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Tischfussball mit Kristof Magnusson

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Neckarbischofsheim? Wo liegt denn Neckarbischofsheim? Ich hatte mich dazu entschlossen, genau dort eine Lesung mit Schriftsteller Kristof Magnusson zu besuchen.

Letztendlich fand ich den hübschen Ort auch. Und das, obwohl kein Fluss namens Neckar weit und breit zu sehen war. Stattdessen hat Neckarbischofsheim aber eine schöne Buchhandlung namens Passepartout.

Im Hinterhaus des Buchladens fand die Lesung statt. Sozusagen im Wohnzimmer der Chefs, mit Verpflegung und Raucherecke in der Küche.

Kristof Magnusson selbst las, gemütlich auf dem Fensterbrett sitzend. Hielt das Buch in Händen und baumelte mit den Beinen.

„Kristof Magnusson“ ist ganz unverkennbar ein isländischer Name, doch der Schriftsteller ist in Hamburg geboren und aufgewachsen. Sein Vater ist Isländer, seine Mutter Deutsche.

Zum Vorlesen durfte Kristof Magnusson auf der Fensterbank Platz nehmen.

In Neckarbischofsheim las Magnusson aus seinem neuesten Roman „Das war ich nicht“. Darin dreht sich alles um drei Menschen in ganz verschiedenen Lebenssituationen, deren Wege sich auf unerwartete, teils skurrile Weise miteinander verweben.

Da ist Jasper, Anfang 30, ein deutscher Jungbanker, der, weil man es eben so macht, versucht, in Chicago Karriere zu machen. Meike, „literarische Übersetzerin“, wie sie sich selbst nennt, hat Hamburg verlassen, um zurückgezogen hinter dem Deich auf dem platten Land zu leben. Henry ist 60, Schriftsteller und durchlebt gerade eine Lebenskrise.

Jasper äussert sich so: „Zwischen 30 und 40 muss man brennen.“ Ein Lektor habe diesen Satz einmal auf der Leipziger Buchmesse gesagt, erzählt Magnusson. „Er selbst war aber eher wie eine Löschdecke“, erinnert sich der Autor grinsend.

Mit seinem jungenhaften Charme begeisterte der Autor sein Publikum.

Und doch fand er die Aussage so faszinierend und klischeehaft, dass er sie rückblickend als Auslöser für das Buch sieht. „Für mich selbst hoffe ich, ich brenne heute für die Dinge, für die ich auch unter 30 gebrannt habe und für die ich auch mit über 70 brennen werde“, sagt der heute 34-Jährige.

Deshalb wählte er drei Personen unterschiedlichen Alters als Protagonisten. Magnusson weiss: „An eine Grenze kann man in jeder Lebensphase kommen.“ Und auch den Wunsch Meikes, in die Einsamkeit zu fliehen, kennt Magnusson, der in Berlin-Kreuzberg wohnt, von sich selbst und anderen Grossstädtern.

Für seine Recherchen verbrachte er viel Zeit an der Börse und in Händlersälen, wollte auch ganz genau wissen, was die Banker in ihren Pausen tun und wo sie sich dabei gern aufhalten.

Auch fürs Bücher-Signieren nahm sich Kristof Magnusson viel Zeit.

Es ist schon mehr als drei Jahre her, dass Magnusson mit dem Schreiben von „Das war ich nicht“ begann. Über drei Jahre, das war lange vor der Finanzkrise. Darum sei es falsch, erklärt er, wenn der Roman manchmal als „das Buch zur Finanzkrise“ genannt werde.

Natürlich ist die Finanzwelt aber wichtiges Thema im Buch. Der Autor ist nämlich der Ansicht, in den letzten Jahren spiele Geld in der Literatur einfach eine zu kleine Rolle.

Nach der Lesung richteten die Zuhörer viele Fragen an den Autor. Etwa, wohin es ihn ziehen würde, wenn er, wie die Romanfiguren, vor seinem Leben flüchten wollte.

Magnusson musste lachen, denn „ich mache das ganz oft als Gedankenspiel.“ Eine Flucht nach Island oder an die Nordsee wäre keine Option, so der Autor, denn „da finden die mich ja gleich.“ Wahrscheinlich würde er „ein paar Orte wählen, die ich auf der Lesereise besucht habe“, mutmasste Magnusson.

Beim Tischfussball bildete Magnusson ein Team mit Georg Zwölfer, dem Chef des Buchladens.

Dass er überhaupt in Neckarbischofsheim lesen durfte, ist fast so etwas wie eine Auszeichnung. „Wir laden nämlich nur Schriftsteller ein, deren Buch allen sieben Kollegen gefällt“, erzählt Chefin Annick Anchou.

Zu den meisten Orten, an denen er liest, reist der Schriftsteller per Bahn. Und dort, im ratternden Zug, schreibt er auch am liebsten. Da, sagt er, gäbe es die wenigsten Ablenkungen. Die Verlockung des Kühlschranks existiere nicht, und auch kein Bett, in dem man es sich gemütlich machen könnte.

Die Idee, auf diese Art zu arbeiten, hat er seinem Lieblings-Dozenten und Schriftsteller-Kollegen Sten Nadolni abgeguckt. Der unterrichtete Magnusson in Leipzig und veröffentlichte sogar einen Roman über die Schriftstellerei im Zug. „Es ist einfach die optimale Arbeitssituation“, findet Magnusson inzwischen.

Der charmante Autor, der als Kind Leuchtturmwärter werden wollte, hatte keinen echten Plan B für den Fall, dass es mit dem Durchbruch als Schriftsteller nicht geklappt hätte. Eine Ausbildung zum Kirchenmusiker kann er zwar vorweisen, aber „ich wäre dabei nie so gut, dass ich zufrieden wäre“, denkt er.

Zum Kickern braucht es ziemlich viel Konzentration.

Neben seiner Arbeit als Roman- und Theater-Autor übersetzt Magnusson beispielsweise die Romane von Einar Kárason oder Hallgrímur Helgason ins Deutsche. Umgekehrt würde er sich die Arbeit nicht zutrauen, trotz isländischem Vater und Isländisch als zweiter Muttersprache.

Knackpunkt seien die literarischen Feinheiten, die er im Deutschen einfach besser beherrsche. Der Perfektionist im positiven Sinne lebt etwa drei Monate pro Jahr in Island und hat auch einen Teil seines Literaturstudiums an der Universität in Reykjavík absolviert.

Wichtig ist Magnusson nicht nur, was und wie er schreibt. Auch das Aussehen des fertigen Buches ist ihm ein grosses Anliegen. Eine spontane Umfrage während der Lesung ergab, dass für fast alle der Zuhörer auch das Umschlagbild als Kriterium beim Buchkauf dient.

Das Titelbild von „Das war ich nicht“ ist darum ein Urlaubs-Schnappschuss eines Freundes des Schriftstellers. Das Foto wurde in London aufgenommen. Das, was darauf wie eine Aktentasche in der Hand eines vorbeigehenden Passanten anmutet, ist in Wirklichkeit eine Champagnerflasche, erklärt Magnusson die zum Romaninhalt passende Wahl.

Eine kleine Anekdote? Nachdem die erste Auflage von „Das war ich nicht“ sehr schnell ausverkauft war, blieb der Laster, der die zweite Auflage mit 10.000 Exemplaren ausliefern sollte, einige Tage im Schnee stecken. Leser und Buchhändler waren zum geduldigen Warten verdonnert.

Nach Lesung und Signierstunde musste der Autor in der Küche zum Tischfussballspiel gegen Buchhändler und Gäste antreten. „Bei uns muss nämlich jeder Autor am Kicker stehen“, sagt Achour lachend.

Kristof Magnusson hat auch einen sehr kurzweiligen Roman geschrieben, der in Island spielt. In „Zuhause“ zeigt sich, wie das Leben einfach so zum Krimi werden kann; die Sagas spielen eine ebenso grosse Rolle wie Melancholie und übermässiger Alkoholgenuss.

Gabriele Schneider – [email protected]www.Hausbucht.de

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