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Leuchtturm-Hopping in Islands Nordosten (gab)

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gabi_dlSchon seit es sie gibt, üben Leuchttürme eine ganz besondere Faszination auf Menschen aus. Wer durch Island reist, bemerkt dies schnell auch bei sich selbst: Sobald ein Leuchtturm in der Ferne auftaucht, möchte man unbedingt hin, hineinsehen oder ihn zumindest von außen und möglichst von allen Seiten fotografieren.

Doch was ist es eigentlich, das an den in den Himmel ragenden Bauwerken so fasziniert? Auf diese Frage hat sicher jeder eine ganz andere, persönliche Antwort.

In einem Island-Forum habe ich einmal nachgefragt.

„Leuchttürme sind meist schöne alte, einmalige Gebäude an exponierten Punkten in Verbindung mit zuverlässiger Technik“, schwärmt Forums-Nutzer Sven.

Zusätzlich zu den Standorten liebt Rainer gerade „in Island die knallgelbe Farbe vieler Leuchttürme“.

Und Klaus: „An den isländischen Leuchttürmen gefällt mir vor allen Dingen die häufig anzutreffende orangerote Signalfarbe, aber auch die vielen unterschiedlichen Bauformen sind immer wieder interessant.“

Chris empfindet Leuchttürme als „spannende Gebäude in einer interessanten Umgebung“, die man gut „mit der umgebenden Natur ablichten“ kann: „Ich habe in Island jeden Leuchtturm, an dem ich nahe genug vorbeigekommen bin, fotografiert“, erklärt er.

Allerdings findet Manfred, man solle Leuchttürme lieber von der Seeseite aus bewundern: „Von dort zeigen sie ihre schönste Seite“, weiß er.

leuchtturm001Húsavíkurviti, der Leuchtturm von Húsavík, in einer Sommernacht 2011, Foto: Gabriele Schneider.

Mit der Frage nach der Faszination von Leuchttürmen verhält es sich ungefähr so, als würde man Frauen fragen, wie sie sich als junges Mädchen ihren Traummann vorgestellt haben.

Die einen hofften, ein Prinz auf einem weißen (Island-)Pferd würde heranreiten, sie aufs edle Ross heben und einfach in ein wunderbares und sorgenfreies Leben entführen, andere wünschten sich, so wie Gitte Haenning in einem Schlager einen Cowboy als Mann.

Ich selbst hatte ähnlich schwärmerische, sehr klar umrissene Vorstellungen: Bei mir würde es ein Leuchtturmwärter sein, der mein Herz eroberte. Der lebte in seinem Turm fernab der Zivilisation auf einem kleinen Inselchen oder an der Spitze einer weit ins Meer hineinragenden Halbinsel. Alle paar Tage käme der Postbote im Ruderboot zu ihm herausgerudert, brächte ihm die Tageszeitungen der letzten Tage und meine Liebesbriefe.

Dass wir richtige Briefe schrieben, läge unter anderem daran, dass das Internet damals bestenfalls in den Kinderschuhen steckte, so dass von Konversationen per Email, Chat oder gar ans Skypen damals nicht zu denken war.

Wir schrieben uns häufig, denn ich käme nur am Wochenende in die Einöde, einerseits, weil ich ja zur Arbeit ginge, andererseits, weil diese Art der Fernbeziehung unvorstellbar viel Romantik versprach.

Übrigens verriet Klaus im Island-Forum: „Nicht selten mussten die Leuchtturmwärter lange Zeiten einsam und allein auf den Leuchttürmen überstehen. Manche sollen von dem Brandungsgeräusch und der Einsamkeit sogar verrückt geworden sein.“ Meinem Leuchtturmwärter wäre dies, dank mir, selbstverständlich nicht passiert.

Den Traum von der romantischen Liebe zum Leuchtturmwärter träume ich schon lange nicht mehr. Aber ein angenehmes Gefühl beim Anblick eines Leuchtturms, dessen Anziehungskraft sind geblieben.

leuchtturm002Nordlichter über Tjörnes im Winter 2013, Foto: Gunnar Jóhannesson.

Neulich erzählte mir Gunnar Jóhannesson, der als Vertriebs- und Marketingleiter beim Touren- und Reiseveranstalter Fjallasýn in Húsavík in Nord-Island arbeitet, während wir in einer klaren Januarnacht auf der Halbinsel Tjörnes zu hellen, sich unablässig verändernden Nordlichtern am Himmel emporblickten, von einer neuen Tour, die sein Unternehmen erstmals im Sommer 2013 anbietet: einem dreitägigen Ausflug zu 14 Leuchttürmen im Nordosten Islands.

In diesem Moment erinnerte ich mich nach Jahren an meinen Jugendtraum vom Leuchtturmwärter. Der war zwar ausgeträumt, doch die Vorstellung, endlich mehr über die steinernen Riesen zu erfahren, weckte sofort mein Interesse.

leuchtturm003Tjörnesviti auf der Halbinsel Tjörnes im Winter 2013, Foto: Gabriele Schneider.

„Warum erst im Sommer“, schoss es mir durch den Kopf, „warum nicht gleich jetzt?“ Nun gut, es war mitten in der Nacht, am Tag darauf begann es zu stürmen, und letztendlich lagen noch fast fünf Monate zwischen dieser Nacht und dem ersten Leuchtturm-Trail.

Als die Menschen anfingen, zur See zu fahren, stellten die Daheimgebliebenen nachts am Ufer Fackeln auf oder entzündeten Feuer, um ihren Fischern den Weg nach Hause zu erleichtern.

Eine organisierte Aufstellung von Leuchttürmen gab es erst Anfang des 18. Jahrhunderts, als immer mehr Handel per Seeweg betrieben wurde. Zwei alte Feuertürme, die um 300 v. Chr. datieren, sind allerdings überliefert: der Koloss von Rhodos, der nur wenige Jahre überdauerte, sowie Pharos von Alexandria, der 1303 durch ein Erdbeben zerstört wurde.

Eine historische Wende brachte Anfang des 19. Jahrhunderts die Erfindung der Argand-Lampe mit Feuer hinter Glas und geschlossenem Laternenhaus.

Der französische Ingenieur Jean Augustin Fresnel erhöhte die Leuchtkraft von Leuchttürmen dann um 1820 nochmals, indem er optische Linsen mittels Aufteilung in mehrere Sektoren so konstruierte, dass austretendes Licht parallel gebündelt wurde und damit größere Tragweite erhielt.

Im Bezirk Þingeyjarsýsla in Nordost-Island siedeln schon seit mehr als 1.000 Jahren Menschen unter sich ständig ändernden natürlichen Bedingungen.

Das Meer dort bietet seit jeher reiche Fischbestände, so dass nicht nur kleine Gehöfte, sondern auch kleine und große Siedlungen entstanden.

Seit etwa einem Jahrhundert begleitet das regelmäßig blinkende, leuchtende Licht von Leuchttürmen auch Reisende und Seefahrer entlang den Küstenlinien des Bezirks.

14 der freundlichen steinernen Wächter, die früher alle, die in der Gegend unterwegs waren, vor drohender Gefahr warnten und sicher nach Hause geleiteten sind es, die bei der Tour Besuch von Leuchtturm-Freunden bekommen werden.

leuchtturm004Mitten in Húsavík steht ein Schild mit Informationen über die Leuchttürme Nordost-Islands, Foto: Örlygur Hnefill Örlygsson.

Heute sind die Türme natürlich beliebte Sehenswürdigkeiten und, so verrät Gunnar, perfekte Orte fürs Geschichtenerzählen. „Es wird eine Art Abenteuertour“, sagt er, „aber mit sehr engem Bezug zu Natur und Tierwelt, zu den verschiedenen Standorten, der Küstenkultur und zu Geschichten aus der Gegend.“ Den Leuchtturm-Trail bietet Fjallasýn von Juni bis September an.

Los geht es in Húsavík, und die Teilnehmer reisen drei Tage lang von Leuchtturm zu Leuchtturm, so lange, bis sie alle 14 erblickt und erlebt und einiges über ihre Geschichte(n) erfahren haben. Manche Leuchttürme dürfen die Teilnehmer sogar von innen anschauen.

Der erste Tag der Tour steht unter dem Motto „Inseln und Nordpolarkreis“. An diesem Tag sind die Teilnehmer mit dem Boot eines örtlichen Walbeobachtungs-Unternehmens unterwegs.

Am zweiten Tag geht es mit dem Bus weiter, nämlich über die Halbinseln Tjörnes und Melrakkaslétta.

Der dritte und letzte Tag führt die Gruppe schließlich im Bus weiter ostwärts zur Bucht Þistilfjörður (Distelfjord) und auf die Halbinsel Langanes und wieder zurück nach Húsavík.

Ich hatte ja gehofft, die Teilnehmer würden in Leuchttürmen schlafen, doch dies ist (selbstredend) nicht der Fall. Nach der Bootstour übernachten sie in Húsavík, die zweite Nacht verbringen sie in Raufarhöfn auf Melrakkaslétta.

Wer seine Unterkunft sowieso in einem der beiden Orte hat, braucht das Übernachtungsangebot übrigens nicht in Anspruch zu nehmen.

Zum Leuchtturm-Trail sollten sich Gruppen ab sechs Personen zwei, in der Hauptsaison besser vier Wochen vor dem gewünschten Termin anmelden.

Aber auch wer allein mitkommen möchte, kann Kontakt zum Veranstalter aufnehmen, der versuchen wird, Einzelpersonen in eine Gruppe aufzunehmen. Die Touren finden auf Englisch statt, in der Hochsaison auf Wunsch auch auf Deutsch.

leuchtturm005Gunnar Jóhannesson, Vertriebs- und Marketingleiter bei Fjallasýn, im Winter 2011, Foto: Gabriele Schneider.

Mit Blick auf meinen Jugendtraum hatte Gunnar Jóhannesson schließlich doch noch einen Wermutstropfen parat: „Wir können nicht versprechen, dass jemand bei einer Leuchtturm-Tour den passenden Mann findet.“

Dies nicht zuletzt, weil heute keiner der 14 Leuchttürme mehr bewohnt ist, die meisten es niemals waren. Sie wurden größtenteils von jemandem aus der Gegend betreut, und die eher kleinen Türme haben keine Wohnungen.

Doch auch ohne eigenbrötlerische Leuchtturmwärter wird es spannend: „Die drei Tage sind vollgepackt mit interessanten und lehrreichen Erfahrungen“, verspricht Gunnar.

leuchtturm006Húsavíkurviti im Winter 2013, Foto: Gabriele Schneider.

Gabriele Schneider – [email protected]www.hausbucht.de // www.nebenbei-bemerkt.blogspot.de

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