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Wind, Wasser, Wetter (bv)

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bernhild_dlSonntagabend Anfang September. Ich taste mich an der Mauer des Leuchtturms von Stykkishólmur entlang, bis mich der Wind packt. 55 Kilo sind für isländische Böen ein leichtes Spiel. Ich trete den Rückzug an. Wettervorhersage: Noch mehr Sturm.

Alles ächzt und kracht im Hostel, der Wind heult und pfeift – seltsam, diese Geräusche signalisieren mir Geborgenheit und ich schlafe gut. Andere nicht, denn der Norden Islands wird völlig überraschend von einem katastrophalen Schneesturm heimgesucht. Hunderte steckengebliebener Autos, Zehntausende vermisster Schafe. Notstand am Mývatn.

Am nächsten Morgen bleibt das Auto stehen, ich laufe zum Hafen und buche eine Fährfahrt für den Nachmittag. Einmal Flatey hin und zurück. „Da ist alles geschlossen“, erklärt mir die Angestellte der Fährgesellschaft, „aber wenn es zu stürmisch wird, kannst du ja dich in der Kirche aufhalten, bis die Fähre dich wieder abholt.“

www_stykisholmur_hafen_bvDer Hafen von Stykkishólmur.

Anschließend lasse ich mich Richtung Schwimmbad wehen. Und weil ich dort im Außenbereich ganz allein bin, probiere ich die Wasserrutsche aus, auf der sich eigentlich die Jugend tummeln sollte. Die Röhre bietet einen guten Windschutz, allerdings nur für Sekunden.

Und dann ab in den Hot Pot. Die isländischen Badeverantwortlichen sind immer darauf bedacht, dass die Zeit im Heißen Topf nicht ohne Information und Bildung verstreicht. In der Literaturstadt Reykjavík hängen oft spritzwassergeschützte Gedichte am Geländer, hier in Stykkishólmur sind es Wandtafeln, die mich über die Qualität des heißen und kalten Wassers informieren.

Voller Staunen lese, während der Wind meine Haare trocknet:

„Die geothermale Flüssigkeit aus dem Bohrloch bei Hofstaðir ist zertifiziert durch das deutsche Institut Fresenius … Das Institut erachtet das Wasser als geeignet für Menschen, die an Muskel-Skelett-Erkrankungen leiden, und empfiehlt es wegen seines reichen Salz- und Mineralgehaltes auch zum maßvollen Genuss.“

www_hotpot_bvIm Schwimmbad von Stykkishólmur.

Und dann kann ich die Zusammensetzung meines Hot-Pot-Wassers mit dem Thermalwasser von Baden-Baden vergleichen. Es enthält zum Beispiel zehnmal mehr Kalzium als das deutsche – trinken will ich es dennoch nicht.

Anschließend ins Vulkanmuseum. Eingerichtet wurde es von Haraldur Sigurðsson, dem renommierten Vulkanologen, im ehemaligen Kino seiner Heimatstadt.

wwwIm Vulkanmuseum Eldfjallasafn.

Die Halbinsel Snæfellsnes ist das vulkanische Archiv Islands, die Vulkane hier sind gerade mal seit 2.000 Jahren nicht mehr aktiv, erfahre ich. Auf eine Überwachung durch Seismographen verzichtet daher der isländische Wetterdienst, über dessen Wirken vor kurzem Kollegin Dagmar Trodler berichtet hat. Doch im vergangenen Jahr haben Wissenschaftler aus Bochum eine tiefliegende Bebentätigkeit auf Snæfellsnes registriert.

Snæfellsjökull, der magische Vulkan an der Spitze der Halbinsel, der Jules Vernes und Halldór Laxness inspirierte, schläft – erloschen ist er nicht.

Reproduktionen alter Stiche und Vulkangemälde, vulkanisches Gestein mit interessanten Informationen und viele Fundstücke von Haraldurs Vulkanexpeditonen rund um den Globus finden sich in dem Museum.

wwwDas Eruptionsgemälde im Vulkanmuseum Eldfjallasafn.
Am nachdrücklichsten in Erinnerung aber ist mir das Gemälde eines Vulkanausbruchs, eine Komposition aus Schlacke, Bimsstein und Öl. „Unbekannter isländischer Künstler, um 1980“ steht auf dem Schild. Aber oben am Bildrand klemmt ein handgeschriebener Zettel mit einem Namen: Sigurður M. Sólmundarson.

Sigi Sól, wie ihn seine Freunde nannten, die 1995 Nachrufe auf ihn im Morgunblaðið verfassten, wurde 1930 in Borgarnes geboren. Er war gelernter Tischler und arbeitete als Werklehrer in Hveragerði. Seine Kunstwerke aus natürlichen Materialien wurden in Selfoss, Hveragerði, Borgarnes und anderen Orten ausgestellt.

Die anderen Museen in Stykkishólmur befinden sich bereits im Winterschlaf. Doch Aldís Sigurðardóttir, die freundliche Leiterin des Regionalmuseums, schließt das Norska Húsið für mich auf.

wwwNorska Húsið, das Norwegerhaus in Stykkishólmur.

Das Norwegerhaus wurde 1832 von Árni Thorlacius (1802-1891) erbaut, einem wohlhabenden Kaufmann, der es sich leisten konnte, das zugeschnittene Bauholz auf seinem eigenen Schiff aus Norwegen zu holen.

Man hat sich bemüht, den Originalzustand der Inneneinrichtung des Norska Húsið zu rekonstruieren. Empfangs-, Musik-, Wohn-, Gäste- und Kinderzimmer und anderes mehr – das war Wohlleben pur im Gegensatz zur Enge und Düsternis der damaligen Torfhöfe.

Doch Árni ruhte sich nicht auf seinem Reichtum aus, er war ein Förderer der Literatur und setzte sich für Islands Unabhängigkeit an der Seite von Jón Sigurðsson ein. Ein gemeinsamer Freund, der Sagenforscher Konrad Maurer war 1858 im Norska Húsið zu Gast.

wwwDas Gästezimmer im Norska Húsið.

William Morris, das britische Allround-Talent, beschrieb Árni anlässlich seines Aufenthaltes im Jahre 1871 in seinem Reisetagebuch als aufgeregt, schüchtern, freundlich und gebildet. Im Wohnraum, so berichtete er, standen blühende Rosen und an den Balken hingen Käfige mit zwitschernden Vögeln neben Gewehren und Fischnetzen.

1845 begann Árni mit Wetteraufzeichnungen, die ersten in Island, die kontinuierlich durchgeführt wurden. Noch heute bilden sie eine wertvolle Quelle für die Meteorologen.

www_norskah3_bvÁrnis Wetteraufzeichungen sowie Spiegel und Pläne vom 1849 gebauten Leuchtturm der Stykkishólmur vorgelagerten Insel Elliðaey aus seinem Besitz.

Ich sehe auf die Uhr, ich muss mich von dem interessanten Ambiente losreißen, wenn ich noch ein weiteres Gebäude besichtigen will, bevor die Fähre ablegt. Ich bekomme den Schlüssel vertrauensvoll in der Stadtbibliothek ausgehändigt. Das Haus, das die von der amerikanischen Objektkünstlerin Roni Horn eingerichtete Wasserbibliothek Vatnasafn beherbergt, thront über dem Ort.

www_vatnasafn_bvAuf dem Hügel: die Wasserbibliothek Vatnasafn.

Seine ovale Fassade aus dem Nierentischzeitalter hat es mir angetan. Ich versuche das Gebäude einmal zu umrunden. Der Blick über Hafen und Stadt ist phantastisch, doch der Sturm treibt mich ins Innere.

Dieser Sturm ist mickrig im Vergleich zu anderen, erfahre ich im Vorraum. Hier liegen Bücher aus, in denen Stykkishólmur Einwohner in der Nachfolge von Árni Thorlacius über ihre Wettererfahrungen berichten:

Damals, als die Fuchsfarm davongeblasen wurde … Damals vor den Westfjorden, als das Navigationsgerät ausfiel ...

Die Autorin Oddný Eir Ævarsdóttir hat zusammen mit ihrem Bruder und ihrem Vater die mündlichen Berichte für den Projektteil Weather reports you gesammelt.

Schriftsteller, isländische und ausländische im Wechsel, haben im Gebäude eine Residenz zum Schreiben erhalten. Guðrún Eva Mínervudóttir war die erste, die hier im Mai 2007 einziehen konnte.

www_vatnasafn2_bvIn der Wasserbibliothek Vatnasafn.

Die Wasserbibliothek, die ich nun in blauen Plastiküberschuhen betrete, ist ein Ort der Ruhe und der Meditation. In 24 Glassäulen ist Wasser aus verschiedenen Gletschern versammelt, uraltes Wasser, durchflutet von natürlichem Licht, das durch die großen Fensterflächen einfällt.

Immer neue, immer wechselnde Aus-, Ein- und Durchblicke – „ein Leuchtturm, in dem der Betrachter das Licht wird“ (Roni Horn).

Wetterworte am Boden: ruddalegt (rauh), stormasamt (stürmisch), stillt (ruhig) …

Ja, jeder Sturm legt sich einmal zur Ruhe und es wird stillt.

Ich jedoch muss hinaus in den Sturm, wenn ich die Fähre Baldur noch erreichen will.

Text&Fotos: Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Fortsetzung folgt. Wem dieses Thema zu wenig weihnachtlich ist, kann sich bei den Weihnachtstrollen aus den Vorjahr umsehen oder noch schnell Trollkekse backen.

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