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Braucht der Papst einen Waffenschein? (bv)

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bernhild_dlNeulich besuchte ich eine Veranstaltung des grenzüberschreitenden Literaturfestivals in Niebüll, dem nördlichsten deutschen Städtchen, in dem die Einwohner meist auch die Sprache des dänischen Nachbarn verstehen. Viele hatten sich in der Stadtbücherei eingefunden, um die nordischen Autoren Jógvan Isaksen und Jón Kalman Stefánsson kennenzulernen.

Der färöische Literaturwissenschaftler Jógvan Isaksen ist Dozent an der Universität Kopenhagen. Er berichtete, er habe sich als kritischer Rezensent in dem kleinen Inselreich der Färöer nicht halten können. Doch seit er die Seiten wechselte und Krimis schreibt, wird er auch wieder in seiner Heimat geschätzt.

In Island schreiben viele – Gedichte, Romane, Rezensionen, Predigten, Werbetexte oder Nachrufe – auf den Fischtrawlern aber wird das Seemannsgarn noch mündlich gesponnen.

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Jón Kalman Stefánsson.

Auf seine Anfänge als Schriftsteller angesprochen erzählte Jón Kalman, er habe nach seinem abgebrochenen Studium wieder in der Fischindustrie in Keflavík zu arbeiten begonnen. Das fanden die Kollegen doch etwas seltsam und fragten:

„Hast du nicht studiert?“

„Ja, schon.“

„Warum arbeitest du dann wieder bei uns?“

„Irgendwie muss ich ja mein Buch finanzieren.“

Mit dem Geld, das er im Fisch verdiente, verlegte der junge Schriftsteller 1988 seinen ersten Gedichtband selbst. Der Titel lautete: „Mit Waffenschein für die Ewigkeit“.

Verwundert blätterten die Fischer darin. Die Gedichte des Kollegen, der ausgezogen war, die Ewigkeit zu erschiessen, waren kurz; jedes stand auf einer eigenen Seite. Viel Durchschuss, viel weisser Zwischenraum.

„Platzverschwendung!“ lautete schliesslich das vernichtende Urteil eines der Fischer.

Ich frage mich, ob dieser Mann nicht inzwischen Rezensent ist, denn in Island ist es üblich, mehrere Berufe gleichzeitig oder nacheinander auszuüben. Das hat eindeutig Vorteile.

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Halldór Gudmundsson (links) und Einar Kárason.

Halldór Gudmundsson zum Beispiel ist Literaturwissenschaftler, Verleger und Schriftsteller, kennt also die Literatur von allen nur erdenklichen Seiten. Der Mann, der mit seinem kleinen Team gerade „Sagenhaftes Island“, den Ehrengastauftritt Islands auf der Frankfurter Buchmesse, hinzaubert, wird schon mal scherzhaft bókmenntapáfi, „Literaturpapst“ genannt.

Ein Scherz, das sich anbietet, denn „messa“ bezeichnet im Isländischen lediglich eine kirchliche Messe. Ein Scherz, der mich angesichts aktueller Ereignisse wie der Papstreise völlig blockiert, einen angemessenen Titel für diesen Beitrag zu finden. Um aber keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: In Island braucht ein bókmenntapáfi mit Sicherheit keinen Waffenschein.

In Braunschweig fand letzte Woche eine gut besuchte isländische Kriminacht statt. Mit dabei war Viktor Arnar Ingólfsson, der im Hauptberuf bei der isländischen Strassenbaubehörde beschäftigt ist. Als Kind verbrachte er die Sommer auf der kleinen Insel Flatey im Breidafjördur, wo seine Grosseltern lebten. Dort spielt auch sein Roman „Das Rätsel von Flatey“, den er für seinen besten hält. Dem kann ich nur zustimmen.

Nebenbei bemerkt: Ich bin keine Literaturwissenschaftlerin und will mich nicht zur Rezensentin aufschwingen, auch wenn ich im Kulturblick Bücher bespreche. Ich stelle nur solche vor, die mich positiv beeindrucken, und versuche ein paar Lesehilfen zu geben.

Und da ich sozusagen unbewaffnet bespreche, stelle ich gegenwärtig keine isländischen Krimis vor; sie haben in Deutschland ohnehin ein zuverlässiges Publikum.

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Viktor Arnar Ingólfsson und Óttar M. Nordfjörd.

Davon profitieren auch Neulinge wie Óttar M. Nordfjörd, der in Braunschweig für Heiterkeit sorgte, als er berichtete, er habe etwa 200 wissenschaftliche Werke über die Wikingerzeit gelesen, bevor er seinen Krimi-Thriller „Sonnenkreuz“ schrieb. Jedoch hat ihm der Verlag zwei Drittel des – sicher schon promotionsreifen – Manuskriptes weggekürzt.

Bei zu üppigen Romanstoffen gibt es in Island die sinnvolle Gepflogenheit mehrbändig zu schreiben. Und zwar so, dass jeder Band auch einzeln gelesen werden kann. Jón Kalman Stefánssons noch unvollendete Trilogie und Kristín Marja Baldursdóttirs Karitas-Romane sind gute Beispiele dafür.

Kürzlich nahm ich mit grossem Vergnügen wieder Einar Kárasons „Isländische Mafia“ zur Hand, eine Familien-Saga, die an „Törichter Männer Rat“ anknüpft, leider aber nicht wie die „Teufelsinsel“-Trilogie neu aufgelegt worden ist.

Wo deutsche Leser auf isländische Schriftsteller treffen – und das ist in diesen Tagen und Wochen häufig der Fall – kommen mit Sicherheit die Standardfragen nach der Krise und dem nächsten Vulkanausbruch.

Eine weitere beliebte Frage betrifft die Elfen. Ich selbst habe vor Jahren auch Wolfgang Müllers Legende von der offiziellen Elfenbeauftragten für wahr gehalten. Einmal in die Welt gesetzt hilft keine Richtigstellung mehr, und so geistert die Beauftragte weiterhin durch alle schlecht recherchierten Islandreportagen.

„Wir haben es gerne, wenn Leute aus anderen Ländern glauben, dass wir alle an Elfen und Trolle glauben,“ sagt Viktor Arnar. Den Strassenbauexperten amüsieren besonders Nachfragen zu Umgehungen von Elfenhügeln. So zwei-, dreimal in fünfzig Jahren kommt es schon vor, dass eine solche Kurve eingeplant wird, erklärt er schmunzelnd.

Eigentlich wollte er uns glauben machen, er habe auf dem Flug zu seiner Lesereise schnell mal Deutsch gelernt. Braunschweiger lassen sich ja allerhand Eulenspiegeleien aufbinden – das war dann aber doch zu viel.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

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