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Wo sich Fuchs und Ren guten Morgen sagen

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„Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ summe ich vor mich hin – oft habe ich die Melodie in den letzten Wochen gehört, wenn die fünfjährige Sunna auf ihrer kleinen Geige übte. Nun aber bin ich nicht mehr in Südisland sondern im Osten und streife durch die Wäldchen von Vallanes. Weisse Federn hängen im noch laublosen Gesträuch. Es ist wohl eher ein Schneehuhn als eine Gans, die sich der Fuchs geholt hat.

Füchse im Húsdýragardurinn, dem kleinen Zoo in Reykjavík.

Ein brauner oder ein weisser Fuchs? Die Fuchsfrage irritiert auch gestandene Isländer. Der weisse habe schon vor der Besiedlung auf Island gelebt, da sind sich alle einig. Die Wikinger hätten den braunen mitgebracht, diese abenteuerliche These wird gelegentlich vertreten. Im kleinen Zoo von Reykjavík gibt es zur allgemeinen Verwirrung einen weissen und einen braunen Fuchs – wer will da noch behaupten, der Polarfuchs wechsle im Sommer sein Fell?

Frühmorgens treffe ich ihn. Es ist ein brauner Fuchs, der es sehr eilig hat und mit seiner wehenden Rute so geschäftig wirkt wie ein Angestellter auf seinem Gang zum morgendlichen Meeting. Natürlich benutzt er – wie alle anderen intelligenten Tiere auch – den von Menschen angelegten Weg. Ohne mich bemerkt zu haben, entschwindet er hinter der nächsten Anhöhe.

Schafgerippe am Lagarfljót.

Unweit davon liegt das guterhaltene Gerippe eines Schafes, das wohl im Winter Raben und Füchsen als Nahrung gedient hat. Die Raben allerdings werden selbst zum Opfer – eines Tages liegen vier der schönen schwarzen Vögel an den Feldrändern – wie und warum sie starben, bleibt ein Rätsel. Natürlich gibt es auch hier ein paar (keineswegs haltbare) Theorien. Eine davon lautete, sie hätten sich an der frisch gesäten Gerste überfressen. Aber auch die kleineren Vögel, Bekassinen, Goldregenpfeifer, Möven, Rotdrosseln und Gänse, picken unbeschadet Tag und Nacht von der Saat, bis nach langer Trockenheit Mitte Mai der Regen kommt.

Rentiere auf dem Biohof Vallanes.

Nun bedeckt ein grüner Flaum die Felder und an den Rändern lugt das neue Gras durch das welke Gestrüpp. Das saftige Grün im Tal lockt Tiere an, die gemeinhin als scheu gelten. Eines Morgens stehen etwa 20 Vierbeiner vor meinem Fenster und frühstücken. Morgens oder abends – die Rentierherde kommt nun täglich auf den Hof und entfernt sich ohne Hast, wenn sie sich gestört fühlt. Die Rene, die gerade ihr weisses Winterfell ablegen und sich für den Sommer etwas dunkler kleiden, sind nur am jungen Gras interessiert und lassen die Gerste unangetastet.

Die drei Outlaws hingegen – ein schwarzgeflecktes Mutterschaf und zwei halbwüchsige weisse Widder – die sich unbefugt auf dem Farmgelände von Vallanes angesiedelt haben und wie entrechtete Saga-Helden auf den Klippen über dem Wäldchen hausen, starten immer wieder Angriffe auf das benachbarte Gerstenfeld.

Auf der Lauer.

Doch kein Tier scheint an Njóli interessiert, das trotz unserer Bemühungen, es aus den frisch gepflügten Feldern zu entfernen, nun zu wuchern beginnt. Njóli, zu deutsch „Gemüseampfer“, sieht dem Sauerampfer ähnlich, schmeckt aber keineswegs so gut und ist wegen seines hohen Gehaltes an Oxalsäure auch nicht sehr bekömmlich. Die Ampfersaat kam gegen Ende des katastrophenreichen 18. Jahrhunderts als „königliches Geschenk“ aus Dänemark und sollte die Isländer vor dem Verhungern retten.

Die Idee stammte vom königlichen Gärtner und Schlossverwalter Schmidt, der im Jahre 1778 empfahl, die schnellwachsende und vermehrungsfreudige Pflanze zur Versorgung der dänischen Untertanen in den kühleren Landesteilen Norwegen, Island und Grönland zu nutzen.

Njóli im Mai.

Es war allerdings nicht der König, der seine Untertanen mit den Njóli-Samen beglückte, denn Christian VII war, wie man aus dem Roman „Der Leibarzt des Königs“ von Per Olov Enquist weiss, nicht regierungsfähig. Es war sein Halbbruder Friedrich, eine der zentralen Figuren beim Sturz Struensees im Jahre 1772, der mit Hilfe seiner dem Braunschweiger Fürstenhaus entstammenden Mutter Juliane das Land bis 1786 regierte. Friedrich war aber nicht König, sondern bloss Prinz.

Dennoch sprach man in Island voll Dankbarkeit vom Geschenk des „geliebten Königs“.

Njóli im September.

Nun hatte zwar Prinz Friedrich die Isländer instruiert, Njólisamen in Feldern und Gärten zu verstreuen, aber offensichtlich vergessen, zu erklären, was sie mit den Pflanzen machen sollten. Und weil die Isländer nicht wussten, dass sie den Ampfer kochen und essen sollten, liessen sie es lieber bleiben und überlebten dennoch.

Das „königliche Geschenk“ besitzt bleibenden Wert und hohe Nachhaltigkeit, aber – man wagt es kaum auszusprechen – es ist das übelste Unkraut auf den isländischen Feldern und ein wahrer Fluch.

Leithirsch der Rentierherde.

Anzumerken ist noch, dass die Rentiere – die ersten 13 wurden 1771 (also noch zur Struensee-Zeit) nach Island gebracht – offensichtlich nicht als Gabe des „geliebten Königs“ bezeichnet wurden. Sie verfehlten zwar auch ihre ursprüngliche Bestimmung, weil man in Kopenhagen vergessen hatte, die Gebrauchsanweisung zur Zähmung mitzuliefern, aber immerhin bieten sie einen erfreulichen Anblick, locken Touristen nach Ostisland und liefern in der herbstlichen Jagdsaison wohlschmeckendes Fleisch.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

PS: Und wie ist das nun mit den braunen und weissen Füchsen? - Fragen Sie doch mal Eygló, wenn sie aus dem Urlaub zurück ist.

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