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Ein besonderes Geburtstagskind: Orri frá Thúfu (DT)

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dagmar_dlEr ist das berühmteste lebende Pferd Islands: Orri frá Thúfu. 25 Jahre ist der Hengst nun alt – und noch kein bisschen müde.

Der Sohn von Hrafn frá Holtsmúla aus der seinerzeit züchterisch unbekannten Dama frá Thúfu war schon als Jungpferd aufgefallen und überzeugte bei der nationalen Zuchtschau Landsmót 1990 und den darauffolgenden Zuchtprüfungen alle Richter. Orri ist ein echter Stempelhengst – einer, der der Pferdezucht in Island seinen Stempel aufgedrückt hat.

An vorvergangenen Samstagabend feierten seine Fans und Verehrer das schwarze Geburtstagskind in der Ölfushalle vor den Toren von Hveragerdi. Trotz teurer Tickets war die Veranstaltung ausverkauft, sowas lassen Isländer sich nicht entgehen, man weiss ja nie, wann man „konugurinn“ – den König – noch mal wiedersieht.

Der jedoch erfreut sich allerbester Gesundheit, so als Hengst der Superlative: er deckt weiterhin im Sommer Stuten, ein Decksprung kostet bis zu 500.000 isländische Kronen (ca. 3100 Euro), er hat inzwischen 60 Besitzer, ein Besitzanteil kostet eine Million Kronen und der neuste Anteilseigner ist auch der erste Ausländer, nämlich ein Deutscher, der ungenannt bleiben möchte.

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Die beiden jungen Damen, die Herrn Orri in die Halle eskortieren, reiten ihn täglich, und seine knackige Hinterhand ist immer noch beeindruckend. Er macht den Eindruck eines äusserst zufriedenen, älteren Herrn, den die vielen Zuschauer nicht im Mindesten störten. Er schaute umher, und als es ihm zu langweilig wurde, gähnte er ungeniert.

Die Isländer wissen, wie sie ihre Athleten – seien es Pferde oder Handballer – gebührend feiern: mit standing ovations und einem herzhaften dreifachen 'Hurra!' des Publikums begann die Pferdeparty des Jahres, dann gab es eine Portion rúgbraud (süsses Schwarzbrot), als schmackhafte Grussbotschaft seiner Entdeckerin und ehemaligen Reiterin, der in Deutschland lebenden Rúna Einarsdóttir-Zingsheim, und brotmampfend verliess der „konungur“ gemessenen Schrittes die bis auf den letzten Platz besetzte Halle.

Mit 25 muss man niemandem mehr beweisen was man drauf hat. Ausserdem waren dafür Orris Kinder ja gekommen: die gezeigten Nachkommen beweisen, wie stark der Hengst sein Gebäude und seinen Töltstil vererbt – die Ähnlichkeit in der Bewegung ist mitunter verblüffend.

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Ein Reigen der feinsten Pferdestammbäume Islands töltete durch die Halle, berühmte Orri-Söhne wie Vilmundur frá Feti, Álfur frá Selfossi oder Gári frá Audholtshjáleigu führten ihre Nachkommenschaft sogar selbst an und demonstrierten, dass auch altgediente Deckhengste immer noch gut im Training sein können.

Nicht nur Tölt und Pass wurden eindrucksvoll demonstriert, auch am Trab haben die Isländer grossen Spass. Das Tempo, in dem die Pferde diese Gangart laufen können, erinnert bisweilen an Traber vor dem Sulky, die Vorhandaktion an Warmblüter in der Dressur. Islandpferde sind mitnichten Kinderponys, sondern Pferde mit Temperament und Charakter.

Sie tragen immer auch einen Nachnamen – den des Ortes, wo sie herstammen. Manche dieser Namen haben in der Islandpferdewelt eine geradezu magische Kraft, stehen sie doch für herausragende Eigenschaften bestimmter Zuchtlinien oder sportliche Erfolge. Die Benamung zeigt bei allem praktischen Sinn aber auch eine Menge Respekt vor dem Pferd als Partner – in den alten Zeiten nämlich als Mitgeschöpf und Hofmitbewohner, der Alltag bewältigen und Überleben sichern half.

Liebe und Respekt vor dem Pferd gipfelte bisweilen noch bis in letzte Jahrhundert darin, dass mancher sich mit seinem getreuen Vierbeiner in einem gemeinsamen Grab bestatten liess.

Nicht alle Darbietungen waren schön anzusehen, so mancher Reiter brauchte an diesem Abend viel Zügeleinwirkung und eine harte Hand, um für die Show noch mehr Aktion und Wow!-Faktor herauszuholen.

Für das europäische Auge wirkt eine exaltierte Vorhandaktion bisweilen eher störend in der Harmonie. Sicher ist das Geschmackssache – die Isländer bejubelten ihre Pferde.

Je später der Abend, desto lauter und heisser wurde die Musik. Der bekannte Reiter Daníel Jónsson trieb es auf die Spitze und erzeugte echtes „isländisches feeling“, auf der Falbstute Glíma frá Bakkakoti zeigte der Hüne, was man mit Reiterdruck so alles erreichen kann: die Stute knallte wie ein Geschoss durch die Halle, der Sprecher schwärmte von echter Kraft und Energie – das Publikum tobte. Es tobte erst recht vor Begeisterung, als der humorvolle Daníel sich in hohem Tempo selber parodierte.

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Zwei Altmeister isländischer Reitkunst brachten leise Töne in Form eines wohleinstudierten Pas-de-Deux – ein für isländische Verhältnisse reiterlicher Leckerbissen, ebenso wie die Darbietung des Dozenten der Pferdeuniversität Hólar, Thórarinn Eymundsson.

Er beeindruckte durch einem Reitersitz, der so losgelassen war, wie es das anspruchsvolle Tempo nur irgend erlaubt. Seine Stute Thóra frá Prestbae dankte es ihm mit flüssigem, wunderschönem Tölt.

Wie so oft gehörte der Abschluss dem Rennpass, zu dem die Isländer eine ganz besondere Beziehung pflegen, und auf den man sich als Ausländer einfach einlassen – oder die Halle verlassen sollte.

Beide Hallentore werden dazu nämlich aufgezogen und kurz darauf donnert alles, was Rennpass zeigen kann, zu heisser wummernder Technomusik zu den Toren rein und wieder raus. Dazu klatscht das Publikum frenetisch im Takt und bejubelt gelungene Läufe.

Vieles was man hier sieht, wäre in Deutschland undenkbar. Man kann griesgrämig offene Mäuler bemängeln – oder sich einfach von der grossartigen Stimmung mitreissen lassen und die Leistungen dieser wundervollen Pferde bewundern.

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Wie auch immer man zu Orri frá Thúfu stehen mag – züchterisch hat der Hengst längst nicht nur Freunde – an diesem Abend wurde ein hohes Leistungspotential gezeigt, das Fenster in eine Zuchtrichtung weit geöffnet und man war herzlich eingeladen, das Wirken dieses Stempelhengstes in Augenschein zu nehmen.

Und ja – Pferdequalität wie an diesem Abend trifft man in Deutschland nur sehr selten.

Dagmar Trodler[email protected]www.dagmartrodler.de

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