Reykjavík
15°C
NNE

Die Weihnachtstrolle und ihr Halbbruder (bv)

Ansichten

bernhild_dlLangjährige Leserinnen und Leser der deutschen Ausgabe der Iceland Review Online wissen es längst. Und doch ist es immer wieder ein erstaunliches Phänomen, dass es in Island statt eines einzigen gleich dreizehn Weihnachtsmänner gibt.

Um genau zu sein, es handelt sich bei den Jólasveinar weder um heilige noch um gestandene Männer, sondern um eine Bande jugendlicher Trolle, die nichts als Unfug im Sinn hat.

Da wir seit ein paar Wochen, anlässlich des Tages der isländischen Sprache, die Sonderbuchstaben þ, ð, æ nicht mehr mit th, d und ae umschreiben, möchte ich die 13 Jólasveinar und ihre Eltern noch einmal kurz in ihrer Originalschreibweise vorstellen.

Grýla, eine uralte, schon in der mittelalterlichen Snorri-Edda erwähnte Trollfrau von fürchterlichem Aussehen. Die Menschenfresserin suchte die Höfe heim, um Kinder in ihren Sack zu stecken, ließ sich letztendlich aber mit anderen Leckerbissen abfinden.

Leppalúði, ihr träger und fauler Ehemann.

gryla_lepaludi_1a

Leppalúði und Grýla. Aus: Morgunblaðið, 24.12.1961.

Stekkjastaur (Schafpferchpfosten), der älteste Sohn ist lang, dürr und stocksteif, bricht aber trotzdem am 12. Dezember in die Ställe ein, um Schafe zu melken. Am 25. kehrt er als erster zu Mama und Papa zurück.

Giljagaur (Schluchtenflegel) nascht Milch im Kuhstall (13.12 bis 26.12).

Stúfur (Stummel) liebt Angebranntes (14.12. bis 27.12.).

Þvörusleikir (Kochlöffellecker) – sein Name ist Programm (15.12.bis 28.12.).

Pottaskefill (Topfschaber) kratzt die Reste aus den Kochtöpfen (16.12.bis 29.12.).

Askasleikir (Essnapflecker) kümmert sich intensiv um Essensreste (17.12.bis 30.12.).

Hurðaskellir (Türzuschläger) ärgert die Menschen durch lautes Zuschlagen der Türen (18.12.bis 31.12.).

Skyrgámur (Skyrfass, Quark-Gierschlund) kann Unmengen von Skyr verschlingen (19.12.bis 1.1.).

Bjúgnakrækir, (Würstchenangler) holt sich seine Mahlzeit durch den Rauchfang (20.12. bis 2.1.).

Gluggagægir (Fensterglotzer) späht von außen in die Stuben (21.12. bis 3.1.).

Gáttaþefur, (Türschlitzschnüffler) riecht mit seiner langen Nase den Braten schon von weitem (22.12. bis 4.1.).

Ketkrókur, (Fleischkraller) riecht nicht nur am Weihnachtsbraten (23.12. bis 5.1.).

Kertasníkir (Kerzenschnorrer) liebt die Weihnachtsbeleuchtung (24.12. bis 6.1.).

Doch wer glaubt, das seien alle Kinder von Grýla und Leppalúði, der hat sich geirrt. Leppalúði war nicht faul, wenn es um außereheliche Beziehungen ging.

Als Grýla einmal krank darnieder lag, zeugte er mit der Magd Lúpa den Sohn Skröggur („der Dürre“, „Magere“ – im Mittelalter ein Beinahme für den Fuchs).

lupa_skoggur_2a

Lúpa und Skröggur. Aus: Morgunblaðið, 24.12.1961.

Grýla wurde teuflisch wütend und nach einem handfesten Ehekrach brachte Leppalúði Mutter und Sohn auf einer einsamen Insel in Sicherheit.

Als Lúpa zwölf Jahre später starb, nahm sich der Elfenkönig Hængur („männlicher Lachs“) des verwaisten Trolljungen an und lehrte ihn seine magischen Künste. Der König hatte eine wunderschöne Tochter namens Skjóða („Beutelchen“).

Skröggur und Skjóða verliebten sich, doch ihr Vater verweigerte der troll-elfischen Liaison seine Zustimmung. Da wandte Skröggur sein erworbenes Zauberwissen an, entführte die Geliebte und lebte mit ihr im Berg Eyrarhyrna bei Hallbjarnareyri auf der Snæfellshalbinsel.

Das Paar hatte 22 Kinder, von denen 15 offensichtlich kurz nach der Geburt starben. Die Überlebenden wurden Opfer einer Pockenepidemie.

Skjóða wurde an Leib und Seele krank und verließ das Bett nicht mehr. Skröggur verlegte sich nun auch aufs aggressive Betteln und wurde auf der Snæfellshalbinsel zu einem Kinderschreck wie Grýla in den anderen Landesteilen.

Der Sagensammler Jón Árnason hat das Skröggskvæði, das aus 89 Vierzeilern bestehende Gedicht, in dem die tragische Geschichte von Skröggur und Skjóða festgehalten ist, dem Dichter Guðmundur Bergþórsson zugeschrieben.

Der kleinwüchsige Guðmundur, der krypplingur („Krüppelchen“) genannt wurde, lebte im 17. Jahrhundert in Arnarstapi auf der Snæfellshalbinsel und dichtete vor allem Rímur (isländische Balladen, die in einer Art Sprechgesang vorgetragen wurden). Auch um ihn ranken sich Volkssagen.

Allerdings starb Guðmundur zwei Jahre vor Ausbruch der Pockenepidemie, die zwischen 1707 und 1709 über ein Viertel der isländischen Bevölkerung dahinraffte.

Doch war es damals nicht unüblich, dass die populären Gedichte um Grýla, Leppalúði und ihre Kinder von weiteren Verfassern ergänzt und aktualisiert wurden.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

In Reykjavík treffen Sie in der Vorweihnachtszeit Grýla und ihre Kinder auf der Straße.

Eine deutsche Übersetzung des berühmten Jólasveinar-Gedichtes von Jóhannes úr Kötlum gibt es Tag für Tag im isländischen Adventskalender des Nordeuropa-Institutes an der Humboldt-Universität Berlin.

Und hier finden Sie Informationen zu einer Geschichte, in der es um das gespannte Verhältnis von Elfen und Trollen geht.

Die in dieser Rubrik veröffentlichten Beiträge geben nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.