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Spiel mir das Lied vom Tod (bv)

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bernhild_dlDas Mittagessen steht auf dem Tisch. Während sich das Radio über die Wetteraussichten verbreitet, angelt der Bauer eine Kartoffel aus dem Topf und zerteilt sie gemächlich.

Der Zeiger der Küchenuhr rückt eine Minute weiter.

Da ändert sich die Stimmlage im Radio. Getragen und feierlich. Monotone Variationen über ein und dasselbe Thema. Jón, Jónsdóttir, Jónsson, tengda- und barnabörn. Die Stimme kreist um Namen und Verwandtschaftsgrade.

Die Kartoffel auf der Gabel verharrt vor dem Mund. Sie zittert leicht.

Der Bauer sagt nichts. Doch er kennt wohl den Namen, der da verlesen wird. Der Vater eines Schulfreundes vielleicht.

Dánarfregnir ist die Sendung des staatlichen isländischen Rundfunksenders Rás 1, in der Todesfälle bekanntgegeben und Begräbnistermine angekündigt werden.

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Grabstein in Buchform, Reykholt. Foto: bv.

Ich habe diese Sendung schon öfters in isländischen Küchen gehört. Und doch könnte ich nicht schätzen, wie lange sie dauert – eine Viertelstunde oder eine halbe Ewigkeit. Und meiner Erinnerung nach ist es immer dieselbe Stimme.

Erinnerung setzt besondere Akzente, filtert, blendet aus, schafft eine eigene Welt.

In gemessener Zeit dauert Dánarfregnir ein paar Minuten. Und via Internetradio verliert die Stimme jedweden magischen Klang. Liegt es daran, dass mein Arbeitszimmer in Deutschland nicht das richtige Ambiente bietet? Oder hat der Sprecher endlich einmal Urlaub und lässt sich vertreten?

Der Livestream eröffnet aber auch neue Dimensionen der Wahrnehmung. Meine Erinnerung hatte die Melodie ausgeblendet, die Dánarfregnir einleitet. Es sind nur ein paar Takte, doch sie hätten mir bekannt vorkommen sollen.

Denn Dánarfregnir Og Jardarfarir (Todesanzeigen und Begräbnisse) ist ein Stück von Sigur Rós, Soundtrack des Films „Engel des Universums“ (Englar alheimsins) nach dem Roman von Einar Már Gudmundsson.

Die Grundmelodie, die das Stück einleitet, stammt jedoch von dem Moderator und Musiker Jón Múli Árnason, der von 1946 bis 1985 beim isländischen Rundfunk gearbeitet hat. Seit Jahr und Tag stimmen diese Klänge auf die Sendung Dánarfregnir ein.

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Statue am Strand von Borgarfjördur eystri, Ostisland. Foto: bv.

Die Melodie vor den Todesanzeigen – ist das nicht so etwas ähnliches wie „sídasta lag fyrir fréttir“ – letztes Lied vor den Nachrichten?

An dieser Redewendung rätsele ich herum, seit ich die seltsame Holzfigur am Strand vom Borgarfjördur eystri gesehen habe.

Ein bärtiger Greisenkopf, über dem sich die mürrische Figur einer Vogelfrau erhebt. Sídasta lag fyrir fréttir steht auf dem Schild und darunter Fuglinn í fjörunni (Der Vogel am Strand).

Ich fand dann die Formulierung „sídasta lag fyrir fréttir“ auf dem Cover einer CD und konnte aus der Abbildung schliessen, das letzte Lied vor den Nachrichten müsse etwas mit Radiomeldungen zu tun haben.

Doch was bedeutet „letztes Lied“? Soll es zur Nachricht passen? Welche Platte wird aufgelegt, bevor der Sprecher eine Katastrophe melden muss?

Soll das letzte Lied einen letzten unbeschwerten Genuss vor dem Unheil ermöglichen oder ist es das Vorspiel zum Unvermeidlichen, das „Spiel mir das Lied vom Tod“?

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Cover der CD "Sídasta lag fyrir fréttir".

Meine Recherche zeigt mir nun, dass die Redewendung einen historischen Ursprung hat und dieses Jahr ihr siebzigjähriges Jubiläum feiert.

Im Juli 1941 betraten die ersten amerikanischen Soldaten isländischen Boden. Das vormals neutrale Island, das 1940 von Grossbritannien besetzt worden war, war nun Stützpunkt der USA.

Der Krieg war hautnah herangerückt und die Menschen, von denen die wenigsten ein Radio besassen, scharten sich am Arbeitsplatz, in Gaststätten oder öffentlichen Gebäuden um die Empfänger.

Und weil man beim Warten auf die neuesten Nachrichten ins Plaudern kam und darüber den Beginn der Sendung leicht verpasste, hatte der Nachrichtensprecher Pétur Pétursson die Idee, ein besonderes feierliches oder besonders beliebtes isländisches Lied aufzulegen, das er mit den Worten „letztes Lied vor den Nachrichten“ ankündigte.

Dieses letzte Lied vor den Mittagsnachrichten ist eine Tradition, die sich bis heute erhalten hat und zu besonderen Gelegenheiten singen Chöre oder Opernstars das letzte Lied live.

Bei der nachfolgenden Sendung Dánarfregnir jedoch ist die Eingangsmelodie das immer gleiche Präludium zur Bekanntgabe der Trauerfälle und Begräbnisse.

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Trauer, Skulptur von Einar Jónsson, Skulpturengarten des Einar-Jónsson-Museums, Reykjavík. Foto: bv.

So einzigartig die mittägliche Todesberichterstattung ist – auch in Island ist der Tod für die Angehörigen nicht umsonst.

187 Kronen kostet ein gesprochenes Wort derzeit, das sind etwa 1,13 Euro. Die Anzeige kann zwischen zehn und 80 Worte umfassen, üblich sind 25 bis 30. Der Radiosender Rás 1 gibt den Hinterbliebenen genaue Anweisungen für die Form:

Wenn ihr mit „Unsere geliebte Mutter, Schwiegermutter und Oma starb am...“ beginnt, könnt Ihr nicht mit den Worten „die Kinder der Verstorbenen“ enden, sondern Ihr müsst dann auch mit „Töchter, Schwiegertöchter und Enkelkinder“ unterzeichnen, heisst es da.

Auch soll man sich bei der Aufzählung der Namen der Hinterbliebenen beschränken, da sich mehr als sieben oder acht nicht gut vorlesen lassen, rät der Sender.

Auch ich beschränke mich auf die übliche Kolumnenlänge, weil sich zu lange Texte im Internet schlecht lesen lassen, und spare mir weitere Bemerkungen über Nachrufe, die in Island ebenfalls eine wichtige Rolle spielen, für eine andere Gelegenheit auf.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Die in dieser Rubrik veröffentlichten Beiträge geben nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.