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Wenn der letzte Sommer zum ersten wird

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Dagmar Trodlers Roman „Der letzte lange Sommer“ ist mehr als nur ein Island-Roman. Hartes Leben, Existenzkampf, Liebe zur Natur, Konzentration auf Wesentliches und echte Freundschaft spielen in der Geschichte Schlüsselrollen.

Romanheldin Lies Odenthal macht wahr, was sich viele wünschen: den schnöden, ungeliebten Alltag nebst fiesem Chef hinter sich zu lassen und für ein ganzes Jahr zu verschwinden. Möglichst weit weg.

Lies’ Ziel heisst Island. Anfangs scheint es, dass die junge Frau bei ihrer Flucht vom Regen in die Traufe gekommen ist: Gunnarsstadir liegt am Ende der Welt, kein anderer Hof weit und breit, kein Telefon, kein Internet, kein Handyempfang. Ganz zu schweigen von einem Auto, mit dem Lies ab und zu von der harten Arbeit, die ihr der alte, mürrische Elías scheinbar gnadenlos aufbürdet, ausbüxen könnte.

Foto: Gabriele Schneider.

Sie lernt, für Pferde und vor allem für die Schafe zu sorgen, findet heraus, wie man einem Schaf bei einer komplizierten Geburt ganz handfest Hilfe leistet. Trodler beschreibt das Leben, das Lies nun führt, mit drastischen Worten. Eben weil die Arbeit hart und schmutzig ist, die Lies verrichtet. Sie schildert schonungslos, ohne romantische Verklärung. Die scheint aufzukommen, als der junge, hübsche Tierarzt Jói den Stall und damit die Geschichte betritt.

Die Autorin. Foto: Sonja Valeska Krebs

Doch weit gefehlt, das Buch verkommt nicht zur Schnulze, die aufkeimende Liebe wird eher beiläufig geschildert. Das harte Leben steht im Mittelpunkt; ob mit oder ohne Jói: Lies muss es leben. Oft wünscht sich die Frau ein wenig Luxus, doch als dann der Mann kommt, der für Elías gelegentlich Einkäufe in der weit entfernten Stadt erledigt, merkt Lies, dass sie weder Schmuck noch Schminkzeug braucht. Ein bisschen Schokolade ist das einzige, was ihr fehlt.

Foto: Gabriele Schneider.

Selbst, als Lies am Ende dieses letzten, langen Sommers nicht in ihr altes Leben in Deutschland zurückkehrt, hat dies nicht vorrangig mit Jói zu tun.

Trodler selbst begleitete 2005 eine Freundin auf eine isländische Schaffarm und landete dort im Schafstall, wo gerade Lämmer zur Welt kamen. Schon nach wenigen Tagen hatte sie sich eingearbeitet. „Ich habe sehr viel Zeit dort verbracht und den Isländern zugeschaut, wo ich nur konnte“, erinnert sie sich.

Foto: Sonja Valeska Krebs.

Über die Entstehungsgeschichte des Romans sagt Trodler: „Die Geschichte kam zu mir, als ich aus diesem Schafstallurlaub zurückkehrte. Sie war lange in meinem Kopf, und irgendwann hab ich sie aufgeschrieben, damit sie einen Platz hatte.“

Die Farm, die als Vorbild für die Geschichte diente, liegt im Jökuldalur in Ostisland. 20 Minuten Autofahrt trennen die Menschen dort vom nächsten Nachbarn. Für Trodler, die inzwischen ganz in Island lebt, steht fest: „Wenn man länger hier lebt, ist Elías nur noch skurril, aber nicht mehr schrecklich.“

Das Buch ist erhältlich in jedem Buchladen, oder bei islandbuecher.de.

Von Gabriele Schneider (www.Hausbucht.blogspot.com).

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