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Mein erstes Foto aus Island

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Die Wirtschaftskrise in Island war in den deutschen Medien ein grosses Thema. Sie berichteten über alle wichtigen politischen Entscheidungen der isländischen Regierung und auch über die Probleme, mit denen sich die Menschen aufgrund der sich verschlechternden Wirtschaftslage auseinandersetzen mussten.

Da ich gerade mitten in den Vorbereitungen für meine Islandreise steckte, las ich natürlich jeden noch so kleinen Newsschnipsel im Netz, den ich über die Krise finden konnte.

Ich war erleichtert, als ich unsere Wirtschaftslage mit der Situation Islands im vergangenen Herbst verglich. Die Krise hatte meine Freunde und mich nicht so hart getroffen, wie die Isländer. Ehrlich gesagt, in unserem Alltag bekamen wir davon überhaupt nichts mit.

Ich muss zugeben, dass wir sehr schmunzeln mussten, als wir im Internet Bilder und Filme über die Demonstrationen vor dem Althingi (Parlamentsgebäude) und dem Rathaus sahen.

Besonders ein Video, eine wackelige Aufnahme, ging mir nicht mehr aus dem Kopf: Isländer, die mit Schneebällen auf den Premierminister Geir H. Haarde schiessen und mit allen nur erdenklichen Küchengerätschaften Lärm produzieren.

Wir machten Witze darüber, ob Tomaten vielleicht zu teuer wären, um damit auf den Premierminister zu werfen. Das war zumindest immer eine sehr beliebte Waffe unter deutschen Demonstranten. Aber die, die im Glashaus sitzen, sollen nicht mit Tomaten werfen...

Mittlerweile hat es die deutsche Wirtschaft ebenfalls getroffen. Nicht nur, dass viele der grossen Konzerne ihre Produktionen herunterfahren mussten, nein, durch einige Regierungsentscheidungen zahlen wir Deutschen mit unseren Steuergeldern die Verluste von nationalen und internationalen Banken. Auch viele Privatleute mussten sich mit dem Verlust ihres in Wertpapiere und Fonds investierten Vermögens abfinden.

Ich vermute, wir amüsierten uns so herrlich über die Schneeballwerfenden Isländer, weil wir unsere eigene Unfähigkeit damit vertuschen wollten. Unfähig aktiv zu handeln und unfähig die Realität wahrzunehmen. Natürlich war es nur eine Frage der Zeit bis die kreppa uns erwischt!

Kaum war ich Anfang April in Reykjavík angekommen, nervten mich meine Fraunde ständig damit, ihnen endlich Fotos von Island zu schicken.

Es gibt Leute, die ohne Rücksicht auf Verluste immer und überall Fotos machen. Ich bewundere deren Mut jegliches Treiben zu fotografieren und alle Fotos bei Facebook oder in anderen Sozialen Netzwerken zu posten. Ich selbst habe den Trend der Selb-Dokumentation irgendwie verschlafen und besitze noch nicht einmal eine Fotokamera.

Aber im Zuge der Modernisierung meiner Selbst habe ich es zumindest geschafft, mir für meine Islandreise eine Kamera zu borgen.

Es dauerte zwei Tage, bis ich mich dazu überwinden konnte auf den Auslöser zu drücken. Aber nichts passierte. Ich bemerkte schnell, dass ich den Akku der Kamera zu Hause vergessen hatte. Glücklich darüber, dass keiner meine peinliche Aktion gesehen hatte und erleichtert, dass ich von meinen fotografischen Verpflichtungen entbunden war, beendete ich meinen Spaziergang durch die Stadt.

Bei meinem nächsten Ausflug fehlte es meiner Kameraausrüstung an nichts mehr. Und da war es: das Motiv für mein erstes Foto! Ich stand vor dem kaputten Fenster des Althingi Gebäudes.

Plötzlich hatte ich wieder all die Bilder der Demonstranten in Reykjavík vor Augen. Zu Hause mailte ich das Foto an all meine Freunde. Der Betreff lautete: ‚Isländischer Schnee für Deutschland.’

Während ich hier sitze und schreibe, spekulieren zu Hause die ersten Medien darüber, ob es in Deutschland auch zu Ausschreitungen gegen die Regierung kommen könnte.

Aber ich glaube, wir Deutschen sind viel zu sehr mit dem bürokratischen System und dem Ausfüllen von Formularen beschäftigt, so dass wir gar keine Zeit zum Demonstrieren haben.

Mit diesem ersten Foto wollte ich meine Freunde zum Nachdenken bringen und sie dazu motivieren, sich am politischen Leben in Deutschland zu beteiligen. Man muss ja nicht gleich den Chef als Geisel nehmen, dass ist sicherlich der falsche Ansatz. Das geht zu weit.

Doch jeder sollte wenigstens ein einziges Mal in seinem Leben einen Schneeball geworfen haben. Jetzt wäre die richtige Zeit dafür – an geeigneten Zielobjekten mangelt es wahrlich nicht.

Jennifer Zoltek – [email protected]view.com

Jennifer Zoltek studiert Online-Redakteur in Köln und absolviert bis Ende Juni ein Praktikum bei Iceland Review Online.

Die in dieser Rubrik veröffentlichten Beiträge geben nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.