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Krieg gegen oder für das Land? (bv)

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bernhild_dlMývatn-Saga, Teil 3

Ich bin müde und hungrig, als ich nach meinem Ausflug an die Krafla in meine Unterkunft in Reykjahlíð zurückkomme. Doch gleich kann mein Handy klingeln. Wenn die Landeigner ihre interne Besprechung beendet haben, werde ich erfahren, wie sie sich zum geplanten großen Kraftwerk Bjarnarflagsvirkjun stellen, das der staatliche Energiekonzern Landsvirkjun nur vier Kilometer vom Ort entfernt bauen will.

Ólafur, der Sprecher der Grundbesitzer, dem ich zwei Stunden später gegenüber sitze, hat die Ausstrahlung eines Wikingers. Selbstbewußt, unduldsam und kampfgewohnt. Dabei ist er charmant und spricht fließend Deutsch, was ich am Ende des langen Tages mit vielen Diskussionen auf Englisch zu schätzen weiß.

Die Landeigner haben ihre skeptische Haltung gegenüber den Kraftwerksplänen aufgegeben und sind nun, wie Ólafur sagt, „mehr oder weniger dafür“. Landsvirkjun habe den rund ein Dutzend Eigentümern versichert, es bestehe keine Gefahr für Mensch und See; alles werde kontrolliert und überwacht.

myvatn3_modell_lvModell des neuen Bjarnarflag-Kraftwerkes. Quelle: LV.

Ólafur wiederholt all die Argumente, die ich bereits bei meinem Besuch des Krafla-Kraftwerkes gehört habe. Neu für mich ist: Es geht nicht um die Interessen von Leuten, die ein Hausgrundstück in Reykjahlíð und vielleicht noch Weideflächen in der Umgebung besitzen. Nein, hier geht es um Privatbesitz, der sich vom Nordrand des Vatnajökull bis zum 100 km² großen Areal Gjástykki nördlich der Krafla zieht.

Ólafur lebt in Reykjavík, schimpft aber auf die Hauptstädter, die „101-Leute“. Besonders sauer ist er auf den Umweltschützer und Journalisten Ómar Ragnarsson, der sich besonders dafür eingesetzt hatte, dass Gjástykki als Naturschutzgebiet ausgewiesen wurde.

„Nur zwei Prozent des Areals hätte ein Kraftwerk dort beansprucht. Die Umweltministerin hat Gjástykki unter Naturschutz gestellt, ohne uns zu fragen“, klagt Ólafur und betont: „Gjástykki ist unser Land“.

So sicher ist das freilich nicht, recherchiere ich später. Nicht erst seit die von Ólafur als „kommunistisch“ bezeichnete sozialdemokratisch-linksgrüne Koalition regiert, streiten sich die Landbesitzer mit dem Staat um Ödlandgebiete. Denn nach einem Gesetz von 1998 ist ungenutztes Ödland þjóðlenda, „Volksland“.

myvatn3_leirhnjukur_bvHeißes Lavafeld am Leirhnjúkur.

Bisher ökonomisch wertloses Land ist wegen der darunter schlummernden Energiequellen plötzlich wertvoll geworden. Auch bei der Lavawüste Gjástykki stand offensichtlich viel Geld auf dem Spiel.

Die Landeigner vom Mývatn stritten sich jahrzehntelang mit Landsvirkjun über Nutzungsrechte und deren Preis. Das geht so weit, dass sie 2004 dem Energieunternehmen die Kraftwerke Krafla und Bjarnarflag abkaufen wollten, entnehme ich dem Morgunblaðið. Damals lautete der Schlachtruf „Arðinn heim í hérað“ (der Gewinn muss zurück in die Region). Was wohl heute der Preis für die Zustimmung zu den Bjarnarflag-Bauplänen ist?

Es gibt aber noch andere Fronten im Krieg um das Land.

„Hernaðurinn gegn landinu“ (Krieg gegen das Land), mit dieser provokanten Schlagzeile hatte sich Anno 1970 der Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness gegen die geplante „Ausnutzung aller Energiereserven“ Islands gewandt:

„Das Problem ist der unerschütterliche Glaube der Leute in der Nationalen Energiebehörde, man müsse das Land mit immer neuen Aluminiumwerken vollpflastern.“ (zitiert nach Andri Snær Magnason: Traumland, S. 145)

Laxness hatte auch von der Gegenwehr der Bevölkerung gegen Planungen, den See Mývatn und das Tal Laxárdalur einem Kraftwerk zu opfern, berichtet. Die Bauern hatten aus Protest einen kleinen Damm mit Dynamit in die Luft gesprengt.

Damals ging es nur um Wasserkraft, heute geht es auch um Erdwärme. Der Vorsitzende des unabhängigen isländischen Umweltverbandes Landvernd Guðmundur Hörður Guðmundsson benutzt die Schlagzeile von Laxness wieder, wenn er auf den gegenwärtigen Masterplan zur Energienutzung in Island zu sprechen kommt.

myvatn3_masterplan Karte mit den Standorten des Rahmen-Energieprogramms.

Framtíðarlandið (die Bürgerinitiative Zukunftsland) hat eine Karte veröffentlicht, die die Standorte dieses Rahmen-Energieprogramms zeigt. Die grün gekennzeichneten stehen unter Naturschutz, die gelben sollen zur Nutzung freigegeben werden und die roten werden mehr oder weniger schon ausgebeutet.

Insbesondere der Südwesten Islands ist in Rot-Gelb gehalten. „Das ist nicht mehr Energienutzung", meint der Schriftsteller Andri Snær Magnason. Ich treffe ihn im ehemaligen Kraftwerk Toppstöðin am Rande von Reykjavík, das nun Kreativzentrum für Architekten, Designer und Künstler ist.

„Wenn wir die Energie, die wir bereits fördern, ausnutzen würden, hätten wir mehr als genug. Dieses Energieprogramm aber ist energy mining“, sagt Andri und meint damit Goldgräberei und Raubbau.

myvatn3_toppstodin_bvIm Toppstöðin.
Der Rahmen-Energieplan ist noch nicht verabschiedet, doch die Planungen laufen auf vollen Touren. Landsvirkjun will seine Energieproduktion in den nächsten 15 Jahren verdoppeln und Politiker halten künftige Stromlieferungen nach England oder Mitteleuropa für machbar (IR berichtete).

Doch zurück zum Mývatn.

Im Juli fand dort eine öffentliche Versammlung statt, bei der Landsvirkjun seine Planungen vorstellte. Nach wie vor fürchten Anwohner und Umweltschützer Luftverschmutzung und eine Kontamination des Grundwassers und des Sees durch die Abwässer des Kraftwerks.

Guðmundur Hörður berichtet in seinem Blog, alle Fragen seien auf der Versammlung von den Landsvirkjun-Mitarbeitern beantwortet worden, allerdings habe auf dem Podium kein unabhängiger Sachverständiger gesessen. Auch bei der Präsentation des Hellisheiði-Projektes hätten die Experten von Orkuveita versichert, es gäbe keinerlei Probleme mit Abwasser und Schwefelwasserstoff.

Landsvirkjun habe mit dem Kárahnjúkar-Staudamm das Ökosystem des Lagarflóts in Ostisland zerstört, das dürfe mit dem Mývatn nicht passieren, meint Guðmundur Hörður.

Die schlechten Erfahrungen mit den anderen Geothermalkraftwerken lassen auch den Journalisten und Umweltschützer Ómar Ragnarsson daran zweifeln, dass die Experten von Landsvirkjun die Probleme im Griff haben.

myvatn3_abend_bvAbend am Mývatn.

Im Nutzungsplan für das Bjarnarflag-Kraftwerk wird damit gerechnet, dass es an 55 Tagen im Jahr zu einer Luftverschmutzung kommt, die über dem Gesundheitsgrenzwert liegt, lese ich im Akureyri-Wochenblatt. In dem Artikel „Die Menschen am Mývatn sind nicht grundlos beunruhigt“ werden auch Studien zur Auswirkungen von Schwefelwasserstoff (H2S) auf den menschlichen Organismus vorstellt:

Die Umweltforscherin Ragnhildur Guðrún Finnbjörnsdóttir vermutet negative Folgen für herzkranke Menschen.

Hanne Krage Carlsen, Doktorandin an der Universität Island, hat einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Anstieg der H2S-Konzentration in der Luft des Hauptstadtgebietes und dem Verkauf von Mitteln gegen Asthma festgestellt.

Eine dritte, im Mai erschienene Studie von Aðalbjörg Kristbjörnsdóttir über Krebserkrankungen belegt ein erhöhtes Risiko von Bewohnern der Geothermalgebiete, an Brustkrebs und Hautkarzinomen zu erkranken.

In dem Artikel wird auch auf die Schäden an der Vegetation rund um die südisländischen Geothermalkraftwerke verwiesen. Wegen der geringen Niederschlagsmenge von nur 400 mm pro Jahr sei am Mývatn die Möglichkeit, den Schwefelwasserstoff aus der Luft zu waschen, wesentlich geringer.

myvatn3_mai2011_bvAbwasser der neuen Bohrlöcher am Bjarnarflag, Mai 2011.

Das Abwasserproblem bereitet dem Biologen Árni Einarsson vom Mývatn-Naturforschungszentrum RAMY Sorgen. Er erklärt mir, dass der natürlich warme Grundwasserstrom der Schlüssel zum Ökosystem des Mývatn ist, denn er liefert die Kieselerde für das üppige Wachstum der Kieselalgen. Doch bei der Entnahme geothermaler Energie wird der Grundwasserstrom abgekühlt und weniger Nährstoffe gelangen in die See.

„Landsvirkjun hat angekündigt, alle Abwässer vom neuen Kraftwerk und dem Bad würden tief in die Erde zurückgepumpt. So tief, dass sie tatsächlich den Mývatn nicht gefährden. Das sind gute Nachrichten, aber als sie gefragt wurden, was sie gegen den Abkühlungseffekt tun werden, der bei der Energiegewinnung eintritt, war die Antwort, dass sie das Abwasser an der Oberfläche ablassen. Ich habe ihnen einen Brief geschrieben und gefragt, wie sie beides tun können, das Wasser hinabpumpen und es an die Oberfläche ablassen. Keine Antwort bisher.“

Es gibt keine Begrenzung für die Tiefe der Bohrungen, die schräg in den Berg Námafjall gesetzt werden sollen. Árni befürchtet: „Wenn sie unter das touristische Solfatarengebiet auf der Ostseite des Námafjall gehen, besteht das Risiko, dass sie die Spalte treffen, die die heißen Quellen speist, und sie killen.“

myvatn3_hverarond_bvHverarönd, das Solfatarengebiet am Námafjall.

Das wäre das Aus für Hverarönd, eine der größten Touristenattraktionen Islands. Árni schreibt: „Niemand weiß, was passieren wird, und wir haben eine Grenze gefordert, wie weit sie in diese Richtung gehen dürfen.“

Fragen, die sich nicht nur in Bezug auf diese Bohrungen stellen: Wie weit darf man gehen? Wo sind die Grenzen?

Text&Fotos: Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Teil 1: Schafes TodTeil 2: Im Kraftzentrum der Krafla

Lesen Sie zum Thema auch unser Interview mit der isländischen Umweltministerin Svandís Svavarsdóttir zu Aluminium, Energienutzung und Naturschutz.

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