischen Langustine. Veganer werden sich über eine ausgesprochen würzig und unlangweilige Wurstvariante freuen.

Die Beilagen sind mit traditionellen Zutaten wie Kartoffeln, Süsskartoffeln und Salaten ebenfalls ein Tribut an Tradition, ohne jedoch den Teller zu überladen. Wer nicht auf Wurst steht, kann auch die in Island so beliebten Burger mit Pommes ordern, sowie gegrillte Käsespezialitäten auf Salat.

Die Speisen sind so dimensioniert, dass immer noch Platz für eins der köstlichen Desserts ist, und auch hier liegt ein Hauch von Heimat über dem Teller, wenn die kleine Dampfnudel aus Skyr mit heissem Erdbeerkern serviert wird. Sämtliche Speisen sowie die meisten Wurstsorten stammen aus Pulsa's eigener Herstellung.

Auch die Preisgestaltung in Ortliebs Luxuswürstchenbude erfreut den Gast. Trotz Salon, Weinkarte und einer ausgesprochen hippen Biersortenauswahl (fast 120 Sorten aus aller Welt sind im Angebot, natürlich vor allem isländische Biere) passt die Rechnung am Ende viel eher zu den rustikalen Tischen und ermöglicht damit auch dem Kleinverdiener einen wirklich netten Abend mitten in Reykjavík.

“Ich will, dass sich jeder leisten kann, mal gut essen zu gehen,” sagt Klaus Ortlieb.

Der Hotelier, der unter anderem in den USA mehrere Topclass-Hotels betreibt, ist spürbar seinen deutschen Wurzeln verpflichtet. Inmitten einer grossen Geschwisterschar aufgewachsen, weiss der badische Bürgermeisterssohn immer noch, wie man die heitere Atmosphäre einer grossen Familientafel heraufbeschwört und anständiges Essen serviert, ohne mit Schnickschnack zu nerven.

Die gute alte Bratwurst profitiert von diesem Styling. Am zentralen Busbahnhof Hlemmur ist sie immer noch in “ihrem Revier”, hat aber den Weg aus der Billigsaucen- und Plastikpiekser-Ecke herausgefunden und ist zur echten Speise gekürt geworden. Til hamingju, pylsa!