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Gute Reise! (gab)

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gabi_dlDokumentarfilme über Island gibt es beinah so viele wie Wale im Meer. Trotzdem schaut man sie immer wieder gern an, denn irgendetwas Neues findet sich ja immer. Zugegeben: Auch das „Altbewährte“ sieht sich der Islandfan immer wieder gerne an.

Einen etwas anderen Islandfilm drehte der Berliner Frank Nagel im vergangenen Jahr. „Góda Ferd“, was auf Deutsch übersetzt „Gute Reise“ bedeutet, schildert die Island-Rundreise einer jungen Frau mit dem Linienbus.

gute-reise-cover„Linienbus?“, mag sich da der ein oder andere verwundert fragen, „muss ich denn nicht mit dem Auto, wenn nicht sogar mit einem Jeep unterwegs sein, um das Land kennenzulernen?“

„Ich wollte zeigen, dass Island, auch wenn man sich „lediglich“ entlang der Ringstrasse bewegt, ein besonderes Reiseland ist, das einem überall Einzigartiges zu bieten hat“, sagt Nagel.

Zudem höre er bei Gesprächen mit vor allem jungen Menschen immer wieder, „dass viele nicht so viel Geld haben, sich einen Mietwagen zu leisten oder keinen Führerschein. Die Möglichkeit, Island mit dem öffentlichen Linienbus zu bereisen, ist ziemlich unbekannt“, glaubt er. Und dennoch attraktiv.

Frank Nagel schickt Annie Lux mit dem Bus auf grosse Fahrt. Er kannte sie bereits vorher, aber „wir haben uns dann eigentlich während der Dreharbeiten erst so richtig kennengelernt“, erinnert er sich.

Annie Lux verfügte schon über Erfahrungen im Filmbereich, sowohl vor als auch hinter der Kamera. „Dadurch wusste sie, was es bedeutet, eine so intensive Drehreise zu machen. Wir hatten eine schöne Zeit auf Island und eine hervorragende Zusammenarbeit“, freut sich Frank Nagel.

Annie Lux fuhr mit der Rundreise-Fahrkarte ventlang der Ringstrasse rund um Island. Kameramann und Produzent Frank Nagel beschränkt sich im Film aber nicht ausschliesslich auf zugegebenermassen wunderbare, bisweilen spektakuläre und immer zum Träumen verführende Bilder von Landschaften, Naturschauspielen, Tieren und Pflanzen.

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Ein Papageientaucher.

Auch den profaneren Bestandteilen einer Islandreise gibt er Raum. So erfährt der Zuschauer einiges über die Unterkunftssuche oder begleitet die Reisende beim Einkaufen.

Einen Reiseführer oder eine Land- und Strassenkarte indes verwendet Annie Lux im Film nicht. Sie verlässt sich auf einen jungen Mann, dem sie im Café begegnete. Er heisst im richtigen Leben wie auch im Film Kári Tulinius.

„Es war einfach so, dass ich in der Nähe von Frank sass und er mich bat, ihnen eine Landkarte zu zeichnen“, erinnert sich Kári Tulinius an das zufällige Zusammentreffen. „Es war ein richtig schöner Tag, und ich sass mit einem Freund auf der Terrasse des Cafés Babalú. Ich fand die Idee einer von Hand gezeichneten Karte niedlich und bin froh, dass ich beim Film helfen konnte.“

Frank Nagel erinnert sich sogar noch daran, dass Kári Tulinius gerade ein Buch über Botanik las. „Da dachten wir uns gleich, dass er das bestimmt ganz prima kann“, meint er augenzwinkernd.

„Ich habe eigentlich keine Zeichenkenntnisse, wie man an der Karte auch sehen kann”, meint Kári Tulinius. „Die letzte Karte von Island habe ich als kleines Kind gezeichnet. Ich bin Schriftsteller, kein Maler. Wenn ich mich richtig erinnere, filmte mich Frank am Tag, nachdem mein erster Roman erschienen war.“

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Reykjavík.

Die originelle Landkarte dient Annie Lux während ihrer Reise als Orientierungsinstrument. Und der Zuschauer freut sich, denn auch der DVD liegt sie bei, nachträglich versehen mit Service-Hinweisen.

„Ich wollte keine Hightech-Schnickschnack-Animation verwenden, an der sich der Zuschauer orientiert“, so Frank Nagel, „sondern etwas Eigenes, Analoges kreieren.“

Die Landkarten-Aktion zeige aber noch viel mehr, erläutert der Filmer. Nämlich, dass es kein Problem sei, mit einem Anliegen direkt auf einen Isländer zuzugehen. „Auch wenn es noch so absurd ist.“

Frank Nagel kommt dabei zum Schluss, es sei wohl „ziemlich schwierig, einen Isländer mit irgendwas zu beeindrucken.“ Vielleicht, so vermutet er, denke ein Angesprochener: „Er wird schon einen Grund für sein Anliegen haben, und es scheint ihm gerade wichtig zu sein“.

Mit „Góda Ferd“ gibt Frank Nagel all denen viele fundierte Informationen und schöne Bilder, die nach Island reisen wollen. Aber er spricht auch all jene an, „die bereits da waren und so wie ich das Land ins Herz geschlossen haben und eigentlich nie wieder weg wollten“, sagt er.

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Eine Skulptur in der Natur. Fotos: Frank Nagel.

„Góda Ferd“ ist Frank Nagels erstes kommerzielles filmisches Island-Projekt. In den 90er-Jahren produzierte er zahlreiche Reisefilme rund ums Mittelmeer.

Dass der Filmemacher Island liebt und die ungewöhnliche Dokumentation nicht entstand, weil jemand einen Kassenknüller vermutete, spürt man ganz deutlich.

„Besonders gefallen mir an Island die Menschen und ihre Mentalität. Die enorme Kreativität und der ausgeprägte Individualismus der Menschen“, erläutert Frank Nagel.

Das seien auch die Hauptgründe gewesen, warum er vor Jahren mit seiner Frau kurz davorstand, nach Island auszuwandern. Ein Plan, der durch die Kreppa (Krise) vereitelt wurde.

„Dann ist da natürlich noch die unbeschreibliche Schönheit der ursprünglichen Landschaft, in der sich für mich so manches relativiert, wenn ich mittendrin stehe“, schwärmt er weiter.

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Frank Nagel an der Arbeit bei Reynisdrangar.

Zukunftspläne in Bezug auf einen neuen Film hat Frank Nagel auch. Gern möchte er eine Dokumentation über isländische Kultur und Lebensweise drehen.

„Möglichst ohne die oft zu findenden Klischees, die in den meisten Islandfilmen vorkommen. Ich denke, es gibt in dieser kleinen, quirligen isländischen Welt viele interessante Geschichten, über die es sich zu berichten lohnt.“ Aber auch einen weiteren Reisefilm kann sich Frank Nagel vorstellen. „Vielleicht über Island im Winter“, sinniert er.

Ob er wohl einem Reisenden raten würde, nach der Ankunft in Island einen wildfremden Menschen anzusprechen und ihn zu bitten, eine Islandkarte zu zeichnen?

„Unbedingt“, findet Frank Nagel. „Wenn er nicht malen kann, wird er bestimmt sein Handy zücken, über drei Ecken telefonieren, und plötzlich hat man eine Verabredung mit irgendjemandem, der bestimmt ganz toll eine Karte zeichnen kann.“ Und fügt an: „Für die Umrundung auf der Ringstrasse würde das schon helfen.“

Die DVD „Góda Ferd“ hat eine Spielzeit von etwa 75 Minuten. Die deutsch-englische Originalfassung wird mit isländischen, spanischen und französischen Untertiteln geliefert.

Erhältlich ist sie unter anderem bei www.island-dvd.com und www.islandbuecher.de. Sie kostet 19,80 Euro.

Einen Trailer zum Film kann man sich unter www.island-dvd.com/info.html anschauen.

Gabriele Schneider – [email protected]www.Hausbucht.de

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