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Auf immer und ewig (DT)

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dagmar02_dl„Ja, ich will.“

Fast nahm der Wind ihr die Worte aus dem Mund, trug sie davon in die Kaskaden des unermüdlich herabwallenden Wasserfalls, um sie in ein Stück Ewigkeit umzuwandeln.

Der Regen kam von links, schien im Moment der Eheschließung den Atem anzuhalten, um dann das Brautpaar liebevoll mit sprühender Gischt einzunebeln.

„Das ist eben Island,“ lächelt Ólafur Helgi Kjartansson, der Syslumadur von Selfoss, der die Trauung am Hjálparfoss vorgenommen hatte. Seine adrette Uniform trotzt Wind und Wetter, die polierten Knöpfe glänzen im Regen nur noch schöner. Nicht umsonst soll er der beliebteste Standesbeamte Islands sein. Und genauso wie bei der letzten Trauung, wo in Thingvellir der Regen im richtigen Moment für das Ja-Wort ausgesetzt hatte, scheint Ólafur Helgi nichts dabei zu finden, die Formalitäten unkonventionell im Auto zu erledigen.

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Immer mehr Ausländer entscheiden sich, ihr Ja-Wort auf der Insel am Polarkreis zu geben. Sei es, um beim Rennen um die ungewöhnlichste Hochzeit den Vogel abzuschießen, um besondere Verbundenheit zu demonstrieren, weil man sich in Island kennengelernt hat oder die Pferde so liebt (mancher heiratet hier auf dem Pferderücken), sei es um Geschenkterror und der großen teuren Party zu entgehen, oder um am vielleicht wichtigsten Tag des Lebens ganz für sich zu sein.

Oder ist es vielleicht eine Rückbesinnung auf den wahren Charakter der „Ehe-Schließung“, der in unseren Breiten durch bürokratische Zwänge und unter Aktenstapeln verschwunden ist? Wo schon das Wort Standes-“Beamter“ den Geruch von Bürostaub in sich trägt, welcher den Bund einnebeln und ihm möglicherweise den Zauber nehmen könnte, der seinem Anfang innewohnt? Wo Ausnahmen von der Regel unbedingtes Engagement und Nerven erfordern – und wo man sich am besten einfach an die staubigen Regeln hält?

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Ehe ist der Bund zweier Menschen, vor zwei Zeugen und einer Instanz. Der Bund ist ein Versprechen, in allen Zeiten zueinander zu stehen, was auch immer kommen mag. Der Ehebund ist das einfachste „Ge-schäft“, was zwei Menschen miteinander schaffen können – und zugleich das schwerste. Welcher Boden könnte besser dafür geeignet sein als der blanke Erdboden einer vulkanischen Insel, die in ständiger Erneuerung begriffen ist, in jedem Augenblick an sich selbst arbeitend, voller Energie und unbändiger Kraft, voller Getöse und auch Gefahr, voller Leben und Tod. Dichter an das, was Leben symbolisiert, kann man nicht herankommen.

gullfoss1_dtFotos: Dagmar Trodler

Und das Wetter – ja du meine Güte.

Wenn man sich entscheidet, in Island zu heiraten, ist der Regen Hochzeitsgast. Manchmal ist er isländisch und kommt einfach nicht. Aber eigentlich gehört er zum Ge-schäft, als kühlender Gegenspieler von heißem Magma und Wasserdampf, als quirliger Kontrapunkt von zu Stein erstarrter Lava - als Nahrung für den kargen Boden. Regen lässt das Gras wachsen, lässt Flüsse anschwellen und nährt das Leben in existenzfeindlicher Umgebung. Der Hochzeitsgast Regen lässt vielleicht Brautschleier und Make-up alt aussehen, doch gibt es kaum einen Ort, wo er deutlicher als Symbol für Fruchtbarkeit zu verstehen ist, als hier in Island.

Denn was auch immer zwei Menschen sich von ihrer Ehe erträumen – fruchtbar in jeder Beziehung soll sie sein.

Dagmar Trodler[email protected]www.dagmartrodler.de

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