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bernhild_dlMeine interkontinentale Geschichte beginnt in Hofsós hoch oben im Skagafjord. Im Hafen unterhalb des unscheinbaren Ortes beherbergen alte Handelshäuser das Auswanderermuseum Vesturfarasetrið.

US-Bürger und Kanadier erfahren hier eine Menge über die widrigen Lebensumstände, die ihre Vorfahren im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nötigten, ihre Heimat zu verlassen. Beeindruckend ist auch die Fotoausstellung, die dokumentiert, wie sich die Isländer auf dem neuen Kontinent zurechtfanden.

stef_bruder_hofsosIch kaufte 2007 im Museum eine Postkarte mit einem 1895 in North Dakota aufgenommenen Foto (rechts). Einer der Kumpane, der langhaarige Joe, ist ein Bruder des Arktisforschers Vilhjálmur Stefánsson. Dieser weckte sofort meine Neugier, doch es blieb beim Vorsatz, mich näher mit ihm beschäftigen.

Vilhjálmurs Eltern waren nach einer Kälteperiode verbunden mit Missernten und dem Askia-Ausbruch Anfang 1875 nach Nýja Ísland ausgewandert, ein isländisches Siedlungsgebiet am Winnipegsee in der kanadischen Provinz Manitoba, dessen Hauptort den hoffnungsvollen Namen Gimli (Paradies) bekam.

Doch das Paradies war anfangs die reine Hölle. Die ersten Siedler waren auf das kontinentale Klima nicht vorbereitet; viele überlebten den ersten harten Winter nicht. Ein Jahr später fiel ein Viertel der auf 2.000 Menschen angewachsenen Kolonie einer Pockenepidemie zum Opfer.

Die Stefánssons nannten ihre Behausung nahe des Winnipegsees Hulduárhvammur (nördlich von Gimli im Bezirk Arnes). Hier kam am 3. November 1879 Vilhjálmur zur Welt. Knapp ein Jahr später entriss die große Flut der Familie zwei ältere Kinder.

Wie viele andere Familien gaben die Stefánssons nun auf und zogen 300 Kilometer weiter in den Süden, nach Mountain im US-Bundesstaat North Dakota. Nach dem Tod des Vaters 1891 arbeitete Vilhjálmur als Cowboy. Später konnte der Autodidakt studieren und wurde schließlich einer der bekanntesten Arktisforscher und Ethnologen seiner Zeit.

stef_bueste_bvEr lebte zwischen 1906 und 1918 jahrelang in der Arktis und unter Inuit. Auf seiner letzten Expedition, der Canadian Arctic Expedition, sank das Expeditionsschiff Karluk und 11 Mann kamen ums Leben. Immer noch wird Vilhjálmurs Rolle bei diesem Desaster kontrovers diskutiert.

Verluste an Menschenleben konnten den Forscher nicht aufhalten, die „freundliche Arktis” (so einer seiner Buchtitel) zu erkunden und ihre Besiedlung zu propagieren. Sein wettergegerbtes Gesicht strahlt Willensstärke und Selbstbewusstsein aus bis hin zur Sturheit und Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst und andere. Als wolle er seinem Vater nachträglich beweisen, dass man nicht aufgibt (schließlich wurde die Winnipeg-Kolonie doch noch eine blühende Gemeinde).

Im vergangenen Herbst arbeitete ich mit Dena Rueb Romero in Hanover, New Hampshire, an einem historischen Projekt. Als wir in einer Arbeitspause über den örtlichen Friedhof spazierten, sagte sie:

„Übrigens liegt hier auch ein Isländer. Ich erinnere mich noch an ihn, er wirkte auf mich als Kind furchteinflößend. Seine Frau Evelyn hat ihn viele Jahre überlebt, sie war viel jünger als er.” Er sei Arktisforscher gewesen, habe aber zuletzt am Kälteforschungsinstitut der US Army in Hanover gearbeitet.

Dann stehen wir vor dem Grabstein von Vilhjálmur Stefánsson, einem Stein, den Freunde des Forschers von Cape Reindeer auf Ellef Ringnes, einer Insel in der kanadischen Arktis, mitgebracht hatten.

Die Bronzeplatte ist nach einer Fotografie gestaltet, die Vilhjálmur nach erfolgreicher Robbenjagd zeigt. Und zu unserem großen Erstaunen liegen neben dem Grabstein zwei bunte Kiesel, jeweils mit der kanadischen und der isländischen Flagge bemalt.

stef_grab_bvGrab von Vilhjámur Stefánsson, Pine Knolls Cemetery, Hanover, New Hampshire

Hanover ist eine kleine sympathische Universitätsstadt. In der Rauner Library des Dartmouth College wird der wissenschaftliche Nachlass von Vilhjálmur, der auch Director of Polar Studies am Dartmouth College war, verwahrt. Nicht nur die 24 Bücher und rund 400 Aufsätze, auch ein Großteil seiner 25.000 Bände umfassenden Bibliothek, seine äußerst umfangreiche Korrespondenz und die Expeditionstagebücher. Dazu eine Sammlung von über 1200 Fotos und 713 Dias von den Polarexpeditionen, die man in hoher Auflösung online betrachten kann

Mr. Arctic oder Prophet des Nordens, der unter Freunden einfach nur Stef hieß, illustrierte mit den zum Teil handkolorierten Dias seine Vorträge über die „freundliche Arkis”, zeigte grüne Wiesen, blühende Tundra und das naturverbundene Leben der Inuits.

Mein Blick blieb an einer Nähmaschine hängen, die neben der Büste des Forschers im Bücherregal steht. Die Bibliothekarin erklärte mir, dies sei die Expeditions-Nähmaschine gewesen, die eine wichtige Funktion zum Herstellen und Ausbessern der Kleidung und der Zelte gehabt habe.

stef_naehmachine_bvExpeditions-Nähmaschine und Büste von Vilhjálmur Stefánnson in der Rauner Library, Hanover (NH).

Das Dartmouth College von Hanover hat die Stefánsson-Studie des isländischen Anthropologen Gísli Pálsson „Writing on Ice” herausgegeben. Gísli hat die Tagebücher unter ethnographischen Gesichtspunkten gesichtet und Erstaunliches zu Tage gefördert.

Auf seiner zweiten Expedition (1908-1912) hatte Vilhjálmur eine Inuit-Frau als Näherin angeworben, die Witwe Fannie Pannigabluk, die nach Inuit-Brauch formlos seine Frau wurde und ihm 1910 den Sohn Alex gebar.

Die neun Jahre ältere Fannie wurde zu Vilhjálmurs wichtigster Lehrmeisterin und Informantin, die er auch in den Tagebüchern erwähnt. Doch über die intime Beziehung und den Sohn schwieg er beharrlich. Er fürchtete (sicher nicht grundlos) Nachteile für seine Karriere nach Abschluss der Expeditionen und Spott in der isländischen Kolonie.

stef_robbe_bvVilhjámur Stefánsson auf Robbenjagd. Grabplatte, Pine Knolls Cemetery, Hanover.
Dennoch scheint er beabsichtigt zu haben, Alex in der Welt der Weißen aufwachsen zu lassen – die resolute Fannie soll dies strikt verweigert haben. Auch wenn Vilhjálmur nach 1918 nicht mehr in die Arktis zurückkehrte, scheint er doch immer wieder an den heranwachsenden Alex gedacht zu haben. Anders lässt sich kaum erklären, dass er 1924 (mit Coautorin Violet Irwin) ein erstes Kinderbuch Kak, the Copper Eskimo veröffentlichte, das von einem jungen „Kupfer-Eskimo” erzählt. Am Coppermine River war Vilhjálmur auf „weiße Eskimos” gestoßen, von denen er fälschlicherweise annahm, ihre Vorfahren entstammten Verbindungen von Kupfereskimofrauen mit isländischen Entdeckern um Leif Eriksson.

Die deutsche Übersetzung von Kak erschien 1925 unter dem Titel Kek, der Eskimo. Das noch antiquarisch erhältliche Buch besticht durch detaillierte Beschreibungen des Lebens der nordamerikanischen Inuit. Man erfährt, wie viel Freiheit die Kinder trotz der gefahrvollen Natur genossen und liest manch lustige Passage wie „Kek war sehr enttäuscht, dass ein weißer Mann nicht schimmerte und glitzerte wie neu gefallener Schnee.” Dieser Weiße, den die Inuit Omialik (Chef) nennen, verspricht seinem kleinen Freund Kek am Schluss der Geschichte, wiederzukommen.

Alex und seine Mutter aber warteten vergeblich auf die Rückkehr von Vilhjálmur. Fannie starb 1941 in Aklavik an Tuberkulose. Erst nach ihrem Tod heiratete Vilhjálmur seine Assistentin Evelyn Schwartz. Alex starb 1966, vier Jahre nach seinem Vater. Die Enkel des Forschers sind heute stolz auf ihren berühmten Großvater.

stef_rauner_bvRauner Library, Dartmouth College, Hanover.

Evelyn Nef Stefansson (1913-2009) war eine vielseitig gebildete und engagierte Frau; ihre Verbindungen zu Island wären eine extra Betrachtung wert. Ich realisiere erst jetzt, dass sie einer jüdischen Einwandererfamilie entstammte. Nun wird mir auch klar, warum sich Evelyn und Vilhjálmur in einem Komitee zur Errichtung einer jüdischen Republik in der sowjetrussischen Region Birobdschan engagierten (wodurch sie nach Kriegsende ins Visir der Kommunistenjäger gerieten).

Und so schließt sich der Kreis. Denn mich hat das Schicksal einer deutsch-jüdischen Familie nach Hanover geführt, der Familie Kleeblatt aus Salder (Salzgitter), über die ich vor 25 Jahren recherchiert hatte. Einige Angehörige konnten sich vor dem Holocaust retten und in die USA emigrieren. Dena hat ihre Fotoalben geerbt und gemeinsam versuchen wir, manches Rätsel auf den Bildern zu lösen.

Auch die Nähmaschine in der Rauner Library hat etwas Rätselhaftes. Wie eine Büste von Fannie Pannigabluk steht sie dort an Vilhjálmurs Seite – auch wenn die Inuitfrau Felle und Häute selbstverständlich mit der Hand nähte.

Text&Fotos: Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

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