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Tour-ismus - Vom Berühren des Unberührten (DT)

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dagmar02_dlDa haben wir's – die Vogelklippe Látrabjarg zeigt erste Folgen von Massentourismus.

Und zerstörte Trampelpfade finden sich inzwischen auch anderswo, etwa auf dem Weg zum heißen Fluß nach Hengill in Hveragerdi, wo man bei Regen auf den kaputtgetretenen Pfaden förmlich im Schlamm versinkt. Was tut der Mensch? Er geht auf dem Gras neben dem Schlamm, bahnt sich einen neuen Pfad, bis der nächste Besucher kommt und auch diesen zerstört.

Darüber kann man schimpfen und den Massentourismus verdammen. Man kann voller Entsetzen die Menschenmassen am Geysir anschauen, und sich über die vielen Wanderer auf den berühmten Routen Laugavegur oder Fimmvörduháls beschweren. Man kann über die zunehmende Zerstörung der Natur klagen, über die Zigarettenkippen am Valahnjúkur auf der Halbinsel Reykjanes, und über die Müllsäcke an der heißen Quelle bei mir um die Ecke, für die nach der Party im Auto offenbar kein Platz gewesen ist. Man kann darüber klagen, daß der Prozentsatz der wirklich unberührten Natur – also die Regionen, wo der Mensch keinen Fuß hinsetzt - in den vergangenen Jahren dramatisch abgenommen hat und inzwischen bei weit unter 30 Prozent liegt, nicht zuletzt, weil der Vatnajökull trotz Eis und Gefahren inzwischen ein beliebtes Wandergebiet geworden ist.

Man kann über die bösen Isländer schimpfen, die ihre eigene Natur wie Freiwild behandeln und munter einen Staudamm nach dem anderen bauen.

Aber das Thema Mensch und Natur hat auch eine philosophische Seite.

Sobald wir uns von zuhause weg bewegen, uns „auf Tour“ begeben, sind wir ein Tour-ist. Jeder von uns, der nach Island fährt, und jeder Isländer, auf seiner eigenen Insel herumfährt, um sich etwas anzuschauen, ist ein „Tour-ist“ – für einen kurzen Moment aus dem eigenen Leben ausgezogen, um Eindrücke zu sammeln und sich an Erfahrungen zu bereichern, sich Zeit für sich zu erlauben – der tiefere Sinn von Urlaub (aus dem mhd. „erlauben“).

Und seien wir ehrlich – wen von uns hat nicht schon mal die Sehnsucht gepackt, eine Jeeptour in die Einsamkeit des großen Gletschers zu unternehmen, oder die Ascheringe um den Krater des Eyjafjallajökull anzuschauen? Tour-ismus macht's möglich und inzwischen sogar bezahlbar.

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Es ist eine Grundsatzentscheidung, ob man Natur „berührt“- oder nicht. Der Schritt ist und bleibt unumkehrbar – sobald man seinen Fuß auf Land setzt, wo zuvor noch niemand gewesen ist, hat man es „berührt“, hat es erreichbar gemacht, und sobald man Fotos davon zeigt, weist man anderen den Weg dorthin. Es gibt keine Schuldigen und Unschuldigen, kein 'ich darf, du aber nicht'. Man kann niemandem verbieten, Natur anzuschauen. Aber sich die Problematik des „Unberührtseins“ bewusst zu machen, kann ein erster Schritt sein für mehr Achtsamkeit im Umgang mit Natur.

Ich finde es unfair, mit dem Finger auf die anderen zu zeigen und ihr Tourist-sein zu verurteilen. Jeder Jeck ist anders, wie man im Rheinland sagt. Der eine mag sich im Urlaub in Shorts und Schlappen - Schotterweg hin oder her – der andere beweist durch Outdoorkleidung und schwere Kamera, daß er sich auch im schicken Reykjavík auf der Pirsch befindet. Touristen sind sie alle, und sie sollten einander als Reisende achten, die ausgezogen sind, Erfahrungen und Eindrücke zu sammeln und sich gemeinsam an Islands umwerfender Schönheit zu erfreuen. Genießen Sie unsere Insel. Tun Sie es einfach achtsam.

Dagmar Trodler[email protected]www.dagmartrodler.de

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