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Unter Kühen (bv)

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bernhild_dlDie Kanne poltert zu Boden, ein weisser Strom ergiesst sich. Ich stehe hilflos daneben, fühle mich schuldig. Erinnerungsblitze aus der Kindheit: Die, die mit den Kühen spricht. Die die warme Milch in der zerbeulten Kanne nach Hause trägt. Die rennt, stolpert und fällt. Milch auf dem Kies, Blut am Knie.

Die Kanne hier, in diesem isländischen Kuhstall, ist um so vieles grösser und auch die Lache aus warmer, duftender Milch. Mehr als ein halbes Jahrhundert ist verflossen. Nur die eigene Unachtsamkeit schmerzt wie damals.

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Vala gönnt sich eine Ruhepause zum Wiederkäuen.

Es ist die Milch von Vala, die hier verrinnt. Vor kurzem habe ich ihr Euter gewaschen, sehr behutsam, denn sie hat wunde Zitzen. Oft tritt sie den Melkbecher weg. Kraule ich ihren Schwanzansatz, beruhigt sie sich. Dabei reibe ich ein bisschen Fell ab, hellbraunes Fell, das sich leicht kringelt.

Ob rot, braun, schwarz, grau oder weiss, ob kunterbunt, gefleckt oder gestreift – ich glaube, keine Kuh auf Island gleicht einer anderen.

Auf jede der rund 30.000 Kühe kommen 10 Menschen. Und jeder Mensch trinkt täglich einen Drittel Liter reine Milch – abgesehen von anderen Molkereiprodukten wie Skyr, Sauermilch, Butter und Käse.

Der isländische Milchmarkt wird durch „greidslumark“ geregelt, ein frei handelbares, staatlich subventioniertes Quotensystem, das den beteiligten Bauern einen Mindestpreis garantiert und die Verbraucherpreise begrenzt.

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Heu- und Grassilageballen im letzten Nachmittagslicht.

Die Erzeuger bekommen gegenwärtig 74,38 ISK (etwa 47 Cent) pro Liter Milch, der im Handel um die 110 ISK kostet. Die sechsköpfige Bauernfamilie in Nordisland, bei der ich voluntiere, kann davon existieren, aber keine grossen Sprünge machen. Der Arbeitstag ist lang und hart. Er beginnt gewöhnlich um acht Uhr und endet um 22 Uhr. Milchkühe kennen kein Wochenende und keinen Urlaub.

Die ausgelaufene Milch rinnt durch das Gitter hinab in den Dungkanal. Fünfmal am Tag werden Gitter und Stallgang vom Mist gereinigt und die Matten, auf denen die Kühe stehen, gefegt: vor und nach dem morgendlichen und abendlichen Melken sowie mittags. Dreimal ist Fütterung, dreimal werden Gitter und Gang gründlich mit dem Schlauch abgespritzt. Es gibt 756 einzelne Gitterstäbe.

Die Katzen sind beim Klirren der Kanne auseinandergestoben. Nun sind sie zurück, aber sie rühren die Milchlache nicht an. Sie warten, bis ihr Napf gefüllt wird. Es ist mir nicht gelungen, die Katzen zu zählen, aber es sind mindestens so viele wie Kühe.

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Abwechslungsreiche Ausblicke beim Euterwaschen.

Vala ist eine von 24 Milchkühen. Hinzu kommen Kälber und Jungrinder und ein paar trächtige Kühe, die keine Milch mehr produzieren. Dazu etwa 250 Schafe. Ein typischer Familienbetrieb, auch wenn es auf Island einige grosse Höfe mit Melkkarussel und allen modernen Schikanen gibt. Ein Hof mit 40 Milchkühen erfordere über 13 Arbeitsstunden an jeden Tag des Jahres, besagt eine Statistik des Bauernverbandes – nach meiner Beobachtung ist das erheblich untertrieben.

Eine der Kühe heisst Sexspen, denn sie hat sechs Zitzen – die zwei zusätzlichen sind verkümmert. Schon Snorri Sturluson berichtete im 13. Jahrhundert über die mythische Urkuh Audhumla: „Vier Milchströme flossen aus ihrem Euter“. Auf der berühmten Illustration[http://de.wikipedia.org/wiki/Audhumbla] aus dem 18. Jahrhundert trägt sie mächtige Hörner.

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Die Urkuh Audhumla (Ausstellung Ormurinn ógnarlangi im Kulturzentrum Gerduberg, Reykjavík).

95 Prozent der isländischen Kühe sind heute genetisch hornlos. Zum isländischen „Urvieh“, das auf den Schiffen der ersten Siedlern eintraf, kam ab dem 19. Jahrhundert eine begrenzte Anzahl dänischer Rinder und schottischer Galloways hinzu. Die Milchleistung konnte gesteigert werden, erreicht aber bei weitem nicht das Niveau einer europäischen Hochleistungskuh.

Dafür schmeckt die Milch einfach köstlich. Die Kühe futtern Heu, Grassilage und Gerste – alles aus eigener Produktion – und relativ geringe Mengen an Kraftfutter-Pellets. Ab und an müssen sie eine Vitamin- und Mineralienkapsel schlucken. Alle Futterergänzungsmittel haben sich seit der Krise stark verteuert.

Die Bauernfamilie versorgt sich weitgehend aus selbsterzeugten Produkten. Für den Eigenbedarf wird ein Schaf geschlachtet, Fleisch geräuchert, Wurst gemacht. Fleischwaren dienen auch als Tauschmittel – wozu auch sollte man teuren Fisch im Supermarkt kaufen, wenn man einen Fischer kennt?

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Das Neugeborene lässt sich von älteren Kälbern bemuttern.

Die Milch, die ich verschüttet habe, war für die Kälber bestimmt. Das neugeborene und sofort von seiner Mutter getrennte Kälbchen bekommt in den ersten Tagen noch ein Fläschchen mit „broddmjólk“, dem gehaltvollen, gelben Colostrum. Gekocht stockt die Erstmilch zum leckeren puddingartigen „ábrystir“, das mit Zucker und Zimt gegessen wird.

Die Milch der anderen Kühe fliesst direkt in die Leitung, die zum Tank in der Milchkammer führt. Hier wartet die Milch, auf knapp 4°C heruntergekühlt, auf den Molkereiwagen.

Vor dem Melken müssen die Euter und insbesondere die Zitzen gewaschen werden. Es gibt feste und weiche Euter, schlabbrige, schrumpelige und harte Zitzen. Die von Björk sind klein und von grauer, fast violetter Farbe. Die etwas nervöse Jungkuh hält penibel auf Sauberkeit. Ein weisser Aalstrich ziert ihr schwarzes Fell.

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Borka und Björk.

Daneben steht Borka, die mit mir einen rauen, aber freundschaftlichen Umgang pflegt. Sie ist die dreckigste Kuh im Stall, mit strubbeligem schwarz-braun gestreiftem Fell, das an die Borsten eines Wildschweines erinnert. Ihre Zufriedenheit mit meiner Arbeit drückt Borka gelegentlich mit einem treffsicheren Urinstrahl aus.

Schwanzhiebe, Fusstritte. Manchmal geht es rau zu im Kuhstall. Und geräuschvoll ist es: Ventilatorengetöse, der surrende Waschgang der Milchleitung, Tierlaute. Skella, die um ihr zu schweres Euter einen Netz-BH trägt, kann nicht muhen und gibt ein schnarchendes Röcheln von sich. Die Milchkühe sind meist still, nur die Kälber lärmen.

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Skella, die Kuh mit dem Büstenhalter.

Hryggjarstykki (Kalbsfell) hiess die erste Zeitzeugensaga aus dem 12. Jahrhundert, die leider verloren ging. Pergament aus Häuten von Kälbern und Schafen bildeten die materielle Grundlage der reichen isländischen Sagaliteratur. In der Saga von Grettir dem Starken geht die Bäuerin zum Melken in den Kuhstall und findet dort den vom Hofgeist erschlagenen Kuhhirten.

Ich gab mich nach zwei Wochen harter Arbeit geschlagen. Und weil alles, was ich dabei erlebt habe, zwar auf eine Kuhhaut geht, für einen Internetartikel aber zu viel ist, sag ich für heute bless und tschüss.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

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