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Buchmesse-NachLese oder Hannibal grüsst GusGus (bv)

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bernhild_dlFreitagabend, 14.10.2011, Island-Pavillon

Am liebsten würde ich mich auf der Stelle umdrehen und flüchten. Aber es ist die Party von Sagenhaftes Island, ich bin eingeladen, in einer dichten Menschenmenge eingekeilt und kann nicht mehr zurück. Vergebens halte ich nach denen Ausschau, die ich hier eigentlich treffen wollte.

Immerhin gelingt es mir nach einer gefühlten Stunde, die Quelle der Party auszumachen, einen Ausschnitt in der Bücherwandtapete. Ich stelle mir vor, wie sich Menschen in Mäuse verwandeln, um hinter der Verkleidung schneller hin und her huschen zu können. Da taucht ein volles Tablett auf und leert sich blitzschnell vor meinen Augen.

Schliesslich erbarmt sich ein mitleidiger Kellner. Als Besitzerin (und bald auch Inhaberin) eines Bieres trolle ich mich besänftigt hinter eine grüne Topfpflanze, bei der sich sogleich unter fröhlichem Gesang ein männliches Trio einstellt.

Es sind Verleger von den Färöer Inseln. Färinger sind beim Feiern sehr standfest, sie laufen nicht ständig herum, um irgendwelche Leute treffen zu müssen (was hier ja ohnehin sinnlos ist), sondern begnügen sich mit den Gesprächspartnern, die da sind oder noch hinzustossen.

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Wir plaudern schon eine Weile, da kommen Alva Gehrmann, Autorin von „Alles ganz ISI“, und Thomas Böhm, der Programmleiter Literatur von Sagenhaftes Island, vorbei.

Es ist mir bisher nicht gelungen, mich Letzterem vorzustellen, weil er immer so beschäftigt ist. Mein Versuch vom Vortag war kläglich gescheitert, er hatte mich kurzerhand zur Wächterin über drei freie Stühle ernannt und war davongeeilt.

Nun ist er beschäftigt, die färöischen Verleger und ihr Umfeld mit isländischem Brennivin zu traktieren. Die grüne Flasche voll des schwarzen Todes passt hervorragend zur Topfpflanze. Ich beschliesse, alles ganz isi zu nehmen. Man kann auch skál sagen, ohne sich zu kennen.

Da mein Messebett in Darmstadt steht, kann ich mich später in der S-Bahn wieder etwas regenerieren. Zwei jüngere Männer unterhalten sich über historische Eisenbahnen. Das ist ein Thema, bei dem ich gerne mitrede und erzähle, wie man Anno 1840 zwischen Vienenburg und Bad Harzburg Pferde vorspannte, weil die Lokomotive die Steigung noch nicht bewältigte.

Erstaunlicherweise landen wir trotzdem beim Thema Island und einer der beiden fragt, ob ich GusGus kenne, vor ein paar Jahren habe er die Band promotet. „Grüss GusGus von Hannibal!“ ruft er im Aussteigen. Vorsichtshalber notiere ich den Auftrag in mein Notizheft.

Ich wunderte mich erst am nächsten Morgen so richtig, denn unter dem Einfluss von Brennivin schrumpft die Welt und es ist völlig normal, dass Eisen- oder S-Bahnen direkt vom Island-Pavillon zur Techno/Soul-Band GusGus nach Reykjavík fahren.

Da ich GusGus nur vom Hörensagen kenne, bitte ich alle Isländer, die dies hier lesen, die Grüsse weiterzutragen.

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Samstag, 15.10.2011, Halle 5.0

Heute darf das Publikum in die Hallen. Zur Grundausstattung vieler Messebesucher gehören isländische Tragetaschen. Andere ziehen die von der türkischen Handelskammer gesponsorten Rollcontainer hinter sich her.

Die Behälter füllen sich mit Broschüren, Büchern, Lesezeichen, Stiften, Notizblöcken, Bonbons und ich weiss nicht was sonst noch allem. Diesem Sog halten unsere letzten „Nur zur Ansicht“-Broschüren nicht stand und mir fehlt es an Nachschub. „Die Trolle sollen ...“ möchte ich manchmal ausrufen, tue es aber selbstverständlich nicht.

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Ich mache die Besucher auf die Iceland Review aufmerksam, stelle unser kleines Team und unsere Bücher vor und tue mein Bestes, alle möglichen Fragen zu beantworten. Bald aber flechte ich selbst die Frage ein: Waren Sie schon im Island-Pavillon? Denn erstaunlich viele halten den Gemeinschaftsstand der isländischen Verleger bereits für die Gastpräsentation.

Draussen auf dem Platz, wo sich Teenager in fantastischen Kostümen die Zeit vertreiben, werde ich von einem netten Rotkäppchen gebeten, mal eben die Grossmutter zu spielen. Der Wolf ist noch nicht eingetroffen; ich halte es nicht für ratsam, auf ihn zu warten.

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Noch ein neidischer Blick in Rotkäppchens Korb und dann eile ich mit leerem Magen zur Abschlusss-Pressekonferenz von Sagenhaftes Island. Sie scheint mir verfrüht angesetzt – ich bin noch keineswegs in Abschiedsstimmung.

Ab Mittag kommen sie an den Stand, unsere Leser. Zugegeben, es sind keine Massen, aber ihr Zuspruch erfüllt mich und Kollegin Gabriele Schneider, die heute wieder mit dabei ist, mit Freude.

Sonntag, 16.10.2011

Eine Besucherin erzählt von ihrer geplanten Islandreise, allerdings will ihr Mann nicht mitkommen, weil es auf Island keine Eisenbahnen gibt. Ich locke vergebens mit der schönen alten Lokomotive, die im Hafen von Reykjavík steht.

Viel zu schnell vergeht die Zeit und die Übergabe der GastRolle an Neuseeland ist fällig. Das neue Ehrengastland am anderen Ende der Erde (Motto: „He meomoēa he ohorere / While you are sleeping / Bevor es bei Euch hell wird“) ist mir über die wunderbaren Romane von Janet Frame vertraut; „Ein Engel an meiner Tafel“ wurde 1990 von Jane Campion, der Regisseurin von „Das Piano“ verfilmt.

Es gibt keinen literarischen Link zwischen den beiden Inseln. Island hat eine, Neuseeland zwei Kulturen. Ausgedehnte Schafzucht verbindet sie und in beiden Ländern dominiert die Natur, bebt die Erde, brechen Vulkane aus.

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Gerdur Kristný und der neuseeländische Autor C. K. Stead tragen Gedichte vor. Stead, der mit zweitem Vornamen Karlson heisst, hat einen schwedischen Vorfahren, Projektleiterin Tanea Heke maorische Wurzeln.

Halldór Gudmundsson, der Direktor von Sagenhaftes Island, übergibt ihr die GastRolle, dann ertönt aus dem Publikum Maori-Gesang, Freude und Klage zugleich. Ich stürze aus dem Pavillon.

Kehre zu Messeschluss noch einmal zurück und nehme das starke und ruhige Bild tief versunkener Leser in mich auf, das immer bleiben wird.

Abschied am Stand und dann auf dem Frankfurter Bahnhof ein Gefühl, das sich sonst nur in der Abflughalle von Keflavík einstellt.

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Würde mich jetzt gerne in einen Zug setzten, der GusGus stampft oder SchluchzSchluchz schnauft – aber so viel Komfort bietet ein ICE nicht mehr.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Den ersten Teil des Messetagebuches finden Sie hier.

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