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Matthías und Matthäus an Weihnachten (DT)

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Weihnachten ist vorüber, dennoch möchte ich gerne von einer isländischen Weihnachtsgeschichte erzählen. Dafür ist es nie zu spät.

Gegen fünf Uhr morgens am Heiligabend kommt ein Mann auf einen kleinen Hof an der Þjórsá. Das Wetter war schlecht, Kälte stieg vom Boden hoch und Schnee lag in der Luft. Die Dunkelheit im Dezember ist ermüdend und überwältigend. Der Mann hatte weder ein Zuhause, noch war er irgendwo willkommen. Er hatte auch kein wirkliches Ziel. Das ist so ziemlich das schlimmste, was einem passieren kann: alleine sein und an Weihnachten nirgendwo willkommen sein.

Gott fragt nicht nach der Vergangenheit eines Menschen. Das tun nur wir – und wir fürchteten den entlaufenen Gefangenen aus dem Zuchthaus Litla-Hraun in Eyrarbakka. Er hatte dort wegen Mordversuch eingesessen. Eine ganze Woche lang war er auf der Flucht gewesen, hatte draußen in der Kälte geschlafen, war in Sommerhäuser eingebrochen, um Waffen zu stehlen und hatte sich vor der Polizei versteckt, ganz wie in einem spannenden Kinofilm. Er hatte niemanden, den er anrufen oder um Hilfe bitten konnte. Allein auf dem Weg in Kälte, Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit, an Weihnachten. Kaum vorstellbar im weihnachtsseligen Familien-Island.

Er klopfte am Heiligabend um fünf Uhr morgens an die Tür des Hofes, zur Aufgabe bereit. Und hier beginnt eine unglaubliche Weihnachtsgeschichte, die mich tief berührt hat. Der Bauer reicht ihm Essen vom Weihnachtsmahl der Familie, dann öffnet er ihm die Tür und bittet ihn in die Wärme des Hauses, er spricht mit ihm, bewirtet ihn mit Kaffee und Weihnachtskuchen, als ob er einen lieben Gast vor sich hat, während man gemeinsam auf die Polizei wartet.

Das erste was mir in den Sinn kam, war das Matthäusevangelium, Kapitel 25 Vers 35:

„Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt. Ich bin Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt“, und Vers 40: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

Am Heiligabend ist jemand nicht nur unglaublich mutig gewesen, sondern hat das Evangelium gelebt. Hat seine Hand in die Dunkelheit ausgestreckt, seine Tür einem unbekannten und gefährlichen Mann geöffnet, ihn in sein Haus gebeten und ihn gespeist.

Island ist ein harter Ort für alle, die nicht Teil der isländischen Gesellschaft sind, selbst wenn sie hier leben, eine Personenkennziffer haben und Steuern zahlen. Sie leben in Wirklichkeit vor den Toren der Gesellschaft. Ausländer, Fremde – und auch Kriminelle. Bisweilen ist es sogar hart für Isländer selber. Die Notrufhotline des Roten Kreuzes erhielt in den Weihnachtstagen über 90 Anrufe von Menschen in psychischer Not – ein großer Teil davon rief an, weil er unter Einsamkeit litt und sich nicht zu helfen wusste. Das ist kein gutes Zeichen für so ein kleines Land.

Sigurður Páll Ásólfsson und seine Tochter Ragnheiður Björk Sigurðardóttir sind schimmernde Lichter in der Weihnachtsdunkelheit Islands. Danke, daß ihr dieses Licht angezündet und für uns alle Weihnachten eingeläutet habt.

Dagmar Trodler – [email protected]www.dagmartrodler.de

Der Text Matthías og Matteus um jólin ist am 28.12.2012 im Morgunblaðið veröffentlicht worden. Dagmar Trodler hat ihn für die Iceland Review Online ins Deutsche übersetzt.

Die in dieser Rubrik veröffentlichten Beiträge geben nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.