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Recycling auf isländisch

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Eine Tankstelle mitten in einem isländischen Wäldchen ist schon ein etwas ungewöhnlicher Anblick. Weil es zu wenig Wald zum Müllverstecken gibt, verrotten in Island ausgediente Landmaschinen, Autos und sonstiges Gerümpel meist irgendwo hinterm Haus.

In einem Waldstück am Lagarfljót.

Manchmal sind museumswürdige Stücke darunter, ein alter Rafha-Herd zum Beispiel mit seinen schönen, einst rot glühenden Heizspiralen. Sicherlich gibt es Leute, die solche Dinge bewahren wie die Mitarbeiter des Technikmuseums von Seydisfjördur. Viele Isländer aber haben zu alten Dingen keinen rechten Bezug und stehen der Frage der Wiederverwertung von „wertlos“ Gewordenem skeptisch gegenüber.

Rafha-Herde verschwinden leider aus den Gästehäusern.

Dennoch setzt sich Recycling in Island immer mehr durch und etliche Gemeinden betreiben das Sortieren und Wiederaufbereiten des Haushaltsmülls mit grossem Ernst. Dabei hatte Ásgeir Jón Emilsson (1931-1999), genannt Geiri, Fischer und Künstler in Seydisfjördur, schon Jahrzehnte zuvor sein eigenes Recycling-System. Er bastelte aus leeren Zigarettenschachteln Bilderrahmen und Aludosen verwandelten sich unter seinen Werkzeugen in filigrane Stühle.

Ásgeir Jón Emilsson (Geiri): Stühle aus Aludosen.

Ob Geiri der behördlichen Anordnung zur Mülltrennung gefolgt wäre, ist fraglich. Denn Beamte und Polizisten, die für ihn zu einem anderen Sonnensystem gehörten, respektierte der eigenwillige Künstler nicht. Geiri hatte es nicht leicht in seinem Leben. Das jüngste von zwölf Geschwistern war von Geburt an auf einem Auge blind und auf einem Ohr taub. Charismatisch und ernst sei er gewesen und immer habe er auf der Seite der Benachteiligten gestanden, heisst es im Katalog, den das Kunstzentrum Skaftfell anlässlich der Ausstellung seiner Werke herausgegeben hat. Die Ausstellung endet am 30. Juni, aber das Geirahús, das bunt bemalte Haus des autodidaktischen Künstlers, kann jederzeit bei einem Gang durch Seydisfjördur entdeckt werden.

Geiris Haus in Seydisfjördur.

Im Gegensatz zu Geiri konnte Sverrir Hermannsson (1928-2008) aus Akureyri keinen Gebrauchsgegenstand zerstören. Der gelernte Zimmermann hing an jedem Nagel und jedem Hammer, der durch seine Hände ging. Mag er rostig und krumm gewesen sein – den Nagel, den Sverrir beispielsweise bei der Renovierung des Nonni-Hauses aus dem Holz gezogen hat, den konnte er nicht wegwerfen. Und Sverrir hatte an der Restaurierung vieler historischer Gebäude mitgewirkt.

Im Smámunasafn Sverris Hermannssonar.

Als sein Haus in Akureyri von all den gesammelten Gegenständen überzuquellen drohte, hat Sverrir seiner Leidenschaft die Form einer öffentlichen Sammlung gegeben. Im Smámunasafn Sverris Hermannssonar, dem „Museum der kleinen Dinge“ im südlichen Eyjafjord, ist seine Sammelleidenschaft mit grossem Gespür für Ästhetik dokumentiert. Mögen sich all die Schlüssel, Türklinken oder Bohrer ähneln – ihre Anordnung unterliegt einem eigenwilligen Ordnungsprinzip, sorgsam durchdacht und liebevoll kommentiert.

Im Smámunasafn Sverris Hermannssonar.

„Die Leute denken, ich muss verrückt sein ... Ich habe keinen Bleistift mehr weggeworfen, seit ich 1946 mit der Lehre begann ... Ich gelte als exzentrisch – wie komisch.“ Die heitere Gelassenheit, mit der Sverrir seine Marotte präsentiert hat, geht allmählich auf uns Betrachter über, die wir anfangs nur das Skurrile, den Sammelzwang oder die erdrückende Fülle wahrgenommen haben. Freudig bestaunen wir einen alten Federhalter, den Mäuse in ihr Nest verschleppt, ein wenig benagt, letztendlich aber doch intakt gelassen haben.

Was tun mit der leeren Aluminiumdose, was mit dem Rafha-Herd, den die Technik angeblich überholt hat, und was mit den Fischereiutensilien aus dem vorigen Jahrhundert? Museen und Kunstzentren allein können das isländische Recyclingproblem auf die Dauer nicht lösen. Auch die Besucher müssen ihren Beitrag leisten.

Im Útgerdarminjasafnid, dem Fischereimuseum in Grenivík.

In Grenivík, hoch oben im Eyjafjord, liegt ein kleines Fischereimuseum, eine Holzhütte, in der die Langleinen mit Ködern bestückt wurden und der gefangene Fisch eingesalzen wurde. Werkzeuge, Leinen, Arbeitskleidung und Fässer sind ausgestellt, Trockenfische baumeln an grünen Bändern von der Decke. Aus Anlass eines Feiertages wird am Eingang Trockenfisch mit Butter gereicht. Es sind die faserigen Streifen, die es überall abgepackt zu kaufen gibt.

Da ertönen vor der Hütte dumpfe Schläge. Ein paar Isländer üben sich im Zertrümmern eines grossen Fisches. Das Zerkleinern und Zermürben der spröden Trockenmasse kostet einiges an Muskelkraft. Der Hammer löst sich gar vom Stiel und verfehlt knapp einen der Zuschauer. Schliesslich aber gibt der Fisch nach, zerfällt, zerfasert und wird verteilt.

Exponatreste vor dem Útgerdarminjasafnid.

Während ich noch kaue, entdecke ich neben dem Stein, der als Amboss diente, ein grünes Band. Mir kommt ein Verdacht, der in der Hütte seine Bestätigung findet: Nicht nur der Hammer, auch der Fisch war ein Museumsstück. Ich schlucke – das Exponat ist unwiederbringlich verzehrt. Ich blicke in die Runde der Mitesser und denke so für mich: Nehmen die Isländer das Recycling nicht vielleicht doch ein wenig zu ernst?

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

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