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„Chocolat“ in Island (DT)

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dagmar_dlDer April in Südisland ist endlos. Er ist doppelt so lang wie andere Monate, doppelt so windig und der Sommer scheint dreimal so weit entfernt wie noch im März.

Wenn man den langen Winter überstanden hat, kommt noch der April. Aus Deutschland erreichen uns Geschichten von 27 Grad, Osterglocken und Pferde anweiden. In Südisland ist immer noch Winter, Temperaturen um 4 Grad, Regen – oder manchmal Schneematsch.

Die Zugvögel, Austernfischer, Wildgänse, Schwäne, müssen sich doch geirrt haben, denkt man und zieht die Fleecejacke enger. Man ist mit seinem Latein allmählich am Ende, was Vorfreude und Ablenken angeht.

Aber zum Glück gibt es für uns „sveitianer“ das Kaffihús Mika.

In Reykholt, an der Strasse 35 nach Geysir und Gullfoss in einem modernen Grasdachhaus beherbergt, ist die Neueröffnung von Februar der Mega-Lichtblick im ansonsten gaumenfreudenarmen „sveit“ (das ist das Land, im Gegensatz zur Stadt).

Der Isländer ist in der Regel mit Hotdog, Kjötsúpa und Möhrenkuchen zufrieden, der Tourist möchte im Urlaub für Essen nur ungern Geld ausgeben, entsprechend schwer hat es jegliche ausgefallene Gastronomie auf dem Lande.

Michal Jozefik hat sich davon nicht abschrecken lassen. Der gebürtige Pole, der jahrelang im Hotel Flúdir beschäftigt war, erfüllte sich Anfang des Jahres seinen Lebenstraum und eröffnete ein Café mit dem Anspruch, einen kleinen feinen Mittagstisch ebenso wie richtig guten Kuchen anzubieten.

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Von belgischen Chocolatiers hat er sich das Handwerk zeigen lassen, und seine schwarze Trinkschokolade ist so dickflüssig dass sie als träger Faden vom Löffel tropft und in der Tasse satte, glänzende Kreise malt. Man kann sie trinken oder löffeln, und jeder einzelne Löffel dieser Droge ist wie Medzin gegen das ewige Grau da draussen.

Die Schokoladenkuchen kommen als Ereignisse auf dem Teller daher und Pralinen zerlaufen im Mund wie eine zarte Erinnerung an die alte Dreiländereckheimat Aachen, wo Schokolade eine ganz besondere Süsse mitbringt.

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Der Film „Chocolat“ scheint in dem kleinen Café wahr geworden zu werden, vielleicht hat der Südwind Juliette Binoche und ihre Zauberkreationen ja wirklich ins Land des endlosen Winters verweht…

Und so sitzt man da und träumt sich davon, während draussen der Regen waagrecht gegen die grossen Caféfenster trommelt und einem weismachen will, dass der Sommer niemals kommt.

Und auf einmal ist das Wetter egal, soll es doch regnen, soll es doch schneien, soll das ganze Land doch im Matsch versinken.

Langweilige, einsame Sonntage bekommen eine neue Lebensqualität, und hat man sich auf den Weg zum Golden Circle gemacht, ist das Café ein guter Auftakt, Energie in Form von Schokolade zu tanken und den überteuerten Einheitswürstchen in Pappbrot zu entkommen.

Das Kaffihús Mika ist bei Facebook zu finden und bald auch mit eigener Homepage. Seit dem April ist es täglich von 11 Uhr bis 18 Uhr geöffnet.

Dagmar Trodler[email protected]www.dagmartrodler.de

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