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Rastlos im Licht (DT)

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dagmar02_dlDer isländische Sommer ist kurz und heftig wie eine Jugendliebe. Wenn im Mai die Nächte bereits durchgängig hell sind, mag man nicht glauben, dass drei Monate später schon alles wieder vorüber ist.

Sonnenlicht um Mitternacht vertreibt Müdigkeit, Trägheit und jede Traurigkeit, Sonnenlicht ist magisch, kraftgebend, aufbauend, man glaubt gar, alles schaffen zu können, niemals alt zu werden … welch tragischer Irrtum.

Für all die gefassten Pläne ist ein Sommertag dann doch zu kurz, selbst wenn man nur 4 Stunden schläft, weil ganz ohne geht's ja dann doch nicht. Unermüdlich hetzt man von einer Unternehmung zur nächsten, die Wochen verstreichen wie im Flug … und nun ist es soweit:

Mitte September wird es gegen 20 Uhr dunkel und die ersten Nordlichter verzaubern den Himmel. Man kann wieder Kerzen ins Fenster stellen, und der Ausverkauf von Einmalgrills und Campingutensilien bei Europris bringt einen zum Lachen … war für sowas etwa Zeit gewesen??

Man schaut in die frühe Nacht und sinniert über die vergangenen Wochen. Ich habe meinen aktuellen Roman fertig geschrieben und war in der Zeit, in der beinahe jeder in Urlaub oder auf dem Pferderücken war, an meinem Schreibtisch festgetackert gewesen. Das Leben zog an mir vorüber.

Ich erkenne nun seine Rastlosigkeit. Kaum jemand hat Zeit vorbeizukommen, völlig verplante Wochenenden, sonnige Tage, die bis zur letzten Minute ausgenutzt wurden – und sei es nur durch in der Sonne sitzen, auf Teufel komm raus geniessen, Kaffee trinken, Fachbücher lesen, draussen sein, soviel nur geht. Selbst die Abende verbringt man draussen, tankt Licht – Schlafen wird völlig überbewertet.

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Schon das Tempo der Pferde ist symptomatisch: niemand reitet Schritt in Island – im zackigen Tölt ziehen die Gruppen zu allen Tageszeiten an unserem Dorf vorbei, von weitem sieht man nur Pferdeleib und Reiter und möchte glauben, die Tiere haben ebenfalls Räder, um schneller vorwärts eilen zu können.

Jetzt weiss ich es: sie eilen der Dunkelheit davon und laufen der Sonne entgegen, weil die Nacht ihnen auf den Fersen ist. Winter heisst für die meisten isländischen Reitpferde, im Stall stehen, nicht selten rund um die Uhr, weil das Wetter zu schlecht ist.

Als wüssten sie, dass sie oft monatelang nicht im Liegen schlafen können, verbringen sie ihre Weidezeit mit Fressen und Schlafen, Fressen und Schlafen, Fressen und Schlafen – und nehmen Licht und Energie in sich auf.

Derzeit stehen sie auf der goldfarbenen Weide und fressen sich einen warmen Mantel an. Sie schieben Winterfell, wirken in sich gekehrt, die Unbeschwertheit des Sommers scheint dahin. Sie lehren uns etwas:

„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr wer jetzt allein ist wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben …“ (H. Hesse)

Die letzten Tage des isländischen Sommers sind eine Katharsis. Menschen um mich herum beginnen sich einzuigeln, ihre Behausungen herzurichten, durchleben erste depressive Phasen.

Artikulieren ihre Ängste vor dem langen Winter, der im Sommer doch noch so fern schien. Man hockt beisammen und macht Pläne, die einen durch die dunkle Zeit hinüberretten sollen. Pläne sind wie Ruderboote in der Flaute.

In Island muss man sich auf den Winter gut vorbereiten – es reicht nicht, ihn einfach kalendarisch zu erreichen und passieren zu lassen. Die Dunkelheit kommt als Dauergast, für den genügend Vorräte im Schrank sein müssen.

Hat man nicht klug vorgesorgt, öffnet sie nämlich ihren Umhang und entlässt Schwermut aus den Falten. Die legt sich dann auf die Fensterbank und verdeckt den Blick auf alles, was der Winter zu schenken hat.

Sie umklammert das Herz und macht die Einsamkeit, mit der man als Ausländer ohne Familie immer wieder zu kämpfen hat, schier unerträglich.

Das Bewusstsein für Licht und Dunkelheit, für Tempo und Langsamkeit, wächst, je länger man hier lebt. Dem einen wird das zum Segen, dem anderen zum Fluch.

Dagmar Trodler[email protected]www.dagmartrodler.de

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