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Von Islands singenden Nachbarn (bv)

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bernhild_dlAufgeregt kam Emhild die Treppe herunter: „Gerade haben sie in den Nachrichten gebracht: Der Grímsvötn ist ausgebrochen.“

Hier im nordisländischen Húsavík aber war der Winter wieder ausgebrochen, schwere, nasse Schneeflocken. Das ist normal, Ende Mai, meinten die Einheimischen, die es sich nicht zur Aufgabe gemacht haben, Touristen zu beschwichtigen. Doch angesichts der Wetterlage brauchte ich einige Phantasie, mir das sonnige Südisland mit der Rauchsäule des Grímsvötn vorzustellen.

Emhild ging hinaus und fütterte das Entenpaar, das sich in ihren Garten geflüchtet hatte, mit Brotresten. Sie stammt von den Färöern. Die Vulkane, die vor rund 60 Millionen Jahren diese nordatlantische Inselgruppe geformt haben, spucken nicht mehr. Und es schneit dort eher selten.

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Maischnee in Húsavík, Nordisland.

Dennoch geben die färöischen Basaltfelsen, das launenhafte Klima, die klare Luft, Flora und Fauna einen Vorgeschmack auf Island. Wenn ich im Frühjahr mit der Fähre Norröna nach Island fahre, schlendere ich gern ein paar Stunden durch Tórshavn, die reizvolle Hauptstadt der Färöer.

Für eine solche Fährfahrt muss ich fünf Tage veranschlagen. Zwei Tage, um mit Auto oder Zug nach Nordjütland zu gelangen, und dann drei Tage für die gemütliche Überfahrt. Wenn irgend möglich, nehme ich mir die Zeit dazu. Die Wellen wiegen mich, der Wind akklimatisiert mich und – was besonders bei der Rückfahrt wichtig ist – meine Seele hat Zeit mitzukommen.

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Die Inselwelt der Färöer.

Die Norröna schippert nicht nur Touristen und ihre Fahrzeuge nach Island, sie sichert auch den wöchentlichen Waren- und Personentransport zwischen ihrem Heimathafen Tórshavn und Dänemark.

Färinger, wie die Bewohner der Färöer genannt werden, sollen bigott oder gar christlich-fundamentalistisch sein, heisst es oft. Aber das trifft sicherlich nur auf einen kleinen Teil zu. Alle diejenigen, denen ich bisher begegnet bin, sind weltoffen und vorurteilsfrei und es ist immer wieder ein Vergnügen, sich mit ihnen zu unterhalten.

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Färinger beim gemeinsamen Gesang auf der Fähre Norröna.

Diesmal hatte die Reederei Smyril Line eine Dänemarkreise für ältere Landsleute organisiert. Nachmittags und abends sass die zurückkehrende Gruppe im Saga-Café und sang gemeinsam. Ich setzte mich dazu, eine Frau hielt mir ihr Textheft hin und ich versuchte, zur eingängigen Melodie das lustige Lied „Kenna tit Rasmus“ mitzusingen. Wenn ich es richtig verstanden habe, geht es darin um einen Mann, der seiner Angebeteten endlich die Liebeserklärung macht, auf die sie seit 30 Jahren wartet.

In den Pausen kam ich mit den Tischnachbarn ins Gespräch. Immer, wenn ein neues Lied erklang, wurde die Unterhaltung eingestellt. Auch der langatmigen und offensichtlich nicht allzu spannenden Erzählung eines alten Mannes lauschte man mit höflicher Aufmerksamkeit. „Wo immer Färinger zusammenkommen, singen sie“, sagte Páll. Gesungene und getanzte Balladen haben wesentlich zum Erhalt der färöischen Sprache beigetragen.

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Auf der Halbinsel Tinganes, Tórshavn.

Früher, so meint der pensionierte Lehrer, habe er Färinger an ihrem Blick erkennen können – bei den jungen Leuten heutzutage, die nach Dänemark und ins Ausland gingen, sei dies nicht mehr so einfach. Was denn das für ein Blick ist, frage ich mich. Doch als Páll erwähnt, dass sich Färinger nur wohl fühlen, wenn sie von ihrem Fenster aus das Meer sehen können, bekomme ich eine Ahnung davon.

Diesmal legte die Fähre bereits um fünf Uhr in Tórshavn an. So früh morgens lässt es sich auf der malerischen Halbinsel Tinganes gut fotografieren. Die Bewohner schlafen noch und all die Minister und Regierungsangestellten, die in den grasbewachsenen Holzhäuschen arbeiten, sind noch nicht eingetroffen.

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Blick von Tinganes auf die Fähre Norröna.

Eigene Regierung, eigenes Parlament und eigene Geldscheine gehören zum färöischen Autonomiestandard. Die 45.000 Seelen zählende Nation, die sich innerhalb des Königreiches Dänemark Gleichberechtigung erkämpft hat, verbindet viel Sprachliches und Geschichtliches mit dem isländischen Nachbarn. Die Färöer gehören nicht der EU an und haben mit Island einen Vertrag über eine umfassende Freihandelszone geschlossen. Vieles dreht sich auch hier um Fisch und Schaf.

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Färöische Schafe.

Wieder einmal steige ich die Hänge Tórhavns hinauf, hoch zu den mit Sumpfdotterblumen umsäumten Bächen, hoch zu den Weiden, auf denen sich ein paar Schafe selbstgefällig fürs Fotoshooting in Positur stellen.

Auf halber Höhe komme ich an der Vesturkirkjan vorbei. Die Statue vor der Kirche irritiert mich jedes Mal von Neuem. Nein, auch wenn es so aussieht, sie stellt keinen Christus mit Schwert dar, sondern Sigmundur Brestisson, der um das Jahr 1000 einen der mächtigsten Inselhäuptlinge kurzerhand vor die Alternative stellte: „Christentum oder Kopf ab“.

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Vesturkirkjan und das Standbild Sigmundur Brestissons, geschaffen vom Bildhauer Hans Pauli Olsen.

Im Stadtpark treffe ich auf eine Gestalt, die mir ihre Arme freundlicher entgegenstreckt als der Wikinger-Missionar. Es ist die Elfe Tarira, die Muse des Dichters William Heinesen (1900-1991).

Und während mich ein kühler Regenschauer zurück in den Hafen treibt, kommt mir Heinesens Erzählung „Gamaliels Besessenheit“ in den Sinn. Da ist von einem entsetzlich heissen Sommertag die Rede – 20 Grad Celsius – und eines der seltenen Sommergewitter zieht auf. Mit verhaltenem Humor erzählt der Autor vom färöischen Alltag, sozialen Konflikten, tief verwurzeltem Aberglauben und sexuellen Wunschträumen.

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Heinesens Elfe Tarira, dargestellt von Hans Pauli Olsen.

Kurz bevor ich das Fährgebäude erreiche, tritt mir eine von Heinesens Gestalten in den Weg, ein Charmeur alter Schule, der mich wortreich verabschiedet und bittet, den Inseln einmal einen längeren Besuch abzustatten.

Er neigt sein faltenreiches Gesicht dem meinen zu, nah, doch nicht zu nah. Und zusammen mit einer gehauchten Schmeichelei flattert mir ein Fähnchen entgegen. Hat sich wohl ein wenig Mut antrinken müssen für sein Geflunker. Doch was kümmert's mich – es wärmt so schön und lässt mich innerlich erröten.

Rasch verspreche ich, irgendwann einmal ein paar Tage in die Inselwelt einzutauchen, und verabschiede mich mit einem „bless“. Da lacht er und schüttelt den Kopf: „Das heisst nicht bless auf Färöisch!“ Und dann folgt ein melodischer Satz, eigentlich viel zu lang für ein bless, adieu, goodbye.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Die Erzählung von William Heinesen „Gamaliels Besessenheit“ ist in der von Aldo Keel herausgegebenen Anthologie Skandinavische Erzähler, Zürich (Manesse-Verlag) 1999, enthalten.

Hier können Sie das Lied „Kenna tit Rasmus“, gesungen von Jógvan Hansen, anhören.

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