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Schulterzucken (DT)

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dagmar02_dlKann man sich an Naturkatastrophen gewöhnen, wenn man erst zwei Jahre hier auf der Insel lebt?

Am vergangenen Samstag brach der Grímsvötn aus – ein Vulkan unter der Eisdecke des Vatnajökull, Europas grösstem Gletscher. Grímsvötn ist einer der aktivsten Vulkane Islands, aber eher wenig gefährlich für die Bewohner der Insel.

Er ist vor allem ärgerlich.

Der Ausbruch von Fimmvörduháls und Eyjafjallajökull im vergangenen Jahr war spannend, wir konnten beide Ausbrüche von unserem Haus aus sehen, und wir wurden weitestgehend von Asche verschont.

Das ist dieses Jahr anders. Den ersten Qualmpilz habe ich noch miterlebt, romantisch-rosa im Abendlicht. Dann kam die Asche, über Nacht, flog geräuschlos Richtung Westen, verdeckte die Fernsicht.

Am anderen Tag fand sie uns in Skálholt, wischte mit ihren Federn über den maiblauen Himmel und gab ihm ihre unverwechselbare Farbe: ab jetzt hatte alles graubraun zu sein.

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Dass hinter ihren Flügeln Sonne und Frühlingswetter warteten, konnte man nur erahnen, am Sonntagabend hätte kein Ortsunkundiger die Sonne lokalisieren können – 20 Kilometer hinter Selfoss.

Besitzergreifend lag der Aschevogel über uns, breitete seine Schwingen über das Land, schmiegte sich um jede noch so kleine Oberfläche, übernahm die Macht in Weide, Stall und Haus.

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Heute morgen ist der Hals rauh, so rauh wie die Tastatur meines Laptops, weil ich vergessen hatte, ihn wegzupacken. Rauh auch der Wasserkocher, der Küchentisch, die weisslackierte Fensterbank ist gar schwarz. Ich hole den Putzlappen.

Man klagt nicht. Man flucht nicht. Man füttert die Pferde im Stall und sagt ihnen, dass sie drinnen bleiben müssen, damit sie das Dreckszeug nicht einatmen. Die Pferde zucken mit den Schultern, sie sind Wikingerpferde und wissen, dass auf Sonne Sturm folgen kann, und auf Mai Vulkanausbruch.

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Man nimmt den Staubsauger und saugt alle Flächen ab, man wischt feucht und lässt den Eimer stehen. Man lüftet nicht, wäscht nicht, man hält die Türen geschlossen – und hasst ein bisschen das Eingesperrtsein. Man probiert dennoch, rauszugehen – und ist froh, wieder im Haus zu sein.

Man zuckt mit den Schultern. Ist man Wikinger geworden? Weiss, dass man weder Sturm noch Vulkanausbruch ändern kann, und dass es demzufolge keinen Sinn hat zu klagen, einen Schuldigen zu suchen oder sich zu ärgern weil man ein Konzert verpasst hat, nicht reiten kann oder einen kostbaren freien Tag beim völlig sinnlosen Putzen verbringen muss, weil morgen wieder alles staubig sein wird.

Dieses Land lehrt einen wie nichts anderes, Unabwendbares hinzunehmen. Mit den Schultern zu zucken.

Und trotzdem zu lächeln. Weil irgendwas cooles, schönes, sonniges heute sicher noch passieren wird.

Dagmar Trodler[email protected]www.dagmartrodler.de

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