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Mein Everest (ESA)

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Touristen sind oft überrascht, wie niedrig die isländischen Berge sind. In einem so felsigen und bergigen Land stellen sie sich majestätische Bergbereiche vor mit extremen Wintersportgebieten wie in den Alpen, den Anden oder dem Himalaya, der bis zum Himmel reicht.

Zwar gibt es kaum einen Platz, wo man in Island keine Bergsicht hat, doch sind die Berge vergleichsweise klein – der höchste Gipfel ist der Hvannadalshnjúkur mit 2.110 Metern (weniger als ein Viertel des Everst) – und sie haben seltsame Farben und Formen.

Und viele von ihnen haben einen eigentümlich flachen Gipfel. Man sagt, es sei möglich mit einem Flugzeug auf der Esja (914 m), dem Reykjavíker Hausberg, zu landen.

Der Grund dafür ist: Während die größten Bergmassive der Welt entstanden, als die Kontinentalplatten zusammenstießen, wurden Islands Berge durch wiederholte Vulkanausbrüche erschaffen, als sich die Kontinentalplatten wieder voneinander weg bewegten.

Bei den zahlreichen Ausbrüchen hat sich die Lava übereinander gestapelt und darum sehen die Berge in Island oft so gestaucht aus. Gletscher aus der Eiszeit haben ihre Gipfel abgeflacht und Täler zwischen ihren Hängen eingeschnitten.

Bergsteiger werden keine herausfordernden Gipfel in Island finden, wenn sie auf Höhe aus sind. Obwohl sie gegenüber dem K2 unscheinbar aussehen, bieten die isländischen Berge gefährliche Klettertouren und anstrengende Märsche durch raues Gelände und über Gletscher bei instabilen Wetterbedingungen.

Die Erfolgsliste meiner Bergsteigerei ist ziemlich kurz. Sie existiert eigentlich nicht.

Ich liebe das Wandern und nehme mir seit Jahren vor, längere Wanderungen zu unternehmen, zum Beispiel den bekannten Laugarvegur zwischen Landmannalaugar und Þórsmörk oder das neue Lavafeld am Fimmvörðurháls, aber irgendwie ist daraus nie etwas geworden.

2007 bestieg ich zum ersten Mal den Gipfel der Esja und rief stolz, ich hätte „das Dach der Welt" erklommen – die Ironie dieser Behauptung war mir angesichts der Höhe des Gipfels Þverfellshorn von 720 m wohl bewusst.

Einige Jahre früher hatte ich versucht, den Gipfel des Súlur bei Akureyri auf 1.213 m zu erreichen, aber meine Freunde und ich sind nicht sicher, ob uns das gelang, weil das sonnige Osterwetter jäh in Nebel umgeschlagen war und wir in dem frostigen Whiteout

nichts mehr sehen konnten.

Nun, nachdem ich regelmäßig wandere, scheinen die Berge von Mal zu Mal an Höhe zu verlieren. Von über 1.000 Metern ging es hinab über 720 auf 340 (Helgafell bei Hafnafjörður) und 215 Meter (Helgafell in Mosfellssveit).

Am vergangenen Sonntag – die Regenstürme hatten gerade Auszeit und es herrschte klares, ruhiges und frostiges Winterwetter – führte der isländische Wanderverein Ferðafélag Íslands (FÍ) mich und die Gruppe „Ein Gipfel pro Woche" auf einen Witz von einem Berg, den 270 Meter hohen Húsfell bei Garðabær.

Húsfell steht nahe beim erstgenannten Helgafell. Zwei Wochen zuvor hatte Puderschnee gelegen und eine Woche später wanderten wir durch Schneematsch, wateten durch überflutete Moore und überquerten mit unseren Stollenschuhen nasse Eisflächen.

Nun war fast nichts vom Schnee übrig. Wir wanderten fast zehn Kilometer durch felsige Lava und über gefrorenes Moos. Ich bekam Respekt vor dem niedrigen Húsfell, denn seine Hänge sind ziemlich steil.

Und auch, weil einer der Führer uns informierte, dies sei der höchste Berg von Garðabær und ein Stegreifgedicht vortrug, was für ein Glück wir doch hätten, den „Everest von Garðabær" zu erklimmen, während die Bewohner der Hauptstadtregion auf ihren Sofas schlummerten.

Und was als nächstes?

Die „Ein Gipfel pro Woche"-Gruppe wird weitermachen und schrittweise größere Höhen in Angriff nehmen (für Mai ist der Hvannadalshnjúkur geplant).

Ich aber habe erst einmal diesen inspirierenden Wanderern Lebewohl gesagt und will mich größeren Herausforderungen stellen. Auf den Everest von Garðabær folgt jetzt der richtige Everest.

Kein Jux! Am Montag bin ich dann mal weg. Zu einem sechswöchigen Aufenthalt in Nepal.

Die ersten drei Wochen verbringe ich in Pokhara, der zweitgrößten Stadt Nepals, und werde dort im Rahmen der Freiwilligenorganisation Volunteer Aid Nepal Englisch an einer Grundschule unterrichten.

Dann erkunde ich das Land. Zuerst auf einer dreitägigen Dschungelsafari in Chitwan auf dem Rücken eines Elefanten. Dann fliege ich nach Lukla und mache eine 20-Tages-Wanderung zum Basislager des Mt. Everest mit. Entlang der Strecke gibt es Aufenthalte in Dörfern, wo wir uns mit der Kultur der Region vertraut machen können.

Ich bin mir nicht sicher, was mich erwartet. Es wird sich sicherlich sehr von Island unterscheiden und ich bin noch nie zuvor auf einer Höhe von 5.300 Metern gewesen. Aber ich habe mich so gut, wie es mir möglich war, vorbereitet.

Nach meiner Rückkehr Ende März werde ich Euch über meine Abenteuer berichten. Bis dahin muss die Iceland Review Online – und auch die drei Mädels von der deutschen Ausgabe – ohne mich auskommen.

Also, bis dann, Namaste!

Eygló Svala Arnarsdóttir –

[email protected]

Anmerkung der Übersetzerin:

Wir werden das schon schaffen mit der deutschen Ausgabe und wünschen Eygló eine tolle Zeit in Nepal. Die Everest-Wanderstrecke lässt sich auf der deutschsprachigen Everest-Trekkingseite gut nachverfolgen.

bv

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