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Schmuck mit Pferdefuß (DT)

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dagmar02_dlWie oft hat man schon davorgestanden – vor filigran gearbeiteten Armbändern aus Rosshaar, vor Ketten und Anhängern aus poliertem Horn, von geschickter Hand in Form gebracht, und wie oft hat geseufzt, wenn man das Preisschild umgedreht hat.

Handgearbeiteter Schmuck hat seinen Preis, und warum das auch bei den kleinen Kunstwerken aus Tierknochen so sein muss, war bei einem Innovationsseminar in Hvammstangi zu erfahren.

Jóhanna Jósefsdóttir und Unnur Haraldsdóttir stellten das Werk ihrer Hände vor, das sie seit einiger Zeit regional zum Kauf anbieten: ausnehmend schön gearbeitete Schmuckstücke aus Pferdehaar und – möglicherweise einmalig in Island – Ketten und Anhänger aus dem Horn von Kuhklauen und Pferdehufen. Die blankpolierten Stücke stehen afrikanischer Hornkunst in nichts nach. Schmuck aus Klauenhorn ist bei Kuhbauern richtig beliebt, verraten die beiden Künstlerinnen.

pferdefuss_hrosshar1Unnur Haraldsdóttir und Jóhanna Jósefsdóttir, die beiden Künstlerinnen aus Hvammstangi.

„Was an vorbereitender Arbeit dahintersteckt, weiß der Kunde nicht,“ sagt Unnur und lässt uns eine Gedankenreise in ihrer Werkstatt antreten. Das Rohmaterial für ihren Schmuck holen sich die beiden Frauen aus dem lokalen Schlachthaus.

„Rohmaterial bedeutet: man bekommt einfach ein abgesägtes Pferdebein überreicht,“ erklärt Unnur. Das Bein wird in einem vom Schlachthaus zur Verfügung gestellten Raum etwa 48 Stunden lang in Wasser gekocht, bis der Knochen blank liegt. „Beim ersten Mal ist mir da richtig übel geworden,“ sagt Unnur mit vielsagendem Blick.

pferdefuss_hufAus Huf wird Kunst.

Dann muss der Knochen weitergekocht und bearbeitet werden, um das Mark aus dem Inneren zu lösen. Die Hufe, aus denen Jóhanna betörend schöne Anhänger fertigt, werden in siedendem Öl so lange gekocht, bis sie so weich sind, dass man sie auseinanderziehen und flach pressen und trocknen kann. „Das Horn muss mindestens 12 Monate trocknen, bevor man es bearbeiten kann.“

Pferdehaar wird gründlich gewaschen und verlesen, bis es weich genug ist, um in mehreren Arbeitsgängen zu Armbändern und Ketten geflochten zu werden. Ein wahres Geduldsspiel für geschickte Hände.

Die Vorarbeiten zur Rohstoffgewinnung sind nichts für schwache Nerven und kosten viel Zeit und körperliche Arbeit. Dann erst beginnt die Feinarbeit, das Formen an der Drehbank, das Formgeben, Feilen, und Polieren der Pretiosen. Ein langer Weg für so einen Pferdefuß, bis er in der Schmuckschatulle im Laden liegt.

pferdefuss_hitchenDer Werdegang eines Armbandes aus Rosshaar.

Schmuck aus Pferdehaar von Unnur und Jóhanna hat es bereits bis in die Designerboutique Kraum am Reykjavíker Ingólfstorg geschafft, und die beiden Frauen aus Hvammstangi erhoffen sich, in diesem Sommer neue Märkte erschließen zu können. Sie arbeiten an einer Broschüre, um den Kunden an ihrem Arbeitsprozeß teilhaben zu lassen.

„In den Läden findet man soviel importiertes Kunsthandwerk und es kommen immer öfter Fragen nach der Herkunft,“ sagt Unnur. „Wir finden es wichtig, dass der Kunde weiß, wo unser Rohmaterial herkommt und wie wir es gewinnen.“

Die Geschichte dahinter verleiht den federleichten Schmuckstücken definitiv mehr Gewicht.

Dagmar Trodler – [email protected]www.dagmartrodler.de

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