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Hohe Mode und die richtige Einstellung (DT)

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dagmar02_dlDa war ich gestern nach langer Zeit mal wieder sjoppa – shoppen, in der Hauptstadt selbst. Das sind zwar nur 80 km zu fahren, aber je ansässiger man in Island wird, desto weniger fährt man herum, ist wirklich so. Mag zum Teil an den beinahe täglich schmerzhaft steigenden Benzinpreisen liegen (gestern: 262 ISK="1,56" EUR, tut weh, weil unsere Löhne hier viel niedriger sind und wir auf dem Land zu 100% aufs Auto angewiesen sind) – mag auch am Wetter liegen.

Hat man mal Zeit, ist grad Schneesturm, oder „ófærð“ wegen Glatteis oder Schnee. Und so ziehen die Wochen ins Land, wo man nur die Supermärkte Bónus und Kronan von innen sieht und ein Besuch in der Schnickschnackabteilung vom Baumarkt Husasmiðjan ein highlight darstellt …

Gestern aber war Mädelstag und wir zogen durch die Hippläden von Europas nördlichster Hauptstadt.

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Viel war nicht los, für uns ein Zeichen, dass viele Isländer wieder Arbeit gefunden haben und/oder aber kein Geld zum shoppen. Nasskaltes Wetter saß uns auf den Schultern, Feuchtigkeit krabbelte an den Beinen hoch und man ärgerte sich über die Entscheidung, zur Feier des Tages das kurze Kleid mit schicken Stiefeln angezogen zu haben – es war geradezu eklig kalt. Dann kam Regen, dann kam Schnee und wir landeten im Café …

Frieren ist unhipp. Isländerinnen sind da ganz anders drauf. In der Stadt sieht man nur aus-dem-Ei gepellte Frauen, die Kälte nicht zu kennen scheinen, sonst würden sie sich unter dem kunterbunten Daunenparka wärmer anziehen.

So beliebt, wie die unsägliche Leggins daheim und auch am Arbeitsplatz ist, so unbedingt möchte die Stadt spariföt – gute Kleidung sehen (Kleidung die man für Gelegenheiten aufspart). Spariföt ist stofflich gesehen immer eher leichte Kleidung, egal zu welcher Jahreszeit. Mit den Worten des Pfefferminzslogans gesprochen: Ist sie zu kalt, bist du zu schwach.

Wir Ausländer outen uns sofort mit unseren praktischen Outdoorjacken, die wir niemals mit schicken Kleidern kombinieren würden, wir outen uns mit figurloser Kleidung und mit flachsohligen Gesundheitsschuhen, und natürlich den unvermeidlichen Rucksäcken, vollgepackt mit Zeug, was man in der Stadt ohnehin nicht braucht.

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Probieren Sie doch mal so ein flatteriges Glitzer-T-shirt mit Riesenausschnitt, oder einen Push-up-BHs (andere gibt es ohnehin nicht). Wenn Sie unsicher sind, ob er passt, finden Sie in der Umkleide kompetente Hilfe in Form eines Plakates.

Wir entdeckten auf unserer Schaufensterjagd Modeartikel, die sich sofort auf der Straße wiederfinden lassen, obwohl sie bizarr aussehen. Ganz gleich, wie scheinbar unpraktisch die Klamotten sein mögen – sie werden getragen, koste es was es wolle. Weil man's eben tut und weil's in den Läden liegt. Und weil man, würde man sich modisch vom Wetter diktieren lassen (wie eine isländische Outdoorfirma suggeriert), die sparisföt gleich einmotten könnte.

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Das ist übrigens auch im Alltag eine Tugend an den Isländern, die ich besonders bewundere: sie finden sich ab mit den Dingen. Dinge sind entweder skemmtilegur – spannend, oder leiðinlegur – langweilig. Mit den langweiligen Dingen des Lebens arrangiert man sich, statt zu meckern und zu klagen.

Wirtschaftskrise, Wetter, Matsch. Sich verselbstständigende Benzinpreise. Zu hohe Schuhe.

Für Krise und Wetter gibt es die richtige Einstellung. Für Benzinpreise – auch. Für zu hohe Schuhe – laufen üben und … die richtige Einstellung.

Dagmar Trodler[email protected]www.dagmartrodler.de

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