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Pickup im Hotpot (DT)

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dagmar02_dlWas wäre Island ohne seine Hotpots! Nach dem dritten Schwimmbadbesuch möchte man in der Regel mal in einem echten Hotpot sitzen – in der einsamen Natur, ungestört, ohne Eintritt… Manchmal gelingt das auch, wenn man weiss, wo sich so ein Juwel befindet.

Eins dieser Juwelen liegt nicht weit von meinem Haus. Wie alles ist das Gelände natürlich Privatland, weswegen es selbstverständlich ist, dass man sich angemessen benimmt, keinen Müll hinterlässt, und alles was herumliegt, einsammelt, bevor man den Ort verlässt – weil andere das leider nicht tun. Bis dato hatte ich kein schlechtes Gewissen, dort hinzufahren, und so manches Frauending dort zu feiern. Bis letzten Dienstag.

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Wir sassen kurz vor Mitternacht zu zweit im heissen Bad, genossen kalte Getränke und deutsche Edelschokolade und führten angeregte Frauengespräche. Autogeräusche nähern sich. Ok, denk ich, ein paar Badegäste mehr ist ja nicht schlimm, man trifft immer wieder nette Leute hier.

Doch die Autogeräusche verändern sich nicht – jemand liess den Motor in unmittelbarer Quellennähe einfach weiterlaufen. Niemand zu sehen. Bisschen unheimlich war's ja schon… zum letzten Gesprächsthema fanden wir nicht mehr zurück.

Dann wird das Auto lauter und ein riesiger blauer Pickup schiebt sich bis zur kleinen Hütte, als wolle er sie plattfahren. Ein Fenster fährt herunter. Graue Haare, Hakennase, Brille, Dreitagebart - filmreif. Ob wir hier etwa zuhause wären, kam es nicht gerade freundlich aus dem Auto.

Super, dachte ich – der Landbesitzer hat die Jagd auf Badetouristen eröffnet. Und erwarte als nächstes den Lauf einer Schrotflinte.

Im besten Isländisch, was mir trotz steigender Nervosität in den Kopf kam – als Badenixe fühlt man sich nicht wirklich souverän – sag ich ihm, dass wir erst eine halbe Stunde da seien und ganz bald gehen würden. Ob das denn in Ordnung sei?

Zu unserer grössten Überraschung nickt er da friedlich, „Juju, allt í lagi.“ Und der Pickup fährt rückwärts.

Allerdings bleibt er und der Motor läuft weiter. Und läuft, und läuft. Offenbar wartet er tatsächlich, bis wir gegangen sind?!

Uns ist das Baden vergangen. Wir entsteigen dem Wasser, huschen in die Hütte und noch schneller in unsere Kleider. Als wir die Hütte verlassen, nehme ich meinen Mut zusammen und winke dem Unbekannten freundlich zu.

Und er winkt ebenso freundlich zurück. Und dann klappt die Autotür, und er steigt aus, um in Ruhe, ungestört und alleine im Hotpot zu sitzen, um Mitternacht mit einer fahlen Mitternachtssonne als Gesellschaft, und vielleicht über den letzten Pferdekauf, oder das Fussballspiel, oder einfach über gar nichts nachzudenken.

Dagmar Trodler[email protected]www.dagmartrodler.de

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