Reykjavík
3°C
E

Reykjavík für Fortgeschrittene (NZ)

Ansichten

nadinezwiener_dlDer Geruch ist wirklich widerlich.

Es ist früher Samstag Nachmittag, das Wetter ist recht gut, zumindest für isländische Verhältnisse, aber ich sitze in diesem ziemlich touristischen Café vor einem Teller mit traditionell isländischem Essen und kann wirklich nicht sagen, ob es an meinem Kater oder an dem – nennen wir es strengen – Geruch des Essens liegt, dass ich es nicht schaffe, mich zu überwinden und etwas davon zu probieren.

Zu erklären, wie ich hierher gekommen bin, ist eine lange Geschichte, aber um es in einem Satz zusammenzufassen: Ich hatte auf einmal das Bedürfnis, etwas typisch Isländisches zu machen.

Natürlich bin ich erst seit einigen Tagen hier, aber irgendwie ließ mich das Gefühl nicht los, dass ich langsam versuchen sollte, diesem Land noch etwas näher zu kommen, in seine Mentalität einzutauchen, die Kultur kennenzulernen. Ich wollte sozusagen die nächste Stufe erreichen und aufhören, mich lediglich wie ein Tourist zu fühlen. Nur leider war mir nicht ganz klar, wie ich das anstellen sollte...

Ein vernünftiger Ansatz wäre nun sicherlich gewesen, einfach ein paar Worte Isländisch zu lernen. Denn zwar kann ich inzwischen einige Worte verstehen, wenn ich sie lese, aber aufgrund der zungenbrecherischen Aussprache, bleibt das einzige isländische Wort, das ich mich traue aktiv zu benutzen: takk (was „Danke“ bedeutet – zumindest glaube ich das).

Die kultivierte Lösung wäre gewesen, vom reichhaltigen Kulturangebot Reykjavíks zu profitieren, vielleicht zur Harpa zu gehen oder mit einigen Einheimischen am Theaterfestival teilzunehmen, mit einem netten Gespräch über isländische Kunst im Anschluss daran.

Selbst eine lange, schöne Wanderung durch ein nicht so touristisches Gebiet, bei der ich mir immerhin hätte einreden können, dass ich auf diese Weise etwas von der Landschaft mitbekomme, wäre in Ordung gewesen.

Aber natürlich mache ich nichts davon.

Denn wie so häufig kommt es ganz anders: Im Hostel lerne ich ein paar Leute kennen (natürlich keine Einheimischen) und wir entscheiden uns dazu, das Reykjavíker Nachtleben am Freitag Abend auszuprobieren, was mir – zumindest zu dem Zeitpunkt – als eine gute Idee erschien: Immerhin gilt das Reykjavíker Nachtleben nicht nur etwas besonderes, sondern das berühmte Ausgehen am Freitag kann vielleicht sogar als etwas typisch Isländisches bezeichnet werden. So weit so gut also für meinen Plan.

Aber leider habe ich das Reykjavíker Nachtleben unterschätzt.

Auf den ersten Blick scheint es sich nicht groß vom Nachtleben irgendwo sonst auf der Welt zu unterscheiden: es sind viele Leute unterwegs, Musik ist überall und natürlich werden Mengen an Bier und anderem Alkohol konsumiert.

Aber dann ist es doch wieder anders: Die Livemusik zum Beispiel. Ganz egal, wo wir an diesem Abend hingehen, überall wird selbst Musik gemacht und auch wenn ich von den Bands noch niemals zuvor gehört habe, geschweige denn ein Lied kenne, sind sie einfach so mitreißend und begeisternd, dass ich gar nicht anders kann, als sie sofort zu mögen.

Und dann die Bars: Die, in der wir jetzt sitzen und ein Bier trinken, ist – da bin ich absolut überzeugt – genau dasselbe urige Café, in dem ich vor einigen Tagen an einem verregneten Nachmittag gemütlich einen Kaffee getrunken habe. Die Tische wurden an die Seite geräumt, eine Band auf die Bühne gestellt und jetzt hat sich das gemütliche, kleine Café in irgendetwas zwischen Kneipe und Nachtclub verwandelt.

Aber das besondere am Ausgehen in Reykjavík– und wie ich finde auch das gefährliche – ist eigentlich die Tatsache, dass man nicht an einem Ort bleibt. Es gibt einfach so viele spannende Bars in der Nähe, dass man, nach einem oder zwei Bieren, weiter zieht und noch eine andere ausprobiert, wieder ein oder zwei Bier trinkt und so weiter.

Ganz genauso machen auch wir das, und bevor ich es überhaupt bemerke, ist es vier Uhr in der Früh; die Sonne ist bereits aufgegangen und ich fühle mich – nun ja, schon ziemlich betrunken. Und genau das muss der Moment gewesen sein, an dem ich einwilligte, fauliges Haifleisch am nächsten Tag zu probieren...

So, und das ist also der Grund, warum ich nun hier bin, in diesem Café, erwartend betrachtet von dem, der mich hierzu überredet hat. Ich weiß, ich habe keine Chance mehr aus dieser Sache herauszukommen, so gerne ich auch würde. Denn nach den nur fünf Stunden Schlaf und mit einem ziemlichen Kater, fühle ich mich nicht danach, etwas zu essen – gammeliges Haifischfleisch am allerwenigsten. Allerdings habe ich es schließlich versprochen und ich will auch kein Feigling sein.

Zwar ist der Geruch des Haifisches geradezu verstörend, aber dann denke ich mir: Wenn ich das Nachtleben hier überlebt habe, dann überlebe ich auch dies. Also nehme ich schließlich ein Stück, schließe die Augen und schiebe es mir ganz langsam in den Mund. Und siehe da, der Geschmack ist intensiv, streng, aber gar nicht so übel – der Geruch ist viel schlimmer.

Und während ich also – ganz tapfer – auch den Rest des Haifleisches verspeise, fühle ich mich zwar immer noch schlecht und verkatert, aber gleichzeitig auch ein bisschen stolz – dass ich mein Versprechen gehalten und dass mich überwunden habe. Und natürlich, dass ich grade eine wirklich typische Sache versucht habe – selbst wenn ich sie nicht wirklich mochte.

Wirklich, fast genieße ich es, einfach nur hier zu sitzen, müde und ohne jegliche Sightseeing-Pläne für das Wochenende. Und dann fällt mir auf, dass ich noch kein einziges Foto gemacht habe am heutigen Tag und ich muss ein bisschen lächlen, denn nun fühle mich tatsächlich ein klein bisschen weniger als ein Tourist.

Nadine Zwiener – [email protected]Nadine Zwiener studiert Politikwissenschaft, Soziologie und Medienwissenschaften in Düsseldorf und absolviert bis Mitte September ein Praktikum bei der deutschen Ausgabe der Iceland Review Online.

Die in dieser Rubrik veröffentlichten Beiträge geben nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.