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Als Pastoren noch Hufeisen und Verse schmiedeten

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Das erste Buch eines isländischen Autors, das ich vor vielen Jahren gelesen habe, heisst „Am Gletscher“. Wörtlich übersetzt lautet der Titel des Romans „Kristnihald undir Jökli“ von Halldór Laxness „Seelsorge am Gletscher“.

Der Bischof schickt einen jungen Geistlichen in eine Gemeinde am Snaefellsjökull, um die Vorwürfe gegen Síra Jón Jónsson, genannt Primus zu untersuchen.

Der eigenwillige Pastor hält keine Gottesdienste ab, tauft die Kinder nicht und hat seit 20 Jahren sein Gehalt nicht mehr abgeholt. Aber er repariert in seiner Gemeinde jeden Primuskocher, beschlägt die Pferde und kümmert sich um defekte Motoren.

Vogelfelsen vor Reykjavík, im Hintergrund der sagenumwobene Vulkan Snaefellsjökull.

So skurril sich das liest – Laxness greift hier auf Nebentätigkeiten isländischer Pastoren zurück, die im 19. Jahrhundert noch durchaus üblich waren. 1834 machte ein englischer Reisender folgende Beobachtung:

"Die Geistlichen verrichten gewöhnlich jede nützliche Arbeit selbst, da ihr Einkommen zu klein ist, als dass sie Tagelöhner bezahlen könnten; und sehr oft sieht man einen Pfarrer in einer groben wollenen Jacke Torf graben, Heu mähen und überhaupt jede ländliche Arbeit verrichten. Alle sind zugleich Grobschmiede und verstehen am besten von allen ihren Zunftgenossen auf der Insel, Pferde zu beschlagen ... Der allgemeine Sammelplatz der Bauern ist die Kirche, und hat eines der Pferde ein Hufeisen verloren, so nimmt der Geistliche sein Schurzfell vor, zündet das Kohlenfeuer in der Schmiede an, die sich bei jeder Pfarrei befindet, und macht sich an die Arbeit.“

Pfarrhof Thingvellir um 1865, Illustration von J. Ross Browne.

1814 wollte ein schottischer Geistlicher den dichtenden Kollegen Jón Thorláksson (1744-1819), der John Miltons „Verlorenes Paradies“ ins Isländische übersetzt hatte, kennen lernen.

Er traf ihn im nordisländischen Tal Öxnadalur bei der Heuernte an. Der siebzigjährige Poet bewirtete den Schotten in seinem spartanisch eingerichteten Arbeitszimmer und schilderte in einem Vierzeiler seine Situation:

„Seit ich die Welt betrat, bin mit der Armut ich vermählt, Seit siebzig Wintern drückt sie mich an ihren Busen Und ob wir hier auf Erden noch geschieden werden, Das ist nur dem bekannt, der uns verband.“

Die Hälfte seines kärglichen Gehaltes musste Thorláksson seinem Kollegen Hallgrímur (dem Vater des berühmten Dichters Jónas Hallgrímsson) überlassen, der für den alten Mann die Amtsgeschäfte führte.

Aber die Pastoren waren nicht nur Bauern und Hufschmiede, sie waren auch so etwas wie Schulinspektoren. Sie kontrollierten, ob die Gemeindemitglieder ihrer elterlichen Bildungspflicht nachkamen.

Während vor 200 Jahren in Europa noch der Analphabetismus grassierte, lernten die isländischen Kinder in den winzigen dunklen Stuben der Torfhöfe lesen und schreiben.

Die Geistlichen, die auf der einzigen Sekundarschule des Landes in Bessastadir, dem späteren Präsidentensitz, ausgebildet wurden, sollen sogar befugt gewesen sein, jungen Frauen, die nicht lesen konnten, die Heirat zu verweigern.

Schlaf- und Arbeitsraum eines Pastors (errichtet 1876). Museumshof Glaumbaer im Skagafjord.

Bereits im 17. Jahrhundert überwachten die Pastoren das häusliche Lesenlernen. Stefán Ólafsson (1619-1688), neben Hallgrímur Pétursson einer der bedeutendsten Barockdichter Islands, der die Pfarrei Vallanes in Ostisland betreute, drohte in seinem Grýlagedicht, die schreckliche Trollfrau werde all die Kinder holen, „die träge im Lesen und Singen“ seien.

Ólafsson dichtete zur religiösen und moralischen Unterweisung und zur Unterhaltung seiner Gemeindemitglieder an dunklen Wintertagen, er gab aber auch praktische Ratschläge in Gedichtform.

So bessere Tabak, massvoll geschnupft oder geraucht, Brustschwäche und Wassersucht; zu viel aber „trübt den Blick und raubt die Kraft, steigert die schlechte Laune; den Geruchssinn stiehlt der dichte Rauch, verrusst einen Teil der Stirn, vergällt den Appetit, löscht den Durst nicht.“

Die Zeiten, da Pastoren Hufeisen und Verse schmiedeten und unbekümmert heidnische Fabelwesen zu Erziehungszwecken einsetzten, sind lang vorbei. Übrig geblieben sind die vielen kleinen Kirchen. Um 1810 gab es 305 Kirchen, auf je 155 Einwohner Islands kam eine. Heute sind es 322 evangelisch-lutherische Gotteshäuser für eine um ein Vielfaches gewachsene Bevölkerungszahl.

Die Kirchlein stehen nun ziemlich verwaist neben Höfen herum, die keine Pfarrhöfe mehr sind. Die Bauern, auf deren Grund so ein Gotteshaus steht, müssen es unterhalten; ab und zu spielen ihre Kinder darin und üben sich im Kanzelpredigen. Die Pastoren leben fernab in der Stadt und kommen zwei- oder dreimal im Jahr, um ein Kind zu taufen oder den Weihnachtsgottesdienst abzuhalten.

In der Kirche von Laufás im Eyjafjord.

Um 1930, zu der Zeit als man die alten Torfkirchen abriss und durch Steinbauten ersetzte, entstand das Projekt der Hallgrímskirkja. Doch erst 1945, nachdem sich Island von Dänemark unabhängig erklärt hatte, wurde mit ihrem Bau begonnen.

Sie ist mit 74,5 Metern das höchste Gebäude von Reykjavík, das noch dazu auf einem Hügel steht. Während die Türme unserer Kathedralen längst im Dschungel der Hochhäuser untergegangen sind, prägt die Hallgrímskirkja das Stadtbild Reykjavíks von allen vier Himmelsrichtungen aus. Hätte sie dem Psalmendichter Hallgrímur Pétursson, dessen Namen sie trägt, gefallen?

Die Architektur soll an Basaltsäulen und Gletscher erinnern, aber braucht es wirklich so viel Beton, um auf das zu verweisen, was vor der Haustür liegt?

Blick vom ehemaligen Bischofssitz Skálholt auf den Vulkangletscher Eyjafjallajökull und seine Aschewolke, April 2010.

Die Hallgrímskirkja ist imposant – schön finde ich sie nicht. Wie eine Glucke sitzt sie auf der Hauptstadt, ein Symbol des Machtanspruchs der evangelisch-lutherischen Staatskirche, die sich Thjódkirkja (Volkskirche) nennt, aber ihre Volksnähe schon lange verloren hat, auch wenn ihr noch über 80 Prozent der Isländer angehören.

Man hat die Hallgrímskirkja letztes Jahr aufwendig saniert. Die Sanierung der isländischen Kirche steht noch an. Die Isländer denken angesichts jüngster Skandale über die längst überfällige Trennung von Kirche und Staat nach.

Im Roman „Am Gletscher“ fragt der Vertreter des Bischofs: „Wer hat diese Kirche zugenagelt? Was kann man da tun?“ Síra Jón antwortet: „Der Gletscher steht offen.“

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

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