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Bestrickend!

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dagmar_dlSo sehr die Outdoorausrüster auch mit modernem Material locken – der Islandpullover weiss sich dieser Tage so in Szene zu setzen, dass man ihn nicht übersieht. Die traditionellen Schulterpassenmuster begegnen einem in abgewandelter Form auf Servietten, T-shirts, auf der Outdoormode, und selbst Pferde tragen neuerdings Abschwitzdecken aus Islandwolle mit dem wohlbekannten Muster.

Dabei ist das Musterstricken selber noch ganz jung: in den 50ger Jahren kam es auf, möglicherweise beeinflusst durch die Muster aus dem schwedischen Bohuslän oder aus Grönland.

Island war zu arm gewesen, um sein Alltagsleben durch Muster zu bereichern. Seit 2005 explodieren die Designideen geradezu, im Jahr 2010 wird laut Umfragen der lopapeysa, der traditionelle Islandpullover, das beliebteste Weihnachtsgeschenk auf der Insel sein.

Vielleicht hat Ragnheidur Eiríksdótttir diesen Trend unbewusst geahnt, als sie ihr zweites Leben der Wolle widmete. Durch ein Rückenproblem vor Jahren zu einer Pause verurteilt, fing die gelernte Krankenschwester an zu stricken und arbeitete sich systematisch in die Wollwissenschaften ein – ein 2008 veröffentlichtes Stricklehrbuch ermöglichte ihr, das Unternehmen „Knitting Iceland“ - 'Strickendes Island' zu gründen.

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Ragnheidur Eiríksdótttir.

„Knitting Iceland“ ist wie ein Pullover, der so langsam Form annimmt. Spannende Workshops mit in- und ausländischen Strickexperten laufen bereits auf Hochtouren, im kommenden Jahr sollen Strickurlaube mit Individualbetreuung (zB. „Stricken und Spa“) ausgebaut werden. Bei allen Angeboten ist ihr der Kontakt zwischen Stricktourist und einheimischen Strickkünstlern besonders wichtig.

Ragga, wie Ragnheidur genannt wird, sieht das Stricken philosophisch.

Mit Sicherheit habe kreppa die grosse Krise, Anteil am neuen Strickboom, immerhin ist das eine billige Freizeitbeschäftigung, mit der man sich meditativ – auf dem heimischen Sofa – oder sozial engagiert – in den Strickzirkeln – von der schlechten Lage ablenken kann.

Auch die gefühlte manuelle Untätigkeit vor dem PC, so glaubt sie, bringt viele Menschen dem Handwerk wieder nahe. Etwas Bleibendes erschaffen zu wollen beflügelt so manchen, die Stricknadeln in die Hand zu nehmen.

In ihren Workshops ermuntert Ragga die Lernwilligen, sich von dem eingeschränkten Blickfeld gängiger Strickrezepte zu lösen und erst mal zu verstehen, was sie da eigentlich tun.

„Was macht die Masche?“ umschreibt sie ihre Mission der Stricklehre. „Stricken ist nämlich eigentlich ganz einfach. Wenn du die Kontrolle über die Masche hast, weil du verstehst, wie sie funktioniert, hast du alle Freiheit, kreativ zu werden.“

Als Technik-freak beschreibt sie sich selber. Nicht das Ergebnis reize sie, sondern die Methode, die Möglichkeiten, welche die Masche der Stricknadel bieten.

Am Ende verleiht dieser Lehr-Weg dem Strickschüler sogar ein völlig neues Selbstvertrauen, so hat sie in Workshops für sexuell missbrauchte Frauen festgestellt.

Und Ragga ruht nicht, die Lehre von der Masche zu verbreiten. Sie testet, nutzt das Internet als Multiplikator, probiert neue Techniken wie das tunesische Häkeln aus, oder wie man einen Islandpullover von oben strickt, um schneller stolz auf sich sein zu können.

Ihre neuste Idee, eine mehrsprachige DVD über die Fertigung des lopapeysa, wird über den Wollhandel verkauft, und über einen Miniworkshop auf der kommenden Frankfurter Buchmesse denkt Ragga auch nach.

Welch bestrickende Vorstellung, gestresste Messebesucher über einem Wollfaden meditieren zu sehen!

Alle Informationen zu Raggas Unternehmen findet man unter www.knittingiceland.com.

Dagmar Trodler[email protected]www.dagmartrodler.de

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