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Die „Black Pearl“ in Reykjavík (DT)

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dagmar02_dlNachdem Paul Allens Yacht 'Octopussy' ihren Besuch im Reykjavíker Hafen beendet hat, zog ein weiteres besonderes Schiff Besucher an – gestern morgen hat der Dreimaster „Alexander von Humboldt II“ seine Segel gesetzt und nach einem langen Wochenende Island in Richtung Travemünde verlassen.

Es war das erste Mal, dass die deutsche Bark die Insel im Polarmeer angelaufen hat – Grund genug, kurz vor Abfahrt an Bord zu springen und Seemannsluft zu atmen, denn so oft kommen Segelschiffe dieser Größe hier nicht vorbei.

Die „Alex“, wie man sie an Bord liebevoll nennt, ist krachneu, erst im vergangenen Jahr ist sie in der Bremer BVT-Werft vom Stapel gelaufen. Ihre Vorgängerin, die ebenfalls für die Deutsche Stiftung Sail Training segelte, kennt wohl jeder Deutsche aus der TV-Werbung: es war das Schiff mit den grünen Segeln, das für eine bekannte Biermarke über die Weltmeere gesegelt ist. Die erste „Alexander von Humboldt“ war ein 1906 gebautes Feuerschiff. So wurden die bemannten mobilen Leuchttürme in der Elbe genannt, die die veränderlichen Fahrrinnen markierten. Die Stiftung erwarb das alte Motorschiff im Jahr 1986 und baute es zu einem Segelschulschiff um. Das Nachfolgeschiff setzt nun weiße Segel und ist weiterhin die Adresse für Menschen, die dem Alltag auf ganz besondere Weise entfliehen möchten.

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Während eines 14-tägigen Törns kann man als Trainee die Handgriffe eines Matrosen erlernen.

Das Leben an Bord besteht aus Wachen im 12-Stunden-Rhythmus. Während dieser Zeit – beispielsweise von 8-12 Uhr und von 20-24 Uhr – befindet man sich an Deck und führt die Manöver aus, die der erfahrene Steuermann als Vertreter des Kapitäns anordnet und die nötig sind, um das Schiff von A nach B zu bringen. Sei es, gemeinsam Segel setzen oder einholen, Taue aufrollen, Deck schrubben, Kombüsendienste oder was auf hoher See sonst im Alltag so zu erledigen ist.

Eine Stammmannschaft aus erfahrenen Matrosen und Topsmatrosen leitet die „Urlaubslehrlinge“ an, die nach einer entsprechenden Anzahl an Fahrten auch eine Matrosenprüfung ablegen dürfen.

Es geht um das Gruppenerlebnis, erklärt Schiffsarzt Dr. Klaus Ellinghaus, der jedes Jahr mindestens einen Törn medizinisch begleitet und der uns im für medizinische Notfälle gut ausgestatteten Sanitätszimmer begrüßt. Alle müssen an einem Strang ziehen und alle in die gleiche Richtung. So mag es für manchen wohl auch ein Selbsterfahrungstrip sein, auf dem er lernt, was Teamarbeit wirklich bedeutet, wie man seine eigenen Kräfte realistisch einzuschätzen lernt, und dass Extrawürste, wie lange schlafen, schlichtweg tabu sind.

Die Trainees, so Ellinghaus, kommen aus allen Berufssparten aus ganz Deutschland und sind beileibe nicht nur Millionäre auf Sinnsuche. Er berichtet von einem Archäologieprofessor, und einem passionierten Opalschürfer und schwärmt, dass es mit solchen Teamkollegen auch außerhalb der Wachen nie langweilig wird.

Über 79 Kojen verfügt das Schiff, 25 Mann gehören zur Stammbesatzung. Etwa ein Drittel von Mannschaft und Trainees sind weiblich, und vom Jugendlichen bis zum 70-Jährigen trifft man jede Altersstufe an. Die Stammcrew samt Kapitän versieht ihren Dienst ehrenamtlich, zahlt für Anreise und Verpflegung selbst. Und die Leidenschaft fürs Segeln ist für manchen Kapitän so groß, dass er auch als Maschinist oder Matrose mitfährt, nur um dabei zu sein. Das spricht für die „Alex“ und fürs Gesamtkonzept.

Gegenüber von der Harpa liegt sie vor Anker, und der frische Wind lässt sie ganz sachte auf dem Wasser schaukeln. Regenböen fegen über Deck, ansonsten herrscht Stille an Bord. Wohin man auch schaut, ordentlich aufgerollte Taue, sorgfältig eingepackte Segel, modernste maritime Zweckmäßigkeit.

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Fotos: Dagmar Todler.

Es fällt dennoch nicht schwer, die Gedanken um die hohen Masten kreisen zu lassen, den Möwen hinterher, und sich mit dem nächsten Blick von der Brücke herunter wie auf der „Black Pearl“ zu fühlen. Da stehen sie doch, die harten Jungs in zerlumpten Klamotten, mustern uns mit finsteren Blicken … einer hängt barfuß in den Wanten, weiter oben noch zwei, gleich fällt das Segel, der im Ausguck schreit gegen den Wind an, und das letzte was man von ihm sieht, bevor er hinter einem der Rettungsboote verschwindet, sind Jack Sparrows geflochtene Zöpfe ...

Dagmar Trodler[email protected]www.dagmartrodler.de

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