Reykjavík
3°C
E

Immigrantenleben (DT)

Ansichten

dagmar02_dlEs ist ein sehr besonderes Gefühl, für sich selbst zum ersten Mal den terminus „Einwanderer“ zu verwenden. Mit dem Besuch der Multikulturellen Kongress Fjölmenningarráð am 10. November im Borgarleikhús in Reykjavík bekam der Status einen offiziellen Hut.

Die Stadt Reykjavík und das Büro für Menschenrechte hatten zu einer Diskussionsrunde eingeladen, um die administrative Situation für Zuwanderer zu verbessern – um einfach mal zu hören, was uns auf dem Herzen liegt.

In einer Podiumsdiskussion sprachen sechs Einwanderer verschiedenster Herkunft über ihre Erfahrungen im fremden Land, wie sie die Sprache gelernt haben und wie sie anfangs klargekommen sind.

Im Anschluss wurden die Gespräche an organisierte Tische weitergegeben. Man konnte unter verschiedenen Sprachen wählen, von Englisch über Thailändisch bis hin zu Philippino. Deutsch war mangels Interesse der deutschen Immigranten nicht vorgesehen, und die beiden deutschen Teilnehmer fanden Platz an einem englischsprachigen Tisch.

Der Tenor der zu behandelnden Fragen lag auf der Verfügbarkeit von Informationen. Wo finde ich als Zuwanderer die Information, die ich brauche, um mich in einem Land dessen Sprache ich nicht verstehe, zurecht zu finden? Wie schaffe ich es, die Sprache zu lernen? Wie nehme ich am öffentlichen Leben teil, wenn ich die Sprache kaum verstehe? Welche Möglichkeiten habe ich, wenn kein Partner oder soziales Netz alles für mich organisiert?

Gleichgültigkeit ist ein internationales Phänomen, ob in Behörden oder im täglichen Zusammenleben, und so glichen sich viele Geschichten über mühsames von-Hinz-nach-Kunz-laufen, weil man auf Fragen „don’t know“ oder Schulterzucken erntet.

Das größte Problem scheint wie überall zu sein, wie man in isolierten Situationen lebende Menschen erreicht, um Hilfestellung zu geben.

Im Gegensatz zu anderen Ländern ist die Personenkennziffer Kennitala in Island ein offenes Datenbuch und beinahe jeder Mensch kann gefunden werden. Das Bewusstsein, dass Ausländer eben kein familiäres Netz haben, welches sie in Krisensituationen auffängt, muss auf der Insel erst wachsen.

Lösungen wurden nicht präsentiert.

Die will Island nun erst mal erarbeiten. „Politiker sprechen ‚über‘ die Ausländer, aber nicht ‚mit‘ ihnen,“ formulierte ein ehemaliges Parlamentsmitglied ausländischer Herkunft. Will sagen, die Einwanderer werden als Gruppe verwaltet, ohne dass bislang der Dialog gesucht wurde.

Das möchte die Stadt Reyjavík angesichts der inzwischen 30.000 Einwanderer im Land nun offensichtlich ändern. Und was der neugewählte Vorstand des Multikulturellen Kongresses wird bewirken können, muss sich noch herausstellen.

Die Neubürger packen vor allem selbst mit an. Mit Víðsýni-Vision beispielsweise geht ein neues Medienprojekt an die Öffentlichkeit, um per podcast und Net-TV die Stimme der Ausländer zu sozialen und kulturellen Themen zu präsentieren, und nicht nur als Unfallopfer oder Kriminelle in den Medien aufzutauchen.

Víðsýni-Vision soll als Informationsplattform dienen, und als Forum zum Austausch dort, wo man in der Landessprache (noch) nicht folgen kann.

Eine weitere hilfreiche Webseite aus isländischer Hand existiert bereits, doch kaum jemandem war bekannt, dass www.mcc.is so gut wie alle notwendigen Informationen über Einwanderung und administrative Belange in den unterschiedlichsten Sprachen enthält.

Der Multikulturelle Kongress war so viel eher ein multinationaler Kongress. Kultur darf nicht auf Volkstanz und Kochrezepte reduziert werden, Kultur ist weitaus mehr als eine andere Sprache.

Bevor man den Kulturtaler jedoch in die Schale werfen kann, müssen die grundsätzlichen Probleme geklärt sein, die den Einwanderer hier in Island erwarten.

Während Verwaltung und der Dialog mit der Gruppe der Zuwanderer nun hoffentlich wachsen, wird uns Ausländern im Land konkret weiterhin das helfen, was sich bisher als probat erwiesen hat: Selbstorganisation (wie W.O.M.E.N., die Organisation ausländischer Frauen in Island), soziale Netzwerke wie Facebook-Gruppen oder nationale Netzwerke und der persönliche Austausch, wann immer man sich untereinander trifft.

Letzteres ist tatsächlich einfacherer als „daheim“, denn uns eint alle unser Status und der Wunsch, mit jemandem zu reden, der uns versteht.

Dagmar Trodler – [email protected]www.dagmartrodler.de

Die in dieser Rubrik veröffentlichten Beiträge geben nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.