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„Wie kommst Du hierher?” Zu Gast bei Minilik (DT)

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dagmar02_dlMyrrheduft umhüllt einen beim Betreten des unscheinbaren Holzhauses im Ortseingang von Flúdir im südisländischen Hrunamannahreppur. Elegant kräuseln sich die Wölkchen des Räucherwerks in der Luft, während afrikanische Musik sich wie eine bunte Patchworkdecke aufs Gemüt legt. Draußen tobt bei Null Grad der Ostwind ums Haus und erzählt Geschichten vom Schnee. Drinnen ist Afrika.

Azeb Kassay, die Inhaberin des äthiopischen Restaurants Minilik, schafft Wärme durch ihre bloße Anwesenheit, ihr ruhiges freundliches Umsorgen der Gäste – und mit ihrem sensationellen Kaffee, den sie so zubereitet, wie es in Äthiopien Sitte ist: die hellen Kaffeebohnen werden portionsweise von Hand in einem Töpfchen geröstet, bis sich ihr Duft entfaltet, danach gemahlen und aufgebrüht. Diesen zeremoniellen Kaffee, der mehrfach aufgegossen wird, verbringen Äthiopier mit Erzählen.

Azeb kam vor fünf Jahren als Au-Pair ins Land, fand die Liebe ihres Lebens und blieb. Das Restaurant war ihre Idee und ist ihr Projekt, sie kocht die nach fernen Ländern duftenden Gerichte alle selbst und serviert sie stilgerecht – im Minilik isst der Gast nämlich mit den Fingern, und manche Gerichte auch von einem Teller. In Äthiopien heißt es: wenn man vom gleichen Teller isst, betrügt man einander nicht.

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Gemeinsam essen ist Vertrauenssache, nicht nur in Äthiopien. Tischsitten und im Kreis angerichtete Speisen haben in der Tat philosophischen Tiefgang – wie der Name des Hauses: Menelik I. war König von Äthiopien und der uneheliche Sohn König Salomons und der Königin von Saba. Sein Name bedeutet „Sohn des weisen Mannes“, aber auch „Wie kommst du hierher?“ Eine dritte Schale Kaffee lässt einen bei der Frage in Gedanken versinken, während es aus der Küche vielversprechend duftet …

Fast alle Zutaten auf der Speisekarte stammen von regionalen Anbietern rund um Flúdir. Nur die Kräuter und Gewürze, die müssen aus Äthiopien sein. „Meine Mutter schickt mir immer Pakete,“ verrät Azeb lächelnd. Auf der Minilik-Speisekarte dominieren Rind, Lamm und Geflügel, geschmackvoll kombiniert mit auf Biss zubereitetem Gemüse, Linsen und äthiopischen Saucen. Dazu gibt es ein dünnes Fladenbrot, welches das Besteck ersetzt. Die Preise bewegen sich moderat zwischen 2000 und 3000 ISK. Und wer das Gefühl genießen kann, sich die in Brot gesteckte Speise von Hand in den Mund zu stecken, der mag vielleicht auch Gursha ausprobieren – den Brauch, seinen Tischnachbarn mit dem ersten Bissen zu füttern, um sich mit ihm für das gemeinsame Mahl zu verbinden.

Nach der Neueröffnung des Lokals im Jahr 2011 hatte halb Reykjavík auf der Matte gestanden. Kaum jemand hatte die 100 Kilometer nach Flúdir gescheut, und der Andrang war riesig gewesen. Doch Isländer werden einer Neuheit schnell müde, und im vergangenen Jahr bestand Azebs Klientel zu 80 Prozent aus ausländischen Touristen. Die sind etwas einfacher zu bedienen, gibt sie zu. Scharf gewürzte Speisen und die äthiopische Tischsitte, mit den Fingern zu essen, finden bei Isländern vom Lande keine echte Gegenliebe. Doch die, die ihre Skepsis überwunden haben, kommen begeistert immer wieder und nutzen auch gerne das Take-away Angebot. Das ist kein Wunder, Azebs Kochkunst ist nämlich einer Königin von Saba würdig.

Text&Foto:Dagmar Trodler – [email protected]www.dagmartrodler.de

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