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Schafes Tod (bv)

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bernhild_dlMývatn-Saga, Teil 1

Vier Kilometer östlich von Reykjahlíð, dem Hauptort am Mývatn, liegt Bjarnarflagsvirkjun, das älteste Geothermalkraftwerk Islands.

Es hat eine bescheidene Leistung von drei MW, liefert also pro Stunde 3000 Kilowatt Strom. Mehr als genug für die Bewohner der Höfe und Siedlungen rund um den See und die Touristenmassen im Sommer. Dazu Warmwasser für Heizung und Dusche sowie das beliebte Geothermalbad Jarðböðin.

Das Kraftwerk versorgte auch eine benachbarte Kieselgurfabrik, die vor mehreren Jahren ihren Betrieb aus Umweltschutzgründen einstellte. Abgebaut und verarbeitet wurde die Sedimentschicht aus dem Mývatn – nun wächst der Friedhof abgestorbener Kieselalgen wieder ungestört auf dem Seegrund.

Doch in den letzten Jahren trieb der staatliche Energieversorger Landsvirkjun die Planungen für ein neues 90-MW-Kraftwerk am Bjarnarflag voran. Insgesamt 400 MW (bisher 63) sollten zwischen Mývatn und dem rund 50 km entfernten Húsavík zusammenkommen, um den Energiebedarf einer projektierten Aluminiumschmelze Bakki bei Húsavík zu decken.

myvatn1_krafla_bvRohrleitungen von den Bohrlöchern zum Kraftwerk Krafla.

Vier neue Geothermalkraftwerke (Krafla II, Bjarnarflag, Þeistareykir, Gjástykki) sollten entstehen.

Neue Kraftwerke – das bedeutet neue Bohrfelder, Turbinenhäuser und Kühltürme samt entsprechender Infrastruktur mit Zufahrtsstraßen, Rohrleitungen, Hochspannungsmasten. Und eine Vervielfachung von CO2--Emissionen und anderen Schadstoffen in Luft und Wasser. Denn Geothermalkraftwerke sind sicherlich umweltfreundlicher als Kohle- oder Atomkraftwerke – „grün“ sind sie leider nicht.

Isländische Umweltschützer protestierten insbesondere gegen den Kraftwerksbau im Vulkangebiet Gjástykki. Schließlich gab der amerikanische Aluminiumkonzern Alcoa seine Bakki-Pläne auf, weil ihm die avisierte Energiemenge nicht reichte.

myvatn1_bakki_bvDie Bucht Bakki östlich von Húsavík.

Ich hatte erwartet, dass Landsvirkjun daraufhin die Produktionsvorgaben senken würde. Doch nun kamen energieintensive Siliziumfabriken ins Gespräch und die Vorbereitungen für Krafla II, Þeistareykir und Bjarnarflag wurden unverändert fortgesetzt.

Im Mai machte ich am Mývatn Station. Doch anders als im Vorjahr, als ich über das Problem des geothermalen Abwassers recherchierte, traf ich nun auf ängstliche Zurückhaltung bei den Anwohnern und wurde von Pontius zu Pilatus geschickt. „Frag meinen Nachbarn“, hieß es beispielsweise, doch der Nachbar wollte sich keineswegs zum Thema Kraftwerk äußern.

myvatn1_grjotagja_bvGrjótagjá.

Also machte ich erst einmal einen Inspektionsrundgang. Er führte mich zuerst zur Grjótagjá. Die Warmwasserhöhle in der langgezogenen Erdspalte gilt als sensibler Indikator. Das glasklare Wasser ist seit einiger Zeit getrübt, sagen Einheimische und auch der Biologe Árni Einarsson vom Mývatn-Naturforschungszentrum RAMY äußerte sich in einem Fernsehinterview besorgt über die Verschmutzungen in der Grjótagjá. Rühren sie vom Abwasser der neuen Bohrlöcher oder vom Abwassersee des Bades Jarðböðin her?

Nicht nur geothermale Abwässer bedrohen das sensible Ökosystem des Mývatn. Da gab es im Frühjahr einen kurzen Skandal wegen eines vor sich hinrottenden 1.000 Liter fassenden Öltanks auf dem Grunde des Sees. Doch dann machte sich Sorglosigkeit breit: Vielleicht ist ja nur Wasser im Tank. Und vor allem: Wer soll das bezahlen? Denn der Verursacher, die Betreibergesellschaft der Kieselgurfabrik, existiert nicht mehr.

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Ich wandere weiter. Kaum bin ich etwas vom üblichen Pfad abgewichen, treffe ich auf eine gespenstische Szene: Aus einer schmalen Erdspalte dampft es. Ich bücke mich, ein starres Auge blickt mir entgegen, umrahmt von Horn, weißem Fell, daneben Federn. Ein Schaf und ein großer Vogel, im Tod vereint. Ein Stück weiter liegen weiße Knochen am Rand des Grabens.

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Ich mache rasch ein paar Fotos – der Ort ist unheimlich, er riecht nach Tod. Später erst lese ich nach, welch starkes Gift Schwefelwasserstoff (H2S) ist. Solange er nach faulen Eiern stinkt, ist seine Konzentration schwach. Gefährlich wird es, wenn man ihn nicht mehr riecht, wenn er bereits die Geruchsnerven betäubt hat.

Doch wie wirken sich geringere Dosen von H2S über längere Zeiträume auf den menschlichen Organismus aus? Die Menschen, die in der Nähe des südisländischen Geothermalkraftwerkes Hellisheiði leben, klagen zunehmend über Unwohlsein und gesundheitliche Probleme.

myvatn1_loft_bvBlick aus der Jarðböðin-Umkleide Richtung Námafjall.

Der vorgesehene Bauplatz für das Kraftwerk Bjarnarflagsvirkjun befindet sich hinter Jarðböðin (dem „Erdbad“) am Fuße des Berges Námafjall, nur vier Kilometer von Reykjahlíð entfernt. Auf der anderen Seite des Námafjall liegt Hverarönd mit seinen berühmten Schlammtöpfen und Fumarolen.

Ein Hügel trennt das bereits abgesteckte Gelände für das neue Bjarnarflag-Krafwerk vom Jarðböðin. Ich steige hoch, um einen besseren Überblick zu bekommen: Unter futuristischen Abdeckungen, die an gelandete Ufos erinnern, verbergen sich alte und neue Bohrlöcher. Hinter der Ringstraße liegt das alte Kraftwerk und die blaue Abwasserlagune, die früher gern als Badesee genutzt wurde.

myvatn1_bjarnarflag_bvIm Hintergrund: das alte Bjarnarflag-Kraftwerk und die Abwasserlagune. Im Vordergrund: neue Bohrlöcher.

Es ist seltsam still und menschenleer auf dem gesamten Areal. Stimmt es, was man mir im Ort erzählte? Landsvirkjun habe wohl wegen eines bevorstehenden Meetings mit den Landeignern seit einigen Tagen alle Arbeiten eingestellt?

Ich habe eine Pause verdient und lasse mich vom warmen Wasser des Jarðböðin verwöhnen. Ein geothermales Bad, kleiner, billiger und intimer als die Blaue Lagune.

myvatn1_jardboedin_bvBlick auf Jarðböðin.

Der Anblick der verendeten Tiere steht mir noch vor Augen. Waren wirklich Schwefeldämpfe schuld? Wasser aus den Tiefen der Erde hat den Ruf, besonders gesund zu sein – doch stimmt das? Warum fürchten Umweltschützer, die Abwasser der Geothermalkraftwerke könnten die Gewässer vergiften? Enthält mein weiches warmes Badewasser etwa Quecksilber und Arsen?

Gemessen hat man den Arsengehalt in der Bjarnarflag-Lagune, dem leuchtend blauen See auf der anderen Seite der Nationalstraße. Er liegt zehnmal höher als der von der Weltgesundheitsorganisation als Höchstwert für Trinkwasser vorgegebene Grenzwert von 10 µg pro Liter. Aber man schlürft sein Badewasser ja nicht. Für die tödliche Dosis müsste ich etwa 700 Liter trinken und auch das Schaf ist wohl kaum an Arsenvergiftung gestorben.

myvatn1_badlagune_bvAbwassersee des Jarðböðin.

Auf dem Rückweg komme ich am Abwassersee des Jarðböðin vorbei – ein idyllischer Anblick, wenn man vergisst, dass es schmutziges Badewasser aus dem Kraftwerksabwasserhahn ist. Hier versickert es und vermischt sich mit dem Quellwasser, das das Spaltensystem der Grjótagjá und den Mývatn speist.

Der Biologe Árni Einarsson ist inzwischen ziemlich sicher, dass die Verunreinigungen in der Grjótagjá von diesem Abwassersee herrühren.

Keiner kann genau sagen, bei welcher Belastung sensible Ökosysteme zusammenbrechen, doch dass Dauer und Menge der Belastung dabei eine entscheidende Rolle spielen, wird wohl niemand bestreiten.

Arsen und Quecksilber aus dem Abwasser des Geothermalkraftwerkes Nesjavellir sollen mittlerweile den Þingvallavatn belasten – sagen die einen, andere bestreiten es. Doch Schwangeren und stillenden Müttern wird vom Verzehr von Forellen aus dem See abgeraten.

myvatn1_nesjavellir_bvAbwasserbach des Kraftwerkes Nesjavellir in Südwestisland.

Unvorhergesehene Umweltprobleme schafft auch die Blaue Lagune, der berühmte Abwassersee des Kraftwerkes Svartsengi auf der Reykjanes-Halbinsel. Die „Poren“ des Lavabettes sind verstopft, das Wasser kann nicht mehr versickern.

Auf der Internetsuche nach genaueren Informationen dazu (die ich freilich nicht fand), war ich auch auf einen Artikel im Guardian vom 22. April 2008 gestoßen, in dem es heißt:

„Albert Albertsson, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer von Iceland's Resource Park, der die Blaue Lagune und eines der größten Geothermalkraftwerke des Landes umfasst, sagte, obwohl niemand wisse, wie viel Energie man gewinnen könne, sei es doch denkbar, dass Island den gesamten Energiebedarf der nördlichen Hemisphäre decken könne.“

myvatn1_svartsengi_bvKraftwerk Svartsengi.

Goldgräbermentalität gepaart mit Größenwahn – ich kann mir nicht vorstellen, dass alle Energieplaner in Island so denken.

Zurück in Reykjahlíð beschließe ich, die Gelegenheit zu nutzen, um den Kraftwerksbauern von Landsvirkjun ein paar Fragen zu stellen. Doch davon will ich in der nächsten Folge meiner Mývatn-Saga erzählen.

Text&Fotos: Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Teil 2: Im Kraftzentrum der Krafla

Teil 3: Krieg gegen oder für das Land?

Die in dieser Rubrik veröffentlichten Beiträge geben nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.