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Ein bisschen Schaf muss sein...

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dagmar_dlDer kurze isländische Sommer ist so gut wie vorüber, die Wiesen färben sich langsam gelb. Das Blöken der Schafe übertönt den nahen Herbst.

In Thjórsádalur kamen sie mir aus den Bergen entgegen, viele hundert und mehrere Dutzend Reiter und Fussleute. Nachdem das Sammeln in den Bergen durchaus rasant sein kann, herrscht auf der langen Strecke ruhiges Tempo, denn der weite Weg ist für die Schafe eine Strapaze.

Alle paar Kilometer wird Pause gemacht, viele Schafe legen sich ab, auch die Pferde sind dankbar für die Pausen, zeitweise hatte es in Strömen geregnet.

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Dann ziehen sie weiter auf ihrer langsamen Reise, über den nächsten Hügel und wieder hinunter, dem Ziel ein wenig mehr entgegen. Niemand verbreitet Stress oder Hektik, niemand „treibt“ die Tiere, wie man dem Wort glauben möchte.

Ein Treck vielmehr voller Sorgsamkeit, ist das, und ob ihrer Langsamkeit irgendwie auch eine Pilgerfahrt, so scheint es jedenfalls für den Beobachter. Die erschöpften und verletzten Schafe reisen in einem Anhänger.

Schafabtriebe waren aus Tierschutzgründen in die Kritik geraten und man hatte LKW-Transporte für die Strecken nach dem Hochland angedacht. Traditionsbewusstsein und Sturheit haben sich für dieses Mal durchgesetzt.

Einen Tag später waren die Schafe in Árnes angekommen und wurden am Skaftsholtsréttir schon sehnsüchtig erwartet – von Schafzüchterfamilien, Pferdeleuten und Schaulustigen.

Am Horizont erscheint die wackelnde Wollmasse, unzähligen weissen Köpfen entweicht jener langgezogene und keineswegs klagende Blökton, den man nie wieder vergisst. Sie wuseln näher, müde, aber immer noch selbstbewusst, immerhin kommen sie aus dem Hochland.

Und weil das eine verdammt beachtliche Leistung ist, reiten wir ihnen entgegen – nicht um „dabei zu sein“ wie man vielleicht in Deutschland denken würde, sondern um ihnen durch diesen Empfang die Ehre zu erweisen.

Eine Referenz an die Pilger aus den Bergen – an alle Pilger, Menschen wie Tiere, die diesen weiten Weg ohne Verluste überstanden haben.

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Immer mehr Reiter kommen zum Pferch, das schöne Spätsommerwetter wird gerne für berittene Ausflüge genutzt, selbst wenn man die Schafe nur von weitem sieht. Man sattelt ab, ordnet sein Sattelzeug am Zaun – und lässt die Pferde in den riesigen Pferdepferch, für deutsche Augen undenkbar (die kloppen sich doch! Wie finde ich mein Pferd wieder??)

Kein Problem – die kloppen sich nicht weil sie lieber fressen und das braune Pferd auch nur ein Pferd ist – und wenn man seins nicht wiederfindet, nimmt man halt das was übrigbleibt, thetta reddast).

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Immer voller wird es um den Schafspferch herum, ein gemauertes Kunstwerk aus groben Felsbrocken, bedeckt mit Grassoden, und einer der ältesten Schafspferche auf der ganzen Insel.

Und dann öffnen sich die Tore und die vielbeinige Wollmasse stürmt in den Innenbereich des Pferchs, blökt sich lautstark ins Bewusstsein hinein, wuselt und drängelt umher, bis es feststeckt und – ganz Schaf – sich nicht mehr bewegt, bis der Schrecken vorüber ist.

Wie überall in Island sind die Kinder zuerst dran: sie zwängen sich eifrig durch die Wollmassen, suchen mit endloser Geduld Ohrmarken ab, um „ihr“ Schaf zu finden, was sie vielleicht mit der Flasche grossgezogen haben oder von der Grossmutter geschenkt bekamen, grosser Jubel wenn das Schaf gefunden, dann wird fachmännisch ein Bein über das Tier geschwungen, beide Hörner gepackt, und Papa hilft, die Beute zum Ausgang der jeweiligen Farm zu bringen.

So geht es schier endlos – die Arbeit mit Schafen verlangt Geduld, wer hier rumstresst, der ist falsch. Dennoch ist der Tag ein Fest, und bevor er feuchtfröhlich wird, verziehen wir uns.

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Der Skaftholtsréttir ist der älteste Schafspferch in ganz Island, ausgerichtet für viele tausend Schafe, wie sie früher einmal die Insel bevölkert haben. Vor 20 Jahren hatte man noch 20.000 Schafe zu sortieren – heuer waren es grad mal 2400, Arbeit für gute zwei Stunden.

Die Leute aus dem Skeid, die sich früher am Skaftholtsréttir beteiligt haben, treiben daher ihre kleinen Herden gleich weiter nach Reykjarréttir, wo zwei Tage später ein grosses Schafevent stattfinden wird.

In den Tagen davor und danach sind die Strassen 32 und 30 voller Schafherden und Reiter, eine langsam wandernde müde Pilgerschar auf dem Weg ins Flóahreppur und man bewundert die Menschen und Tiere für ihre Zähigkeit und für den Frieden, den sie trotz der Strapazen offensichtlich in sich tragen.

Text und Fotos © Dagmar Trodler – [email protected]www.dagmartrodler.de

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