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Brave Lady (bv)

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bernhild_dlBreitbeinig steht der Fährmann vor dem offenen Bauch der Baldur und mustert mich verwundert. „Flatey?“, fragt er nach, obwohl er mein Ticket in der Hand hält. Mit einem anerkennenden „Brave Lady!“ lässt er mich passieren.

Ich wollte einen Sturmtag im September nutzen, um die kleine Insel Flatey zu besuchen, die ich bisher nur aus Büchern kannte. Nach etwa drei Stunden Aufenthalt würde mich die Fähre Baldur auf dem Rückweg von den Westfjorden einsammeln und zurück nach Stykkishólmur bringen.

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Brave Lady – besonders tapfer kam ich mir nicht vor. An Bord befand sich immerhin eine Gruppe junger Österreicher mit dem Ziel Hornstrandir. Einige tranken sich bereits Mut zu für das mehrtägige Abenteuer in dem unbewohnten und weglosen Teil der Westfjorde.

Als die Fähre den Hafen von Stykkishólmur verlassen hatte, gab ich meinen stürmischen Aussichtsplatz an Deck auf und sah mir die Wellenberge, die Baldur erstaunlich ruhig durchpflügte, durch die Glasscheibe des Aufenthaltsraumes an.

Da kam der Fährmann und fragte, warum ich ausgerechnet nach Flatey wolle, da wäre ja nichts mehr los. Ich begann zu ahnen, dass die Besatzung wenig Lust hatte, bei diesem Wetter wegen einem Passagier dort anzulegen.

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Dann erschien er ein zweites Mal und wies mich an, mit auf die Brücke zu kommen. Das kleine Eiland lag schon vor uns. Ich solle mir das überlegen, dort allein im Sturm … Etwas mulmig wurde mir schon, denn auf Island soll man in Wetterdingen unbedingt dem Rat der Einheimischen folgen.

„Ja“, antwortete ich nach einem Seitenblick auf den Mann am Steuer, den unser Disput nicht sonderlich zu interessieren schien. „Wenn es nicht zu schwierig oder zu gefährlich ist, anzulegen.“

Nun gab es kein Zurück mehr. Mein Fährmann trieb mich zur Eile an und ehe ich mich versah, stand ich an Land.

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Ein alter Mann nimmt ein paar Gasflaschen entgegen, nickt mir kurz zu, zieht den Landungssteg ein, löst die Trossen und verschwindet. Die Österreicher winken belustigt von der davontuckernden Fähre.

Der Anleger von Flatey macht nicht gerade einen einladenden Eindruck. Ein altes Gefrierhaus, ein Ensemble aus rostendem Wellblech und verwitterndem Beton umgeben von Gerümpel. „Ein Ort an dem die Zeit still zu stehen scheint“ – die Werbung der Fährgesellschaft Sæferðir scheint nicht übertrieben.

Ich wähle den westlichen Uferweg und biege vor dem Dorf landeinwärts ab. Der Sturm pfeift mir um die Ohren, reißt ab und zu ein Stück Wolkendecke auf und gönnt mir ein paar Sonnenstrahlen.

Auf den Wiesen steht das Gras noch hoch, ein paar Schafe heben ungehalten die Köpfe, weil ich sie beim Fressen störe. Hier irgendwo muss der Milliardär und Samskip-Reeder Ólafur Ólafsson mit seinem Hubschrauber gelandet sein, eine Szene, mit der Halldór Guðmundsson sein Krisenbuch Wir sind alle Isländer einleitete. Nun steht Ólafur im so genannten Al-Thani-Fall wegen Auftragsbetruges vor Gericht.

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Auf der Kirchenanhöhe erinnert eine Gedenkplatte auf schmucklosem Betonsockel an den Komponisten Sigvaldi Kaldalóns, der in den Zwanziger Jahren Arzt auf Flatey war.

Ísland ögrum skorið ...“ Die erste Strophe des von ihm vertonten Liedes, das es fast zur Nationalhymne gebracht hätte, ist eingraviert. Island von Buchten zerschnitten. Da muss man den Blick bis zu den Bergen der Westfjorde am Horizont schweifen lassen, denn Flatey, eingebettet in die Schärenwelt des Breiðafjörður, ist langgestreckt und flach.

In der Kirche von Flatey erlebte das Lied seine Uraufführung, gesungen von Sigvaldis Bruder, dem Opernsänger Eggert Stefánsson, der Halldór Laxness zur Figur des Garðar Hólm im Roman Fischkonzert inspiriert hat (so nachzulesen in Halldór Guðmundssons Laxness-Biographie).

Die Angestellte von Sæferðir hat mir die schlichte weiße Kirche als Zufluchtsort empfohlen. Doch beim Betreten ist mir, als fiele mir die Erde auf den Kopf. So etwas habe ich noch nicht gesehen und schon gar nicht in Island.

Da werden an der gewölbten Decke Boote gebaut, die Trú (Glaube) und Von (Hoffnung) heißen, Fische und Robben gefangen und verarbeitet, der Pfarrer und Gemeindemitglieder präsentieren sich in alter Tracht und zwei Schafe mit wehenden Wolllocken. Auch Sigvaldi ist hier zu finden, er hält ein Notenblatt in der Hand.

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Und dann die Altarwand. Wieso kommt mir Jesus, der da im Islandpulli lopapeysa an der Pier steht, und einer der beiden Jünger so bekannt vor? Erst später lese ich die Geschichte der Wandbilder nach. Ihr Schöpfer heißt Baltasar Samper. Der spanische Maler kam 1964 als Tourist nach Flatey, bezahlte seinen Aufenthalt mit dem Ausmalen der Kirche und blieb in Island hängen.

Doch Feuchtigkeit zerstörte die Bilder. 1992 schuf er zusammen mit seiner Frau Kristjana Guðnadóttir Samper neue Gemälde. Es heißt, er habe dem Gottessohn seine eigenen Gesichtszüge verliehen, doch ich finde, der Jesus hat große Ähnlichkeit mit dem 1966 geborenen Sohn des Malerpaares, dem bekannten Regisseur Baltasar Kormákur.

Und der bärtige Jünger ist der alte Mann im Hafen. Er heißt Hafsteinn, ist Eiderentenbauer und hält zusammen mit seiner Frau im Winter die Stellung auf dem kleinen Eiland.

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Ich war so beeindruckt von der Kirche, dass ich das Häuschen dahinter, die bókhlaða, die kleinste und dienstälteste Bibliothek Islands, errichtet im Jahre 1864, gar nicht wahrnahm. Dort gibt es ein Faksimile des berühmten Flateyjarbók. Das ist eine Zusammenstellung von Sagas, niedergeschrieben im 14. und 15. Jahrhundert, die auf Flatey verwahrt wurde, bis sie im 17. Jahrhundert in die königliche Bibliothek Kopenhagen gelangte. 1971 erst kehrte das Flateyjarbók nach Island zurück.

Auch das ebenfalls auf dem Hügel liegende Haus Klausturhólar beachtete ich nicht. Sein Name erinnert an das 1172 errichtete Augustinerkloster, das schon zwölf Jahrspäter auf den Berg Helgafell bei Stykkishólmur verlegt wurde.

Ich sah mich auch nicht auf dem Friedhof um, einem der Schauplätze im Krimi Das Rätsel von Flatey von Viktor Arnar Ingólfsson, der sich ebenfalls um das Flateyjarbók dreht.

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Ich wandte mich dem Oststrand zu, streifte durch das Vogelschutzgebiet, wo zur Brutzeit der Eiderenten der Zutritt verboten ist, vorbei an Wracks und tangfressenden Schafen. Ich umrundete die Nordspitze, den Lundaberg, an dem sich im September keine Seevögel mehr tummeln, und gelangte zum Dorf. Die hufeisenförmige Insel Hafnarey bildet einen natürlichen Schutzwall vor dem ehemaligen Hafen und dem kleinen Anleger des Dorfes, der Þýskavör (deutscher Steg) heißt.

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Der einstige Fischerort ist eine beliebte Filmkulisse. Hier wurden Nonni und Manni gedreht. Die bunten Holzhäuser sind heute fast alle Sommerhäuser. Auch das Hotel ist nur in der Saison geöffnet. Da die Höfe von Hafsteinn und einem zweiten Bauern abseits liegen, ist das Dorf ab Ende August ein Geisterort.

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Die Stunden auf der Insel waren wie im Flug vergangen. Nach Sonnenuntergang näherte sich Baldur. Zwei Gänse kamen aufgeregt um die Gefrierhausecke gerannt und stellten sich am Anleger in Positur. Ob sie sich von der Ankunft der Fähre mehr als nur Abwechslung im Inseleinerlei erwarteten?

Niemand fragte an Bord nach, wie es brave Lady auf der einsamen Insel ergangen war. Ich aber fand, sie habe eine große Tasse heißen Kaffees verdient.

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Drei Wochen später gab es für mich ein überraschendes Wiedersehen mit Baldur. Aufgedockt lag sie im Hafen von Reykjavík: Antirostkur, Make-up, Repairing – das ganze Anti-Aging-Programm.

Doch schon Ende November musste sie mal wieder zwei Wochen lang für die havarierte Westmännerinsel-Fähre Herjólfur einspringen. Brave Baldur!

Text&Fotos: Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Hier finden Sie den vorhergehenden Beitrag Wind, Wasser, Wetter über Stykkishólmur.

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