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Eine haarige Sache (DT)

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dagmar02_dlMonoton trommelt der Regen auf das Blechdach des Schafstalls.

Monoton summt die Schermaschine.

Sonst hört man nichts. Kein Schafblöken – nichts.

Warum auch. Als echte Bewohner ihrer Insel fügen die Schafe sich in ihr Schicksal, das sich ja doch nicht ändern lässt, statt wie Mitteleuropäer zu lamentieren. Sie warten dicht gedrängt, dass sie an der Reihe sind, ihr Haarkleid zu verlieren – oder warten einfach so, in dem Pferch, wo die „Nackten“ aufbewahrt werden.

Man spricht nicht viel hier im Stall. Die Schermaschine ist eh zu laut, und Schaf ist Schaf ist Schaf. Will man eins fangen, taxiert man es und nähert sich langsam. Dann schöpft es Verdacht und bevor es davonrennt, sollte man schneller gewesen sein und es an Pelz und Horn gepackt haben.

Alle unerfahrenen Schaffänger haben am nächsten Tag blaue Flecken an den Oberschenkeln – nicht etwa weil sie gestürzt sind, sondern weil sich die Hörner in die Schenkel bohren, während man über dem Schaf stehend es vorwärtszieht, obwohl es versucht rückwärts zu gehen.

Emil hängt in einer Art Bauchgurt, um sich beim stundenlangen Arbeiten in gebückter Haltung nicht den Rücken zu ruinieren. Mit langen routinierten Bewegungen fährt seine Schermaschine zwischen Haut und Pelz, trennt das Wollkleid ab und hinterlässt ein rosaschimmerndes jungfräuliches Sommerkleidchen.

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Hagel trommelt jetzt aufs Dach. Sommerkleid? Lachhaft. Für die kommenden Tage lautet die Wettervorhersage erst mal wieder Schnee, aber die Schafschur muss hier im milden Süden erledigt sein, bevor die ersten Lämmer geboren werden.

Die Schafmütter lassen die Schur ruhig geschehen, lehnen sich gar gegen Emils Beine, um die unbequeme Lage auf dem Hintern sitzend zu entlasten – und warten einfach, bis es vorbei ist.

Böcke und Lämmer vom Vorjahr verlangen starke Arme und Reaktionsschnelligkeit, sie wehren sich zum Teil vehement und man ist froh um jedes Horn zum Festhalten.

Emil schert den Pelz im Ganzen, und hat er den Stummelschwanz erreicht, fällt das Kleid zu Boden, das Schaf springt zappelnd auf und taumelt benommen davon, zu den anderen Nackten, die das Tun interessiert verfolgen, als hätten sie nicht erst vorhin hilflos in seinem Griff gehangen. Schafe sind die Meister des Hinnehmens.

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Emil erinnert sich kaum, wielange er schon Schafe schert. „Sieben Jahre? Oder acht?“ lächelt er. Der junge Handwerker erledigt den Job wie so viele Isländer neben seiner normalen Arbeit.

In einer landwirtschaftlichen Gesellschaft ist zusätzliche Arbeit mit Tieren an der Tagesordnung, und man wird auch mal früher heimgeschickt, wenn die Kollegen wissen, dass man noch Stallarbeit vor sich hat.

Emils Schermaschine baumelt drängelnd von der Decke. Er gönnt sich kaum eine echte Pause, trinkt nur Wasser und schaut auch nie, wieviel Arbeit noch vor ihm liegt. Er kann es ja eh nicht ändern.

Nach jedem fertiggeschorenen Schaf hebt er sich aus dem Bauchgurt, stellt die Maschine aus und drückt auf den Zähler – der gleiche Zähler, mit dem Flugbegleiter im Flugzeug ihre Passagiere zählen. Das leise Klicken klingt durch alle Umgebungsgeräusche hindurch, wie ein Schulterklopfen für den Knochenjob.

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Die Wollpelze werden auf einer Palette ausgebreitet und grob von Mistresten befreit. Nach schwarz, weiss und gescheckt sortiert finden sie sorgfältig zusammengerollt in riesigen Tüten Platz.

Man zählt die Tüten und denkt, wow, welch kostbares Gut aus stundenlanger Arbeit – doch weit gefehlt: das Geld was die Schafwolle einbringt, bezahlt so gerade eben den Schafscherer, der wenn er auf diesem Hof fertig ist, etwa 240 mal auf seinen Zähler gedrückt hat.

240 mal ein Schaf erjagen, 240 mal Hörner im Oberschenkel haben. Gatter öffnen. Schaf vorwärtsziehen. 240 mal Wolle vom Boden heben, bevor das zappelnde Schaf sie zerzaust.

Monoton trommelt der Regen auf das Blechdach. Sommer? Die Schafe warten geduldig, bis sie an der Reihe sind... warten bis der Sommer kommt.

Und mit einem ganz besonderen Gefühl wickelt man abends die Wolle von der Plötulopi-Scheibe auf ein Knäuel, um sie zu einem Pullover zu verstricken. Nach einem Tag des Fangens, Scherens, Sortierens, Verpackens fasst man sie mit mehr Respekt an.

Dagmar Trodler[email protected]www.dagmartrodler.de

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