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Fragt Nicht Warum

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bernhild_dl„Have a look at Iceland“ hiess die Veranstaltung, zu der ich mich auf der Frankfurter Buchmesse angemeldet hatte. Der Vorsitzende des isländischen Verlegerverbandes hielt eine Ansprache, englisch und kurz.

Danach wurde am isländischen Gemeinschaftsstand gegessen, getrunken und geklönt. Das ganze hiess business matchmaking. Ich hatte mir mehr eine Informationsveranstaltung vorgestellt. Fragt nicht warum.

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Lesen unter erschwerten Bedingungen beim "business matchmaking" am isländischen Gemeinschaftsstand auf der Frankfurter Buchmesse.

Unter den vielen Menschen, die sich alle zu kennen schienen, kam ich mir etwas verloren vor. Ich ass ein Schnittchen, trank ein Gläschen Brennivín und erspähte den Schriftsteller Sjón. Auf der Bahnfahrt nach Frankfurt hatte ich seine bewegende Erzählung Schattenfuchs (Skugga-Baldur) noch einmal gelesen.

Nachdem Sjón mein Exemplar signiert hatte, zeigte ich ihm darin einen bemerkenswerten Übersetzungsfehler. Badstofa heisst wörtlich übersetzt Badestube – ist aber keineswegs ein Badezimmer.

In den vergangenen Jahrhunderten war die Badstofa der Hauptraum eines Hauses, in dem die Bewohner gemeinsam schliefen und assen, und in dem an den Abenden Wolle und Geschichten gesponnen wurden.

Sjón versprach amüsiert, seine Übersetzerin darauf aufmerksam zu machen. Ich hätte ihm gerne noch einige Gedanken zum Schattenfuchs mitgeteilt, der im nächsten Herbst im S. Fischer Verlag auch als Taschenbuch erscheinen soll, aber er war schon weitergeeilt.

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Sjón im Gespräch mit Thomas Böhm, Programmleiter Literatur von "Sagenhaftes Island" (ganz links).

Dem isländischen Publikum ist der historische Kontext der Erzählung geläufig. Für das deutsche Publikum würde ich mir eine kurze Einführung wünschen.

Nehmen wir zum Beispiel die Person des Sölvi Helgason, der erst ganz zum Schluss der Geschichte in Erscheinung tritt. Diesen vagabundierenden Maler und Schriftsteller hat es tatsächlich gegeben. In Island ist Sölvi Helgason eine Legende, bei uns ist er völlig unbekannt.

Ich habe ihn vor Jahren im Skagafjord entdeckt. Kurz vor dem 66sten Breitengrad, im Gästehaus und Kulturzentrum Lónkot. Der Blick über den Fjord auf die sagenumwobenen Inseln Drangey und Málmey und das geheimnisvolle Kap Thórdarhöfdi ist unvergleichlich. Nirgendwo ist die Luft so klar und das Licht so magisch wie in diesem einsamen Landstrich Sléttuhlíd.

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Juninacht in Lónkot.

Doch der Kindheit des 1820 hier geborenen Sölvi fehlten die Farben. Ein „unverbesserlicher“ Knabe, verwaist, verprügelt, entflohen, eingefangen, als Knecht vermittelt und wieder entflohen.

Für die dänischen Behörden und ihre isländischen Büttel war dieser Untertan nichts als ein Vagabund, der sich der Arbeitspflicht entzog. Sölvi Helgason aber verstand sich als Künstler und Wissenschaftler und hatte sich seine Reisedokumente kurzerhand selbst ausgestellt.

Von 1843 bis 1846 war er wegen Vagabundierens und Urkundenfälschung auf Snaefellnes inhaftiert und 1854 musste er eine dreijährige Haftstrafe in Kopenhagen antreten. Angeblich hatte er auf seinen illegalen Reisen Bücher gestohlen. Fragt nicht warum.

Sölvi Helgason zog auch nach seiner Freilassung wieder von Hof zu Hof, verkaufte Bücher, erzählte Geschichten, Klatsch und Lügen und fertigte Zeichnungen und Aquarelle an.

Seine Farben gewann er aus der Natur, oft hatte er so wenig Papier, dass er die Rückseiten seiner Bilder beschrieb. Er flüchtete sich in eine Welt, in der es keine Aufseher und Büttel gab, in der er Solon, Goethe, Voltaire oder Gott gleich sein konnte:

Ég er gull og gersemi gimsteinn elskuríkur Ég er djásn og dýrmæti Drottni sjálfum líkur

Ich bin Gold und Edelstein Ein Juwel an Liebe reich Bin der Schmuck und bin der Schrein Werde so dem Schöpfer gleich.

Aber der Sólon Íslandus* kehrte immer wieder aus seiner Fantasiewelt zurück und verfasste unter anderem <i>Frakklandssaga<p>, eine Geschichte Frankreichs von den Anfängen bis zur Napoleonischen Zeit.

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Sölvi Helgason, Selbstportrait (Original im Davídshús, Akureyri).

Ólafur Jónsson, genannt Óli, und seine Eltern, die das Gästehaus Lónkot betreiben, fühlen sich dem Erbe Sölvi Helgasons verpflichtet. Im Restaurant hängen Reproduktionen seiner Bilder.

Óli schenkte mir vergangenes Jahr ein Exemplar der Frakklandssaga, die er 1998 verlegt hatte, und er zeigte mir auch ein Manuskript mit eigenen Gedichten.

Wie kommt es, dass man überall auf Island auf Büchermenschen trifft und sich an den abgelegensten Orten über Literatur unterhalten kann? Sjón beantwortete auf der Buchmesse die Frage folgendermassen:

„FRAGT NICHT WARUM! Die isländische Nation ist auf der ganzen Welt als Volk von Geschichtenerzählern, Poeten und Buchliebhabern bekannt, die gelegentlich in epische Gruppengesänge ausbrechen, welche sie über Jahrhunderte des Elends und der Langeweile in ihren Herzen und Köpfen bewahrt haben, die aber in unserer fortschrittlichen Welt längst vergessen sind.

Die Gründe dafür sind umstritten. Manche schreiben es den unbändigen Naturgewalten zu, die jahraus, jahrein gnadenlos auf dieses arme Volk herniederprasseln, andere beschuldigen die weissen Nächte, die unverdorbene Wildnis und die Reinheit des Trinkwassers.

Dann wiederum gibt es jene, die klug genug sind, sich den Teufel darum zu scheren, sollte die Frage ihnen jemals überhaupt in den Sinn kommen und die einfach die Seite des isländischen Romans oder Gedichtbandes umblättern, den sie gerade in Händen halten…“

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Hier finden Sie einen Artikel über die Pressekonferenz von „Sagenhaftes Island“, das den Ehrengastauftritt Islands auf der Frankfurter Buchmesse 2011 vorbereitet.

*Sólon Íslandus ist der Titel eines 1940 erschienenen Romans von Davíd Stefánsson (1895-1964) über Sölvi Helgason sowie eines Films (2004, Regie: Margret Rún).

Die in dieser Rubrik veröffentlichten Beiträge geben nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.