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Ausgerechnet Island (NZ)

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nadinezwiener_dlEs herrscht angeregt-gesellige Stimmung hier im Café, es wird geredet, gelacht, einige Leute lesen oder sitzen vor ihren Laptops, manche spielen sogar Gesellschaftsspiele und dabei riecht es angenehm nach einer Mischung aus Kaffee und alten Möbeln.

Ich sitze, wie so häufig des Abends, hier, trinke meinen Kaffee, esse einen Muffin und unterhalte mich mit Valeska – einer anderen deutschen Praktikantin, die es hier nach Island verschlagen hat.

Wir sprechen über alles mögliche, darüber, was wir noch machen wollen, wie uns hier geht, wie der Tag war. Aber auch darüber, wie es dazu gekommen ist, dass wir jetzt hier sind, ausgerechnet in Island.

„Wieso eigentlich ausgerechnet Island?“ – das war wohl die Frage, die mir vor und während meiner Zeit hier am häufigsten gestellt wurde. Meine Antwort ist meistens: Das weiß ich selbst nicht genau, wobei das ehrlich gesagt nicht ganz wahr ist.

Denn im Grunde erinnere ich mich noch ziemlich gut an den Moment, als meine Leidenschaft für Island begann: Mit einer Fernsehreportage über Eiderenten.

Ich war fasziniert von der Weite des Landes, von den rauen Bedingungen und denen, die sich daran angepasst haben, von der wilden Natur und der einzigartigen und vielfältigen Kultur des Landes. Kurzum: Ich hatte mich völlig in diese Insel verliebt.

Trotzdem klingt es etwas seltsam, dass es eine Sendung im Fernsehen war, die meine Begeisterung für dieses Land entfacht hat, weswegen ich das meist nicht erzähle.

Aber die Frage hat mich nicht losgelassen: Was bringt denn eigentlich andere junge Leute, vorallem andere junge Deutsche, dazu, sich eben dieses Stückchen Erde auszusuchen?

Valeska zum Beispiel, diejenige, die ihre Abende meist gemeinsam mit mir in diesem urigen kleinen Café verbringt, ist ebenfalls Praktikantin. Sie ist genauso alt wie ich, kommt aus Berlin und ich mochte ihre offene, freundliche und lebenslustige Art auf Anhieb.

Das Praktikum, das sie am Forschungsinstitut der Isländischen Universität absolviert, dauert noch bis Mitte November, dann wird sie insgesamt dreieinhalb Monate in Reykjavík gewesen sein.

Eigentlich ist Valeska Laborassistentin in Deutschland, aber durch das Austauschprogramm Leonardo da Vinci, das jungen, begabten Leuten die Möglichkeit geben soll, Praktikumserfahrungen in anderen Ländern zu sammeln, ist sie hergekommen.

Das Programm ist eigentlich eine Initiative der EU, aber auch Island, als Mitglied des europäischen Wirtschaftsraums, hat sich angeschlossen.

Aber das erklärt natürlich noch nicht, warum Valeska hier ist, oder, präziser formuliert, warum sie sich ausgerechnet für Island entschieden hat.

Zunächst kann sie mir nicht wirklich einen Grund nennen, es sei eine spontane Entscheidung gewesen, sagt sie und lacht.

In dem Moment, als sie vor dem Bewerbungsbogen saß, überkam sie das Gefühl, dass es nicht nur ein besonderes Land sein sollte, in das sie geht, sondern auch ein nettes und ungefährliches.

Und da kam ihr Island in den Sinn. Erst als sie anfing sich zu informieren und schließlich sogar die Sprache zu lernen, kam sie zu der Überzeugung, dass es die richtige Entscheidung gewesen war.

Noch ein anderer Deutscher arbeitet am Forschungsinstitut: Michael. Ich habe ihn durch Valeska kennengelernt. Michael ist ein wenig älter als ich: er trägt einen Bart und grinst und lacht die ganze Zeit, während wir uns über einem Kaffee im selben kleinen Café unterhalten.

Wie er mir erzählt, ist er kein Praktikant, sondern Austauschdoktorand und für einen zweimonatigen Forschungsaufenthalt hier.

Später wird ihn im Gegenzug dafür sein isländischer Austauschpartner besuchen. Michaels Grund nach Island zu kommen, waren also vor allem die exzellenten Universiäten.

Nach Angaben des Deutschen Akademischen Austauschdienstes DAAD ist er nur einer von ungefähr 160 Studierenden, die jedes Jahr aus Deutschland auf die kleine nordische Insel kommen.

Und wer glaubt, dass sie sich nur für die bekanntermaßen besondere Geologie Islands interessieren – weit fehlt: die Studierenden entstammen einer bunten Palette unterschiedlicher Fächer.

Leider gibt es keine genaue Zahl zu jungen Deutschen in Island, selbst ungefähre Schätzungen sind schwer. Nach Angaben des Statistischen Bundesamt Islands leben zur Zeit 919 deutsche Staatsbürger in Island, von denen knapp vierhundert unter dreißig Jahre alt sind.

Aber es wird noch einige mehr geben, wie all die Personen, die zwar deutsche Wurzeln, aber die isländische Staatsangehörigkeit besizten und dann natürlich all jene, die nur für kurze Zeit hier sind: Für ein Praktikum, wie Valeska und ich, für das Studium, wie Michael oder einfach für ihren Urlaub. Mit mehr als 56.000 Übernachtungen bilden die Deutschen die größte Gruppe der Touristen.

Einer von ihnen ist Roy, ein anderer Deutscher, den ich während der Kulturnacht getroffen habe. Er ist für eine Trekkingtour nach Island gekommen und auch das war eher eine spontane Überlegung: Geplant war, gemeinsam mit einem Freund eine Wanderung zu unternehmen. Und Island, wohl bekannt für seine lohnenswerten Wanderrouten, ist schließlich das Ziel geworden.

Sie waren zehn Tage lang hier und sind durch die Gegend um das geothermale Hochlandsgebiet Landmannalaugar gewandert; die Bilder, die sie gemacht haben, sprechen Bände: wildromantische Landschaften, Wasserfälle, Natur... es ist überflüssig zu fragen, ob es ihnen gefallen hat.

Und das sind nur drei der vielen jungen Deutsche, die ich hier schon getroffen haben. So unterschiedlich ihre Geschichten sind, so vielfältig sind auch die Gründe, aus denen sie nach Island gekommen sind.

Und während wir also an diesem Abend im Café sitzen und über die Deutschen, die wir hier getroffen haben, quatschen, fällt Valeska und mir auf, dass wir doch alle etwas gemeinsam haben: Wir wussten, bevor wir herkamen, gar nicht viel über das kleine Land. Aber wir sind trotzdem gekommen. Oder vielleicht auch gerade deswegen: Denn Island ist noch immer etwas Besonderes.

Niemand hätte mich gefragt, warum ich ausgerechnet in einem anderen Land mein Praktikum machen möchte, wenn dieses Land Großbritannien oder Frankreich gewesen wäre. Aber ich habe mich entschieden etwas Ungewöhnlicheres zu machen und ich bin froh, dass ich das getan habe.

Island mag immer noch ein Geheimtipp sein, aber ein ziemlich guter. Und das in mehr als nur einem Sinne. Es ist eine gute Wahl für den Urlaub, für das Studium, es ist toll wegen der Landschaft, der Leute und aus noch so vielen anderen Gründen.

Und das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum alle jungen Deutschen, die ich hier getroffen habe – mich eingeschlossen – noch etwas anderes gemeinsam haben: Sie alle haben sich geschworen noch einmal wieder zu kommen.

Nadine Zwiener – [email protected]

Nadine Zwiener studiert Politikwissenschaft, Soziologie und Medienwissenschaften in Düsseldorf und absolviert bis Mitte September ein Praktikum bei der deutschen Ausgabe der Iceland Review Online.

Die in dieser Rubrik veröffentlichten Beiträge geben nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.