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Egilsstadir am Freitag, den Dreizehnten (bv)

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bernhild_dlOh je, was für ein Pech, acht Stunden in Egilsstadir festsitzen zu müssen, wird mancher Islandreisende sagen! Egilsstadir wird zwar als Versorgungszentrum geschätzt, länger aufhalten will sich der Tourist hier aber normalerweise nicht.

Auch ich war über die lange Wartezeit nicht sonderlich erbaut, zumal sich das Wetter am Freitag, den 13. Mai, wenig einladend präsentierte.

Ich stellte mein Gepäck in einer Ecke des Informationszentrums ab und überlegte: Sollte ich mal wieder das Ostisländische Museum besuchen oder ins Schwimmbad gehen? Da begrüsste mich eine alte Bekannte mit Halló.

Margrét, genannt Magga, war etwas in Eile und so fragte ich sie, ob ich sie ein Stück auf ihrer Tour begleiten dürfe. Magga fährt den Linienbus zwischen Egilsstadir und Borgarfjördur eystri und bringt die Post und diverse Waren in das kleine abgeschiedene Fjorddorf.

Das Handy klingelt und Magga notiert sich schnell das Stichwort „Magnússon“ auf die Hand. Im Bus überträgt sie das Handgeschriebene gewissenhaft auf einen Zettel, der bereits 13 einzelne Posten aufweist.

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Ungeplanter Busstop zur Pannenhilfe, kurz vor Borgarfjördur eystri.

Auf der knapp vierstündigen Tour lerne ich eine Menge Lagerhäuser kennen. Aus einem schleppen wir einen geräumigen Sessel heraus, bei Samskip ein Bettgestell mit Matratze und auch bei Eimskip, dem bekanntesten Frachtschiff- und Speditionsunternehmen, gibt es was zu holen.

Weil Bauer Magnússons Schafe Probleme mit dem Pansen haben, bekommen wir im väterinärärztlichen Zentrum ein deutsches Pülverchen ausgehändigt, dem der Doc ein Blatt mit der isländischen Übersetzung der Gebrauchsanweisung beigefügt hat.

In der Bank, die wir durch einen Hintereingang betreten, fischt ein Angestellter einen flachen Pappkarton mit Papieren aus einer Abstellkammer und verklebt ihn mit einem breiten Tesaband.

Draussen wartet schon ein Bewohner des Fjorddorfes, den Magga unterwegs erspäht und um Hilfe gebeten hatte, und nimmt das eilige Päckchen in Empfang. Er wird es rechtzeitig bei einem Meeting in Borgarfjördur abliefern und Magga muss nun nicht mehr hetzen.

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Post für Borgarfjördur eystri.

Fahrplan? Passagiere? Magga ist ihr eigener Chef, muss keine exakten Zeiten einhalten und ausserdem: Um diese Jahreszeit sind auswärtige Fahrgäste noch selten und die Leute aus Borgarfjördur eystri ordnen sich ihrem Zeitplan willig unter.

Wer will schon 140 km fahren, nur weil die Kartusche mit Silikon leer ist? Da ist es billiger, zeitsparender und nervenschonender, kurz mal Magga anzurufen, die ohnehin in Egilsstadir unterwegs ist. „Ich verstehe mich auch ein bisschen als Sozialarbeiterin“, schmunzelt sie.

Sie ist in der dem Fjord vorgelagerten Bucht Njardvík zuhause und hat gerade den Stall voll trächtiger Schafe und winziger Lämmer.

„Ja, es ist anstrengend im Mai und zum Schlafen kommt man wenig, aber es ist eine so schöne Zeit, alles grünt, wächst und gedeiht.“ Magga und ihr Mann haben ein Nachbargebäude dazugekauft und bieten ab diesem Sommer auch Ferien auf dem Bauernhof an.

Energie und Einfallsreichtum liegen wohl in der Familie. Das wird mir klar, als wir bei Maggas 75jähriger Mutter Kaffeepause einlegen. Ihre Wohnung ist Werkstatt und Ausstellung zugleich.

Was diese Frau aus Leder, Stein, Stoff, Wolle, Rinde und anderen Materialresten zaubert, ist unbeschreiblich: Kleine Gebrauchsgegenstände wie Taschen und Dosen, und Dekoratives wie Ohrringe, Broschen und kleine Figuren.

Voller Stolz öffnet sie eine Schublade voll gehäkelter Handytäschchen im Eulen-Look. Ein Webrahmen, mehrere Nähmaschinen und Unmengen von Stoff- und Lederresten bevölkern den Wohnraum.

Im Sommer verkauft Maggas Mutter ihre Werke in dem zusammen mit anderen Frauen organisierten Kunsthandwerksmarkt neben dem neuen Café und Bistro Kaffi Egilsstadir, wo nun auch die Campingplatzverwaltung zu finden ist.

Ich erstehe einen kleinen Zauberbeutel für meine Enkeltochter. Er fühlt sich wunderbar weich an, ist aus Rentierfell gefertigt, dem Lieblingsmaterial der Designerin, die nicht Designerin genannt werden will.

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Der Zauberbeutel enthält drei Steine und einen Zettel.

Gestärkt machen wir uns in den Baumarkt auf: Bretter, Paneele und Dämmmaterial wandern in den Transporter. Beim Reinwuchten, Schieben und Drücken (denn schon wird es eng im Transporterbus) helfen zwei Angestellte.

Man kennt sich und scherzt. Solch eine umfängliche Ladung fährt Magga nicht jeden Tag. Aber nun ist Frühling und auch in Borgarfjördur eystri ist Bau- und Renovierzeit.

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Magga im Baumarkt.

Ein paar Kleinigkeiten aus der Drogerie landen im Gepäcknetz. Eine Palette Getränkeflaschen für den Dorfladen haben wir schon eingeladen und so ist zu guter Letzt noch die Molkerei dran: Käse, Milch, Skyr.

Nebenbei erfahre ich, dass es im Fjord Borgarfjördur eystri keine einzige Kuh gibt. Magga breitet sorgfältig eine Decke über die Molkereiprodukte aus.

Aus leidvoller Erfahrung weiss sie, welch impertinenten Geruch ausgelaufene Milch im Bus verbreiten kann – da hilft auch ausgiebiges Putzen wenig.

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Verladung der Molkereiprodukte.

Nun bleibt nur noch, einen Lottoschein an der N1-Tankstelle abzugeben. Vielleicht verhilft Magga einer Dorfbewohnerin dazu, den Jackpot zu knacken. Am Freitag, dem Dreizehnten, kann so etwas schon passieren, orakle ich. „Das Problem ist nur“, sagt Magga, „die Ziehung ist erst morgen.“

Wir verabschieden uns. Nächstes Jahr sehen wir uns sicherlich wieder, zwischenzeitlich hält Facebook den losen Kontakt aufrecht.

Ich schlendere noch einmal zurück zum alten Campingplatz, um die Badstofa zu inspizieren. In dem grasbewachsenen Häuschen habe ich mehrmals genächtigt.

Es war eine schlichte, stilvolle Unterkunft. Doch sie macht keinen guten Eindruck mehr: Eine Scheibe ist zerschlagen, die Vorhänge sind zugezogen.

Ich frage im Kaffi Egilsstadir nach und erfahre: Der alte Campingplatz wird noch als Ausweichplatz in der Hauptsaison benutzt, die Badstofa aber ist leider verkauft.

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Keine Lagerhalle, sondern das Kulturhaus Sláturhúsid.

Weil es am Wegrand liegt, besuche ich Sláturhúsid. Das ehemalige Schlachthaus ist Kulturhaus, Bürger- und Jugendzentrum in einem (Ich werde im Kulturblick näher darüber berichten).

Zwei Ausstellungen, Plaudern mit dem „Chef des Schlachthauses“ und einer Ledermoden-Designerin – dann ist meine äusserst kurzweilige Wartezeit in Egilsstadir schon wieder zu Ende.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

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