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Die Rache der Elfenkönigin

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Das bekannteste und nervigste Klischee über Island ist, dass wir an Elfen glauben. Ausländer finden den Gedanken daran so komisch und faszinierend, dass das Thema fast in jeder Dokumentation, in jedem Artikel und Reiseführer über Island vorkommt.

Auch wenn es nicht wirklich wahr ist.

Der deutsche Künstler Wolfgang Müller, ein ehemaliges Mitglied der Musikband „Die Tödliche Doris“, behauptete in einem Interview der Frankfurter Rundschau im Dezember 1995, dass das Medium Erla Stefánsdóttir eine Elfenbeauftragte für Island wäre.

Ich weiss nicht, ob es ein Scherz sein sollte, aber es wurde sehr ernst genommen. Als ich letzten Sommer in Dresden Urlaub machte, war die „Elfenbeauftragte“ sogar das Thema einer Quizshow im Fernsehen. Es wurde tatsächlich behauptet, dass so ein Posten in Island existiert.

Die Isländer sind auch fleissig dabei, dieses Klischee weiter zu verbreiten, denn damit lässt sich gut Geld verdienen. Sobald ein Produkt oder Angebot mit Elfen in Verbindung gebracht wird, egal ob es ein Buch, Kunstwerk, Souvenir oder ein Ausflug ist, geht es weg wie warme Semmel.

Isländische Volksgeschichten beinhalten viele Legenden vom huldufólk, dem „verborgenen Volk“, die in Bergen und Hügeln leben. Höchstwahrscheinlich sind diese Geschichten entstanden, weil Menschen, die im engen Kontakt mit der Natur lebten, keine anderen Erklärungen für bestimmte natürliche Phänomene hatten.

Laut dieser Legenden sehen die „Verborgenen“ aus wie normale Menschen. Sie sind nur etwas schöner, glanzvoller und reicher als die einfachen Bauern, welche davon träumten in die Welt der Elfen eintreten zu können und ein bisschen von deren Gold zu bekommen. Das „verborgenen Volk“ hat auch diverse übernatürliche Kräfte.

Die huldufólk Legenden beinhalten oft Liebesgeschichten zwischen Elfen und Menschen, welche fast nie ein glückliches Ende nehmen, weil die Liebhaber in den Konflikt zweier Welten geraten.

Darüber hinaus gibt es auch einige böse Charakteren unter dem „verborgenen Volk“. Im Volkslied über Ólafur Liljurós wird erzählt, wie er lieber seinen christlichen Glauben behält, als einer Elfe in ihr Reich zu folgen. Die schöne Fee mochte seine Entscheidung nicht und hat ihn deswegen kaltblütig ermordet.

Die Menschen zogen es deshalb vor eine gewisse Distanz zu den Elfen zu halten und respektierten die Anwesenheit der Elfen auf ihrem Land. Sie liessen zum Beispiel das Gras auf ihren Hügeln in Ruhe wachsen und die Elfen bewachten dafür den Bauernhof. Aber wenn die Menschen irgendwas taten, was die Elfen ärgerte, dann rächten sie sich bitterlich.

Wenn ich sage, dass Isländer nicht an Elfen glauben, meine ich damit die Mehrheit der Bevölkerung, die diese Geschichten als nichts anderes als Geschichten abtun.

Immerhin sind Isländer von Natur aus ziemlich abergläubisch und würden nur ungern mit absoluter Sicherheit sagen, dass es keine Elfen gibt. Aus diesem Grund sind einige Studien, die dieses Thema beinhalten oft verwirrend. Dies kommt daher, dass die Teilnehmer ein Problem haben, wenn sie auf diese Frage nur mit „ja“ oder „nein“ antworten können.

Jedoch gibt es tatsächlich Menschen in Island, die fest daran Glauben, dass das „verborgene Volk“ existiert. Genauso wie es Menschen überall auf der Welt gibt, die an Geister und ausserirdische Wesen glauben.

Ich finde, dass man diese Menschen nicht als verrückt bezeichnen darf und sie auch nicht gleich in die psychiatrische Anstalten einsperren sollte. Sie haben es nicht verdient, dass Journalisten sich über sie in Zeitungsartikel lustig machen. Sie haben das Recht zu glauben was sie wollen und machen so die Welt für ihre Mitmenschen interessanter.

Als ich meinen Freund zum ersten Mal traf, wohnte er in einem alten Haus am Rande von Akureyri. Es war früher einmal ein Bauernhof gewesen, wurde jedoch mittlerweile von der Stadt verschluckt. Im Garten steht ein kleiner grüner Hügel, der angeblich der Eingang zum Reich einer Elfkönigin sein soll.

Seine Oma, die vor mehreren Jahren gestorben ist, hatte den Hügel immer beschützt und verhindert, dass er zugunsten eines schönen Gartens dem Erdboden gleich gemacht wurde.

Ihre Familie hat ihre Wünsche respektiert und fragte die Elfkönigin sogar, ob es in Ordnung wäre den Hügel mit einem Miniatur Torf-Bauernhof und Gartenzwerg zu dekorieren.

Ein damaliger Arbeitskollegen meines Freundes, der total von der Gartenzwerg-Szene des Films Threesome fasziniert war, schnappte sich eines Tages den Gartenzwerg vom Hügel und nahm ihn mit auf ein U2 Konzert nach London.

Die Familie von meinem Freund war sehr besorgt, als der Zwerg verschwunden war. Selbst nachdem er unbeschadet von seiner London Reise zurück gekehrt war und seinen Platz auf dem Hügel im Garten wieder eingenommen hatte, warnte die Mutter meines Freundes seinen Arbeitskollegen davor, dass die Elfkönigin sich rächen würde.

Und sie rächte sich tatsächlich. Der Gartenzwergdieb war mit seinem Auto auf der Ringstrasse unterwegs, die einmal um Island an den Küsten entlang führt. Er wollte sich nur eine Flasche Pepsi aus seiner Tasche nehmen, die auf dem Beifahrersitz lag, als er die Kontrolle über seinen Wagen verlor und das Auto über die Klippe stürtzte.

Zum Glück war dies einer der wenigen Fälle, wo es sich gelohnt hat keinen Sicherheitsgurt zu tragen. Der Fahrer schaffte es in der letzten Sekunde aus dem Auto zu springen – mit der Pepsi Flasche in der Hand (er sagte später, dass dieser Unfall die perfekte Pepsi Werbung gewesen wäre) – bevor das Auto über die Klippe flog. Bis auf ein Seitenspiegel war es vollständig kaputt.

Also, jeder kann selber entscheiden, ob er an Elfen glauben möchte oder nicht. Jedoch sollte man vorsichtig sein, um sie nicht zu ärgern.

Eygló Svala Arnarsdóttir – [email protected]

Eygló ist Redakteurin bei Iceland Review Online. Sie hat drei Jahre Kommunikationswissenschaft in Erfurt studiert und hat ihren Master in Journalismus an der Universität Westminister in England gemacht.

Die in dieser Rubrik veröffentlichten Beiträge geben nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.