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Ausflug in eine andere Welt (NZ)

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nadinezwiener_dlEs liegt die gemütliche Stille eines kleinen Städtchens am Meer über Akranes. Seit der Bus mit dem ich hergekommen bin, wieder abgefahren ist, ist mir noch kein Auto entgegengekommen und bis auf die zwei Männer, die etwas weiter die Straße herunter das Dach eines alten Hauses reparieren und eine Katze, die mich von einer Mauer aus beobachtet, ist keine Menschenseele zu entdecken.

Akranes liegt nur knapp eine Autostunde von Reyjavík entfernt, aber es fühlt sich an, als wäre ich in einer vollkommen anderen Welt. Hier ist nichts mehr übrig von dem vielseitigen und regen Treiben der Hauptstadt, hier ist alles ruhig und einen Schritt langsamer, nur die bunten Häuser sind die gleichen.

Schon die Anreise nach Akranes war für mich ein kleines Abenteuer an sich. Die Stadt lässt sich mit dem öffentlichen Bus von Reykjavík aus erreichen, nur in Mosfellsbær muss ich einmal umsteigen.

Hier will der Busfahrer wissen, ob ich ein Umsteigeticket aus dem ersten Bus habe – habe ich aber leider nicht und so muss ich doppelt bezahlen. Aber sowas passiert eben, wenn man doch noch nicht so ganz angekommen ist, in einem andereren Land.

Auf der weiteren Strecke über die Ringstraße stehen nur noch wenige Häuser, dafür kann man Schafe und Rinder grasen sehen – zumindest so lange, bis wir im Tunnel verschwinden.

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Nur vereinzelte Häuser, aber viele Kühe auf dem Weg nach Akranes.

5,7 Kilometer ist er lang, der Hval-Tunnel, der unter dem Fjord entlangführt und den Weg nach Akranes damit erheblich abkürzt, aber tatsächlich kommt mir die Fahrt hindurch wie eine kleine Ewigkeit vor.

Denn als wir schließlich wieder herauskommen, ist es, als wären wir in einer anderen Welt: Die Wolken liegen heute sehr tief vor dem Akrafjall, dem riesigen Bergplateau, dass man schon von Reykjavík aus sehen kann und wir fahren mitten hindurch. Es ist, als würden wir durch Watte fahren.

Weite Teile der Strecke kann man kaum mehr als 50 Meter weit blicken, aber wenn man es doch kann, bietet sich ein eindrucksvoller Anblick:

Auf der linken Seite liegt das Meer, ruhig und unbewegt, auf der rechten Seite erhebt sich der Akrafjall, beeindruckend groß und in eine Decke aus Wolken gehüllt. Dazwischen liegt die hügelige Landschaft, in der zerstreut nur einige Schafe und Kühe grasen.

Gut eine Stunde hat es gedauert, um von Reykjavík hierher zu kommen und eine kurze Weile komme ich mir hier etwas verlassen vor.

Selbst im Hostel ist zunächst niemand anzutreffen, aber nach einer Weile, die ich wartend auf den Treppenstufen verbracht habe – Auge in Auge mit der Katze auf der Mauer – kommt schließlich doch jemand vorbei, lässt mich einchecken und meine Sachen ablegen und im nächsten Augenblick bin ich schon wieder unterwegs.

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Es ist nur wenig los in Akranes.

Denn eigentlich bin ich aus einen bestimmten Grund in diese Stadt gekommen: Ich will Vögel fotografieren. Deswegen mache ich mich mit meiner Kamera auf in Richtung Meer, an einer Fischfabrik und dem intensiven Geruch, den sie verströmt, vorbei, zu den beiden Leuchttürmen an der Spitze der Landzunge, auf der Akranes liegt.

Als ich dort ankomme, bin ich etwas enttäuscht. Zwar ist hier eine kleine Wiese und in der Luft sind einige Möwen zu sehen, aber das Vogelparadies, das ich hier erwartet habe, finde ich nicht vor.

Trotzem gehe ich weiter, denn obwohl es schon spät am Nachmittag ist, möchte ich gerne noch auf einen der beiden Leuchttürme steigen.

Der neue, etwas näher an der Stadt und leicht zu erreichen, ist zwar schon geschlossen, aber ich habe das Glück, dass der alte, der nicht mehr genutzt wird und etwas weiter abseits liegt, zu jeder Zeit offen steht.

Zwar bedeutet das für mich einen etwas mühsamen Weg über einige Felsen und dann einen den Aufstieg über eine nicht gerade vertrauenserweckende Wendeltreppe im Inneren des Turms, aber der Aufwand lohnt sich:

Von hier aus hat man eine wunderbare Aussicht in alle Himmelsrichtungen: Im Süden, über den Fjord hinweg, kann man in der Ferne Reyjavík (die Wolken sind Schuld) leider nur erahnen, nordöstlich hebt sich der Akrafjall in den Himmel, und unten, nicht weit vom Leuchtturm entfernt, erkenne ich sie dann: die Vögel.

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Enten und andere Vögel erfreuen sich am Meer.

Eine ganze Kolonie hat sich auf den Felsen niedergelassen: Vor allem Enten, aber auch einige andere scheinen sich am Meer zu erfreuen und tummeln sich rege auf den Steinen und im Wasser und so schaffe ich es schließlich doch noch, einige Fotos zu machen. Auf gewisse Weise, so denke ich, ist hier auch viel los, nur die Menschen haben damit eben wenig zu tun.

Ja, ein bisschen ist es wirklich wie in einer anderen Welt in Akranes, aber der Weg hierher hat sich für mich gelohnt: Ich konnte einige gute Bilder machen, aber vorallem konnte ich einen Eindruck bekommen von dem anderen Island – dem Island außerhalb Reykjavíks – und ich glaube schon jetzt: auch das werde ich lieben.

Nadine Zwiener – [email protected]

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