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Kinderland Island

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Island ist seit langem eines der kinderfreundlichsten und geburtenstärksten Länder Europas. Doch Touristen lassen ihre Kinder meist zu Hause. Das hatte in der Vergangenheit sicher auch finanzielle Gründe. Aber kann man mit Kindern überhaupt in das Land aus Feuer und Eis fahren?

Seit meinem zehnten Lebensjahr trage ich Island in meinem Herzen, und so war es sicher konsequent, dass mich ein Kinderbuchprojekt vor drei Jahren erstmals auf die Insel meiner Träume führte. In diesem Sommer aber habe ich meine knapp zehnjährige Enkeltochter Franka mit nach Island genommen.

Klammheimlich fahren noch zwei andere neun- bis zehnjährige Mädchen mit: Heldin Hulda aus meiner Abenteuergeschichte „Der Schleier der schwarzen Elfin“. Und dann das kleine Mädchen, das ich selbst einmal war. Ich sehe es in einem Island-Bildband blättern, beherrscht von dem unerfüllbaren Wunsch nach einem eigenen Islandpferd.

So sehr sich die Lebenssituation von Kindern in den letzten 50 Jahren verändert hat, Franka ist ebenfalls in Pferde vernarrt. Rasch war klar, dass wir eine ganze Woche unseres 18-tägigen Islandaufenthaltes auf einem Reiterhof verbringen würden (auch wenn es der fiktiven Hulda wohl lieber gewesen wäre, wenn wir alle Stätten ihrer Abenteuer besucht hätten).

Island zum Anfassen - Erste Bodenproben im Seydisfjord.

Wir hatten die Fähre genommen, doch anders als Hulda ertrug Franka den Wellengang des Nordatlantik nur liegend. Und als wir am Ankunftsmorgen an Deck gingen, empfing uns statt strahlender Bergketten dichtester Nebel.

Doch der heftige Regen, der die Strasse zum Vogelzentrum Skálanes vorübergehend unpassierbar machte, war vorüber und wir konnten Erkundungsgänge rund um Seydisfjördur unternehmen.

Auch wenn sich die Berge verhüllen, Blumen, Steine, Felsen, Schafe, Vögel und Trolle kann man auch im Nebel, der alles geheimnisvoller macht, entdecken.

In Egilsstadir mussten wir Lebensmittel für die ganze Woche einkaufen. Húsey, die einsame Jugendherberge mit Reiterhof, liegt etwa 60 km entfernt im äussersten Osten Islands.

Das kann hart werden für das Stadtkind, dachte ich: Kein Laden, kein Kiosk weit und breit, kein Eis, keine Pommes.

Doch das war alles kein Problem. Franka bruzzelte Kartoffelstückchen in der Pfanne und ass selbst gebackenes Brot mit Marmelade.

Oft war Improvisation angesagt. Milch bekommen wir auf Húsey, hatte ich verkündet, doch was ich nicht wusste: Rosa, die freundliche Milchkuh, nahm sich gerade eine Auszeit zum Kalben.

Und so fertigten wir Pfannkuchen aus Enteneiern vom Hof und aus Milch, die uns abreisende Gäste hinterlassen hatten.

Auch wenn es mit der sprachlichen Verständigung nicht ganz einfach war, haben sich Franka und Arney, die jüngste der Húsey-Kinder, schnell angefreundet. Zu meiner grossen Überraschung aber gab es unter den Gästen eine Menge Kinder im Alter zwischen drei und fünfzehn Jahren.

Zu Fuss und zu Pferd: Kinder auf Húsey.

„So viele Kinder waren noch nie hier“, bestätigte Herbergsvater Örn. Und keines langweilte sich. Mit ausreiten dürfen alle, die sich trauen. Einmal führte Céline, eines der beiden „Pferdemädchen“, einen Vierjährigen auf einem Handpferd mit. Gute zwei Stunden hat der kleine Mann aus San Diego tapfer durchgehalten.

Unterwegs, in der Weite des Deltas der Gletscherflüsse, gilt es dem Angriff der Raubmöven standzuhalten, die schon mal mit ihren Schnäbeln gegen den Reithelm hacken.

Sie lassen erst ab, wenn man ihr flauschiges Küken gefunden hat. Dann kann man absitzen, es streicheln oder gar in die Hand nehmen. Weiter geht es am Flussufer entlang zu den Robbenbänken.

Andri, Liebling aller Kinder, weissagt aus seiner Glasschüssel.

Im Stall finden die Kinder Heuverstecke, Hühner und Eier. Auf dem Hof begegnen sie den fünf Entenküken, Hund, Katz und dem herumwatschelnden Seehund-Baby Andri. Beim Streicheln muss man schnell und vorsichtig sein, denn Andri ist ein bisschen bissig.

Auch hier im abgelegenen Húsey gibt es Gäste, die spätabends einfallen, um am nächsten Morgen frühzeitig aufzubrechen – kein Nomade würde sich einen solchen Stress antun.

Kein Wunder, dass sich Einmal-kurz-rund-um-die-Insel-Touristen nicht mit Kindern beschweren, die sich einem solchen Reisestress nörgelnd und heulend verweigern würden.

Am Mývatn treffen wir Niklas, einen Schweizer Jungen, und seine Eltern wieder. Flugs haben die beiden Kinder das Zeltplatzgelände zum Abenteuerspielplatz umfunktioniert und wir haben einige Mühe, sie von ihrer „Löwenzahnrampe“ loszueisen.

Niklas hat eine zehnstündige Askja-Tour hinter sich, Franka ist den steilen Námafjall hingeklettert und hat die Schlammtöpfe besichtigt, war im wunderbaren Naturbad Jardbödin und ist über die Erdspalte Grjótagjá zurückgewandert.

Am nächsten Morgen soll es früh losgehen zu einer Erkundung des Krafla-Gebietes, dann mit dem Bus zum Dettifoss und den Hljódaklettar und weiter über Húsavík nach Akureyri.

Mutprobe auf dem Weg zu den Schlammtöpfen am Námafjall.

An solchen Abenden bleibt wenig Zeit zum Vorlesen, Franka schläft nach wenigen Seiten ein. Als wir „Matilda“ von Roald Dahl beendet haben, sind wieder Huldas Islandabenteuer dran.

Da kein Kinderbuchverlag Interesse zeigte, hatte ich den „Schleier der schwarzen Elfin“ im vergangenen Jahr mit einem Anhang für Erwachsene versehen und eine kleine Verschenkauflage drucken lassen.

Leider verschwinden die Exemplare aus den Bibliotheken der isländischen Gästehäuser. Nun aber hatte jemand eins nach Húsey zurückgeschickt und einen Zettel beigelegt: „Ein schönes, spannendes Jugendbuch. Hätte mir mehr isländische Menschen gewünscht, und das Alter der Hulda passt nicht ganz.“

Das Alter von Roald Dahls Matilda passt erst recht nicht, ging es mir kurz durch den Kopf. Doch Rückmeldung samt Rücksendung freuten mich und leichtsinnigerweise versprach ich anderen Gästen, über eine Verkaufsauflage nachzudenken.

Auf die Spur von Jón Sveinsson, der aus seinen Kindheitserlebnissen spannende Abenteuergeschichten gemacht hat, begaben wir uns im Nonni-Haus in Akureyri.

Im benachbarten Museum erfuhren wir manches über die Geschichte des Eyjafjordes seit der Besiedlungszeit und kostümierten wir uns zum Abschluss im 19.-Jahrhundert-Photoatelier.

Grossmutter und Enkelin im Nationalmuseum in Reykjavík.

In Reykjavík verwandelten wir uns im Nationalmuseum in Wikingerfrau und Ausgrabungsexperten. Wir beobachteten im kleinen Zoo Húsdýragardurinn den weissen Polarfuchs, der sich ein schickes neues Sommerkleid zugelegt hat.

Rund um die Jugendherberge im Laugardal gibt es mit dem Zoo, dem botanischen Garten, Sportstätten und dem grossen Schwimmbad ein ideales Gelände für Kinder. Viele weitere Tips finden sich im „Island-Reisebuch für Kinder“ von Gabriele Schneider.

Die beiden Füchse im Haustiergarten.

Immer wieder ist mir aufgefallen: Was in Deutschland richtig viel Geld kostet, wenn man mit Kindern unterwegs ist, Eintritt ins Schwimmbad, Museum, organisierte Ausflüge etc., ist in Island deutlich billiger und zum Teil sogar kostenlos.

Kinderfreundlichkeit wird in Island gross geschrieben. Weil ich in einem Restaurant für Franka kein Kindermenu, sondern auf ihren Wunsch hin nur „Fries“ (Pommes) und Salat bestellt hatte, fragten Kellnerinnen immer wieder besorgt nach, ob etwas fehle, und ich hatte einige vorwurfsvolle Blicke von den Nebentischen zu ertragen.

Ich habe Franka um ein kurzes Statement für diesen Artikel gebeten und sie hat mir per Email geschrieben:

„So fand ich es in Island: Das Reiten war am Besten. Alle Sachen die man besichtigen konnte waren interessant und toll, z.B. die Krater, Schlammtöpfe. Das Wandern hat mir Spass gemacht. Und ich glaube, dass es vielen Kindern auf Island gefallen würde.“

Im Reykjavíker Rathaus: "Und das nächste Mal reisen wir weiter zum Mittelpunkt der Erde!"

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

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