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Das kost-spielige Haus (DT)

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dagmar02_dlNach einem rein touristischen Besuch im Palazzo Prozzo der Kultur hatte ich mich versöhnt mit dem Gebäude und mich in den Kampf um Eintrittskarten gestürzt. Die hängen nun wie Trophäen am Garderobenspiegel – kleine Kulturkerzen für die dunkle Jahreszeit.

So lax und leger Isländer im Allgemeinen auch sein mögen – wenn es um die Kultur im Winter geht, beweisen sie erstaunliche Fähigkeiten zur Langfristplanung.

Versorgt man sich nämlich im Oktober nicht mit Eintrittskarten für den halben Winter, geht man unter Umständen leer aus, weil die Aufführungen schnell ausverkauft sind.

Und man wundert sich, dass Menschen, die sich ungern für morgen festlegen, es dennoch schaffen, einen Abend im Dezember drei Monate im Voraus zu planen.

Ich hatte mich für meinen ersten Besuch mit einem „poor-poet-ticket“ im obersten Rang ausgerüstet und fuhr wie immer auf den letzten Drücker in die Stadt. Doch thetta reddast – alles lief bestens.

Harpa empfing mich hellerleuchtet am Meeresufer, und die grosszügige Tiefgarage war wie auf dem Kontinent mit freien Parkplätzen ausgeschildert.

Man kann einfach so durchfahren, wird von freundlichen Gelbjacken in die Parklücken eingewiesen und kann sein langes Abendkleid trockenen Fusses in die Oper bringen – wunderbar!

Zwei Rolltreppen und fünf Gehtreppen später stand ich im Konzertsaal Eldborg, ganz in feuerrot gehalten wie der Name schon verrät, und tief wie die Hölle. Das Obergeschoss ist nichts für Menschen mit Höhenangst.

Nach dem ersten Akt wusste ich, dass ein poor-poet-ticket in der Eldborg eine Fehlinvestition ist. Anders als in anderen Opernhäusern gelingt es der Musik nämlich leider nicht, zu den obersten Rängen vorzudringen, sie bleibt irgendwo auf halber Höhe kraftlos stecken.

Zudem sitzt das Orchester im teilverschlossenen Orchestergraben, vermutlich zusammen mit dem Klang. Mozarts hochemotionale Opernmusik wird dem Zuhörer in diesem ambitioniert konstruierten Konzerthaus auf Schallplattenniveau geboten – eine herbe Enttäuschung.

Die Inszenierung selbst war liebevoll gestaltet, bezauberte mit Details wie kleinen lila Mozarts als Komparsen, einem Puppenspieler oder Seeungeheuern aus Papier, die von Menschenhand über die Bühne bewegt wurden.

Die Kostüme bestachen allesamt durch fröhliche, fast tuntige Schrillheit. In der Regie trägt die Oper ganz klar isländische Handschrift, die Witzeleien über die Liebe etwa kommen einem aus dem Alltag sehr bekannt vor.

Das Libretto hatte man ins Isländische übersetzt und an eine Tafel über die Bühne gebeamt. Es hat einen ganz eigenen Zauber, die wohlbekannten Texte in der anderen Sprache zu lesen.

So manche Übersetzung war zugleich ein kultureller Spiegel und man musste sich zwingen, die Augen von den Textzeilen zu lösen und nicht zuviel über Formulierungen nachzudenken. In jedem Fall half der Teleprompter dem opernunerfahrenen Publikum, die Geschichte mitzuverfolgen.

Beschwingt vom Märchen über Liebe und Wahrheit machte ich mich nach dem Abschlussapplaus auf den Weg ins Parkhaus – um dort festzustellen, dass mein poor-poet-ticket in der Zwischenzeit eine kostspielige Aufwertung erfahren hatte.

An meiner Frontscheibe steckte ein Knöllchen im Gegenwert zweier poor-poet-tickets – weil ich nämlich kein Parkticket gelöst hatte.

In Euro umgerechnet: mein Opernticket hatte 15 Euro gekostet, das Knöllchen kostet 30 Euro. Parkticket. Ich schaute mich ratlos um. Keine Pfeile, keine Hinweise, wo ein Kassenautomat zu finden ist, keine Schranken.

Dafür erkenne ich nun mit Tapetenkleister an die Wand geklebte Fotokopien, auf denen das erste Wort 'gjald …' lautet.

In der Ankunftseile hatte ich mir leider keine Zeit genommen, mit dem Wörterbuch in der Hand Fotokopien an der Wand zu studieren. Bei der Ausfahrt gab es weder Kassenautomat noch Schranke – und auch keine Gelbjacke, die man hätte fragen können.

So bleibt von diesem Harpa-Besuch ein schaler Geschmack übrig. Ein bisschen wenig Musik für ein bisschen viel Geld.

Aber als Neu-Insulaner hat man ja dazugelernt und vergisst das Negative einfach. Und wenn es beim nächsten Mal immer noch da ist, dann zuckt man mit den Schultern, nimmt es hin wie einen Schneesturm und findet es halt „leidinlegt“ – langweilig… und fertig.

Dagmar Trodler[email protected]www.dagmartrodler.de

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