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Kein Hafer für die Pferde (bv)

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bernhild_dlGerade war sie noch da. Ich reibe mir die Augen. In der weiten Ebene ist kein einziger weißer Fleck zu sehen. Es ist wie verhext: Agga, die alte Stute, muss sich losgerissen haben.

Ich steige wieder die Düne hinab, dort steht mein Eimer, gefüllt mit den länglichen Körnern eines Grases, das auf Isländisch melgresi oder sandhafrar heißt. Und so will ich es ebenfalls „Strandhafer“ nennen, auch wenn die offizielle deutsche Bezeichnung „Strandroggen“ lautet.

Ich habe nicht ausprobiert, ob Agga, die wahrscheinlich zurück zum Stall gelaufen ist, den Strandhafer gefressen hätte. Es war und es ist kein Hafer für Pferde.

hafer_agga_bv

Früher haben die Isländer, die sich das teure Importgetreide nicht leisten konnten, ihn zu Mehl und Grütze verarbeitet. Heute wird er zur Erosionsbekämpfung eingesetzt. Hier im Mündungsdelta der Gletscherflüsse Jökulsá á dal und Lagarfljót soll er den Treibsand befestigen.

Schön sieht er aus, der Sand, anthrazitfarben, fast schwarz. Doch wenn er über die Ebene fegt, dringt er in jede Ritze von Haus und Stall, erstickt die kleinwüchsige Bodenvegetation und überlässt die Strände dem vordringenden Wasser.

Der Kampf gegen die Erosion im Héraðssandur, wie dieses Stück Ebene am Ende der bewohnten Welt heißt, ist nichts Neues. Neu ist die menschengemachte Dimension.

Schauen wir uns zuerst den Lauf der beiden Gletscherflüsse an:

Die Jökulsá á dal auf der Nordseite der Ebene strebt in vielen Verästelungen zum Mündungsgebiet. Dort vereint sie sich mit dem Lagarfljót und ergießt sich ins Meer. Mittendrin, umschlossen von den beiden Flüssen liegen Land und Hof Húsey („Hausinsel“).

Der Lagarfljót verzweigt sich nicht wie die Jökulsá, doch er ist ebenfalls ein Gestaltwandler. Mehrere Gletscherflüsse (Jökulsá á fljótsdal und andere) füllen erst den langen, tiefen See Lagarfljót, bevor sie sich ab Egilsstaðir als Fluss Lagarfljót auf den Weg zum Meer machen.

hafer_lagarfljot_bvAbendstimmung am See Lagarfljót.

Mit dem Bau des Staudamms Kárahnjúkar wurde nicht nur ein großes Stück des isländischen Hochlandes zerstört, sondern auch in den Lauf dieser Gletscherflüsse eingegriffen. Für das Kraftwerk im Fljótsdal, das den Strom für die Aluminiumschmelze des US-Konzerns Alcoa im Reyðarfjörður produziert, wird der größte Teil des Wassers der Jökulsá á dal abgeleitet und gelangt nun über den Lagarfljót in Richtung Meer.

Das bedeutet: Die Jökulsá führt viel weniger Wasser und Sedimentgestein aus dem Hochland ins Tal, während die Wassermassen des Lagarfljóts sich im Mündungsgebiet Richtung Land breitmachen – wie ein aufgeblähtes Monster.

hafer_luftbildRechts: das verzweigte Delta der Jökulsá, links: der Lauf des Lagarfljóts und darüber die Küstenlinie.

Eigentlich ist ja der See Lagarfljót wegen des Riesenwurms Lagarfljót-Ormurinn bekannt (die Videoaufnahmen gingen im Winter um die Welt). Ich vermute aber, dass das Monster den See, in dessen trüber Brühe auf Dauer auch keine Fische mehr existieren können, verlassen hat und sich nun hier im Mündungsgebiet angesiedelt hat.

Das Luftbild hat mich auf den Gedanken gebracht – und so sitze ich nun – diesmal ohne die Gesellschaft eines gelangweilten Pferdes – im Schoß des aufgeblähten Flussbauches und ziehe Rillen in die Düne, lasse die Körner hineingleiten und bedecke sie mit Sand.

hafer_schnee

Das Ohr ganz nah am schwarzen Hang höre ich Pferdegetrappel. Noch ganz verfangen in der Sagenwelt sehe ich graue Wasserpferde, sie kommen mit dem Schneetreiben, düstere Gestalten, die dich ins Wasser ziehen, in den nassen Tod.

Doch da ist kein Pferd, kein reales und kein sagenhaftes – ich hocke allein auf der Düne, die nach ihrer Befestigung das Aufblähen des Lagarfljóts-Monsters verhindern soll. Ganz nah schon ist das Wasser herangerückt, es wird den Sand einfach wegspülen, wenn der Strandhafer nicht anwächst.

hafer_strandhafer_bvLinks: gedüngter Strandhafer vom Vorjahr; rechts: neu angesäter Abschnitt.

Vielleicht müssen wir in zehn Jahren hier alles aufgeben“, sagte Örn Þorleifsson, der in Húsey seit vielen Jahren Jugendherberge und Hof betreibt, als ich ihn 2007 das erste Mal zu den Folgen des Dammbaus befragte.

Húsey liegt nur wenig über dem Meeresspiegel, nach schneereichen Wintern steht das Wasser auf den Wiesen. Wenn Fluss und Meer weiter vordringen, dann ist „Land unter“ im gesamten Héraðssandur.

hafer_sandbank2_bvDie Sandbänke im Lagarfljót waren ehemals Land.

Ende letzten Jahres habe ich dem Geschäftsführer von Landsvirkjun, dem staatlichen Energiekonzern, der den Kárahnjúkar-Damm trotz vieler Proteste baute, ein paar Fragen gestellt.

Ich wollte unter anderem wissen, wie Landsvirkjun mit den Umweltproblemen im Héraðssandur umgehen wird. Ich erhielt trotz mehrfachen Nachhakens keine Antwort. Ich wandte mich an die Umweltministerin Svandís Svavarsdóttir – das Interview mit ihr lässt sich hier nachlesen. Nach etlichen Gesprächen vor Ort habe ich den Eindruck, dass das Landsvirkjun-Schweigen mehr Ausdruck von Hilflosigkeit als von Arroganz ist.

Bereits bei der Erstellung des Umweltgutachten für den Bau des Kárahnjúkar-Staudamms im Jahre 2001 war bekannt, dass mit abbrechendem Land und langfristigen Veränderungen der Küstenlinie zu rechnen sei.

Guðrún Schmidt von Landgræðsla ríkisins, dem Amt, das sich den Kampf gegen die Bodenerosion zum Programm gemacht hat, berichtet mir, dass es einen von Landsvirkjun finanzierten und auf 40 Jahre angelegten Fonds zur Erosionsbekämpfung im Bereich der Jökulsá gibt. Doch anders als vorausgesagt bildet dieser Fluss auch nach der radikalen Wasserentnahme für den Staudamm kein festes Flussbett aus.

hafer_jokulsa_bvSander an der Jökulsá á dal.

Normalerweise lässt das Schmelzwasser aus dem Hochland die Gletscherflüsse im Sommer kontinuierlich anschwellen. Doch die Jökulsá bekommt nur einmal im September einen kräftigen Schwall Wasser ab – dann nämlich, wenn das Überlaufwasser aus dem Staudamm abgelassen werden muss. Und das überschwemmt auch mühsam begrünte Sanderflächen.

Im kommenden Sommer werden Jugendliche, die bei Landsvirkjun traditionell Sommerjobs erhalten, anrücken und im Mündungsgebiet von Jökulsá und Lagarfljót Strandhafer und andere bodenbefestigende Gräser säen, berichtet Guðrún.

hafer_saen_bvÖrn zeigt uns wie man den Strandhafer einsät.

„Es ist selbstverständlich besser, jetzt im Frühjahr zu säen, als erst im Sommer", sagt sie. Von ihr bekomme ich zwei neue 15-kg-Säcke Melgresi. Und für mich ist es wichtig, nicht nur Bericht zu erstatten oder/und zu kritisieren, sondern auch etwas zu tun.

Bevor ich Guðrúns Büro in Egilsstaðir verlasse, gibt sie mir noch auf den Weg: „Wir sind darauf angewiesen, dass die Bevölkerung mithilft und auf Probleme aufmerksam macht, denn unsere Behörde kann nur einen Teil davon dokumentieren. Es wäre auch gut, wenn Landsvirkjun eine Bestandsaufnahme aller Umweltprobeme in der Region in Auftrag geben würde.”

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Als ich eines Nachmittags ein letztes Mal meinen Eimer mit Strandhafer füllte, sah ich einen weißen, bewegten Punkt auf der Ebene. Ein Pferd? Aber da war kein Reiter. Ein Ren? Aber da folgte keine Herde. Ein Schaf? Zu klein. Eine Kuh? Eine Seekuh vielleicht?

Ýsa trägt zwar einen Fischnamen (ýsa heißt Schellfisch), ist aber eigentlich eine bodenständige Milchkuh. Sie begrüßte mich freundlich und graste in meiner Nähe, bis das Pferdetaxi kam. Ein halbstündiger Ritt auf Agga brachte mich heim.

hafer_taxi_bvDas Pferdetaxi von Húsey.

Erst zwei Stunden später trottete Ýsa zurück in den Stall. Ruhelos, hochträchtig und völlig ermattet. Duftendes Heu erwartete sie.

hafer_kalb_bv

Zwei Tage später erblickte ein kleiner Bulle das Licht der Welt. Er wird zwei, drei Jahre bei seiner Mutter bleiben. Ich wünsche den beiden viele fröhliche Ausflüge an den Strand, an dem sich hoffentlich diese hässliche Lagarfljót-Ausgeburt nicht weiter breitmacht.

Text&Fotos: Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

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