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Mamutschkas Lebensrezepte

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bernhild_dlWas? Ein isländischer Intellektueller hat ein Buch über die Wirtin eines Frankfurter Kellerlokals geschrieben? Ich war etwas verwundert, als ich davon hörte.

Wer sich für isländische Literatur interessiert, kennt Halldór Gudmundssons umfangreiche Biographie über den Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness und hat vielleicht auch von seinem Buch Skáldalíf („Dichterleben“) gehört, einer vergleichende Studie über die Schriftsteller Gunnar Gunnarsson und Thórbergur Thórdarson.

Aber nun eine Frankfurter Wirtin? Kocht sie nach besonders raffinierten Rezepten? Reimt sie etwa? Oder geht es um Frankfurt? Immerhin ist Halldór Gudmundsson Direktor von „Sagenhaftes Island“, das den Auftritt des Ehrengastes Island bei der Buchmesse 2011 vorbereitet. Ein Link zwischen dem literarischen Island und der Küche der Buchmessestadt sozusagen?

Vermutungen helfen nicht weiter und ich nehme das Buch, das „Mamutschkas Lebensrezepte“ heisst, in die Hand. Sein Cover ist ansprechend und macht mich neugierig. Da schaut mir eine ältere, resolut wirkende Dame verschmitzt entgegen und verkündet, was sie von sich selbst hält: „Ich bin nicht verrückt, aber extravagant“.

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Der Isländer und seine polnische Grossmutter

Im Oktober 1986 betrat Halldór Gudmundsson zum ersten Mal das russische Kellerlokal „Scarlet Pimpernel“ in der Frankfurter Krögerstrasse. Die damals bereits 73-jährige „Mamutschka“ mit ihrem unerbittlichen Kommandoton und dem „ausdrucksvollen, eigentümlich reizvollen Gesicht“ unter dem Turban beeindruckte ihn nachhaltig.

Wie die meisten männlichen Besucher des Lokals war auch er sofort bereit, sich der Herrscherin über Töpfe, Pfannen und Wodkaflaschen freudig und bedingungslos auszuliefern. Doch als der Hauptgang kam, war der unerfahrene Isländer nicht mehr ganz bei Bewusstsein.

Das erfahren wir beim ersten der sechs Besuche, in die das Buch eingeteilt ist. Und auch, dass Mamutschka eigentlich Polin ist. Nach Rezept hat sie noch nie gekocht.

Berühmte Leute besuchten das Scarlet Pimpernel. Hier gab es keine Speisekarte, die Wirtin rührte mitten unter den Gästen in ihren Kesseln und verteilte nach Gutdünken riesige Bratenstücke und Wassergläser voll Wodka.

Ob Cat Stevens, Josef Neckermann, Esther Ofarim, Cliff Richard oder die Rolling Stones, sie alle speisten und feierten bei „Mutter Pimpernel“. Und die Jackson Five schrieben ins Gästebuch: „We'll always love you“.

Mamutschka aber liess sich durch Reichtum und Ruhm nicht beeindrucken. Sie hatte die buchverliebten Isländer, die jedes Jahr im Oktober nach Frankfurt pilgerten, ins Herz geschlossen und speziell den schmächtigen Autor, den sie offensichtlich für das besonders bemitleidenswerte Exemplar einer geknechteten Spezies hielt. Kurz entschlossen „adoptierte“ sie das grossmutterlose „Kind“.

„Der erste Besuch“ handelt auch vom Entschluss des Autors, das abenteuerliche Leben der „polnischen Grossmutter“ aufzuschreiben, und von seiner nicht ganz einfachen Wandlung vom „Kind“ zum Biographen.

Denn anders als tote Schriftsteller, die sich bekanntlich nicht mehr wehren können, hat Mamutschka, die im bürgerlichen Leben Marianne Kowalew heisst, eigene Vorstellungen davon, was von ihrem Leben mitteilenswert ist und was dem Reich des Vergessens angehören soll.

Und so kommt der Biograph trotz des grosszügigen Angebotes, er dürfe alles über sie schreiben, was er wolle, nicht ohne Blessuren davon. Vor allem, wenn er ungefragt in ihrer Vergangenheit herumstöbert.

Aber sie hat ihn gewarnt, sie kann eine Hexe sein. Manches Mal überkommt den Autor das Hänselgefühl, und das nicht nur, wenn seine Protagonistin unerbittlich befiehlt: „Kind, iss!“

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Halldór Gudmundsson.

Die Hexe und ihr Märchenprinz

Marianne ist 1913 irgendwo in den Wälder zwischen Litauen, Russland und Polen aufgewachsen und mit siebzehn Jahren nach Wilna gekommen, in die damalige Vielvölker-Metropole, die heute die Hauptstadt Litauens ist und Vilnius heisst.

Hier lernt das junge Dienstmädchen Peter Kowalew kennen, einen reichen Fabrikantensohn russisch-schweizerischer Abstammung, der eigentlich der Miss Europa des Jahres 1933 versprochen ist.

Marianne ist kein Aschenputtel; selbstbewusst nimmt sie den Kampf gegen die schöne Konkurrentin und die Standesschranken auf.

Doch die Sowjets enteignen Prinz Peter und dann treten unerbittlich der Krieg und die Deutschen auf. Fast zehnmal, schreibt der Biograph, habe Marianne in den Wirren der Zeit ihre Staatsbürgerschaft gewechselt – Genaueres bleibt im Dunkel.

Wir erfahren zwar einiges über das heillose Wirrwarr, in das die kleinen Staaten Polen und Litauen geraten sind, wechselweise annektiert von den übermächtigen Nachbarn Sowjetunion und Nazideutschland. Doch mangels Mitarbeit der Hauptfigur bleibt manches Geschichtshintergrund.

Denn Mamutschka will keine düsteren Kapitel und verweigert sich den direkten Fragen des Biographen. Das interessiere keinen, erklärt sie resolut und rät ihm, er solle einfach ein bisschen Phantasie zur Hilfe nehmen, denn: „Phantasie hast du ja von mir schon genug bekommen.“

Für meinen Geschmack hätte Halldór Gudmundsson an manchen Stellen ruhig ein bisschen phantasieren oder spekulieren dürfen. Darüber zum Beispiel, wie die Polin Marianne es geschafft hat, 1942 als „Litauerin“ nach Deutschland zu reisen, während so viele ihrer Landsleute als Zwangsarbeiter für die deutsche Kriegswirtschaft schuften mussten. Ungefährlich war das sicher nicht, denn die Nazis verstanden in „Rassefragen“ keinen Spass.

In Frankfurt sei sie schnell in „in die gute Gesellschaft“ gekommen, sagt sie und irritiert den Biographen. Der muss das Hessische Hauptstaatsarchiv aufsuchen, um zu erfahren, warum Marianne, der „Volksdeutsche“ Peter und sogar die ehemalige Schönheitskönigin kurzzeitig in die Fänge der Gestapo gerieten.

„Sommer und Lachen wünsch ich deinem Land“

Nach Kriegsende können Marianne und Peter endlich heiraten, aber im Oktober 1949, drei Monate nach der Geburt des Sohnes, stirbt der geliebte Mann.

Bis sie Ende der 60er Jahre das „russische“ Lokal Scarlet Pimpernel eröffnen kann, ist Mamutschkas Leben ein Auf und Ab – mal ist sie stolze Besitzerin des Restaurants „Gräfin Mariza“, mal die vom Glück verlassene „schwarze Polin“.

Um all das auszuhalten, halfen ihr ihre hausgemachten Lebensrezepte. Manche sind nicht frei von frauenfeindlichen Zutaten. Mamutschka, die sich in einer Männerwelt zu behaupten gewusst hat, hat für andere Frauen herzlich wenig übrig.

Aber ein grosses Herz hat die fast Hundertjährige ohne jeden Zweifel, und das schliesst auch ganz Island ein. „Sommer und Lachen wünsch ich deinem Land“ gibt sie ihrem Adoptivenkel, der selbst schon mehrfacher Grossvater ist, mit auf den Weg.

Ein schön illustriertes Buch über eine aussergewöhnliche Frau, über versunkene Welten und unwiederbringlich erloschene Milieus, über grosse Gefühle und effektvolle Auftritte, geschrieben voller Liebe und Respekt für die Protagonistin und gewürzt mit einem Gran Nostalgie, einer Prise Selbstironie und einem ordentlichen Schuss Humor.

Halldór Gudmundsson Mamutschkas Lebensrezepte Ich bin nicht verrückt, aber extravagant Gebunden, 160 Seiten, 53 Abbildungen ISBN: 978-3-442-75228-7 € 19,99

Hier lesen Sie eine Besprechung zu „Wir sind alle Isländer“, Halldór Gudmundssons 2009 erschienenes Buch über die isländische Krise.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Die in dieser Rubrik veröffentlichten Beiträge geben nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.